KOMMENTAR | Der Hausarztvermittlungsfall soll weg – Sparmaßnahme oder Ausweichmanöver? Die Politik verschärft damit den Konflikt zwischen Haus- und Fachärzten, anstatt Fehlanreize zu beseitigen. Den Preis zahlt die Versorgung.
Der Hausarztvermittlungsfall (HVF) ist längst mehr als ein Abrechnungsdetail. Er ist zum Symbol geworden für ein ambulantes System, das an zu vielen Stellen gleichzeitig manipuliert, gekürzt und „nachjustiert“ wird – ohne erkennbaren Plan. Und er steht sinnbildlich für eine Politik, die dabei einmal mehr erfolgreich Haus- und Fachärzte gegeneinander in Stellung bringt.
Nun soll der HVF im Rahmen des GKV-Finanzierungsgesetzes gestrichen werden. Die Begründung ist eine angebliche „Doppelvergütung“. Einsparpotenzial: rund 400 Millionen Euro. Das klingt entschlossen – ist aber vor allem eines: gefährlich verkürzt.
Auch der Vorwurf der „Doppelvergütung“ ist (politisch) verkürzt – aber er fällt nicht vom Himmel. Im Hausarztvermittlungsfall erhält der Facharzt nicht nur eine extrabudgetäre Vergütung, sondern zusätzlich einen gestaffelten Zuschlag auf die Grund- oder Konsiliarpauschale: bis zu 100 Prozent, abhängig von der Dringlichkeit des vermittelten Termins. Auch diese Zuschläge werden außerhalb des Budgets vergütet. Offiziell sollte damit der Wegfall der Neupatientenregelung kompensiert werden. Faktisch entstand jedoch ein System, in dem ein vermittelter Termin deutlich besser vergütet ist als ein regulärer – obwohl beide medizinisch häufig identisch sind.
Hausärzte sollen in diesem System steuern, sortieren, priorisieren. Faktisch stehen sie jedoch oft ohne echte Steuerungsmacht da. Der HVF bringt ihnen kaum finanziellen Nutzen, dafür aber erhebliche organisatorische Verantwortung, inklusive der Rolle als Blitzableiter für ein strukturelles Systemversagen. Wenn Patienten vom Facharzt mit der Aufforderung „nur über Hausarztvermittlung“ zurückgeschickt werden, eskaliert oft der Konflikt. Viele Hausärzte verweigern diese Praxis inzwischen bewusst – teils aus Frustration, teils, weil sie nicht länger Teil eines Systems sein wollen, das offensichtliche Fehlanreize produziert.
Gleichzeitig erleben sich Fachärzte als ökonomisch ausgepresst: Budgets sind früh erschöpft, weitere Leistungen bleiben unvergütet, politische Verlässlichkeit existiert nicht mehr. Der HVF ist einer der letzten verbliebenen Anreize, überhaupt zusätzliche GKV-Termine anzubieten. Mit ihm fiele nicht die „Überversorgung“ weg – sondern die Motivation. Die Reaktion ist absehbar: keine Kapazitätserweiterung, Rückzug in private Angebote, defensive Terminplanung. Nicht aus Gier, sondern aus ökonomischer Selbsterhaltung.
Man kann den HVF streichen. Man kann ihn reformieren. Man kann ihn ersetzen. Was man aber nicht kann: die Budgetierung ignorieren. Solange jeder zusätzliche GKV-Patient betriebswirtschaftlich schadet, wird es keine nachhaltige Entlastung geben, weder für Haus- noch für Fachärzte. Dass selbst die gerade erst beschlossene Entbudgetierung im hausärztlichen Bereich bereits wieder infrage gestellt wird, unterstreicht die politische Orientierungslosigkeit (DD Verzweiflung), mit der derzeit ambulante Versorgungspolitik betrieben wird.
Während sich Haus- und Fachärzte aneinander abarbeiten, stehen die Patienten zwischen den Stühlen. Sie pendeln zwischen Praxen, hören widersprüchliche Erklärungen und erleben ein Versorgungssystem, das für sie zunehmend unverständlich wird. Sie erleben hautnah, wie ein politisch erzeugter Verteilungskonflikt auf dem Rücken der Versorgung ausgetragen wird. Genau das ist wiederum politisch bequem: Der Frust richtet sich nicht gegen Krankenkassen oder Gesetzgeber, sondern gegen „die Ärzte“. Divide et impera – ein altes Prinzip, das hier erneut erschreckend gut funktioniert.
Wenn ein ambulantes System nur noch über Zuschläge, Ausnahmeregelungen und Umgehungstatbestände funktioniert, dann ist es strukturell instabil. Weitere Einsparungen, etwa im Rahmen neuer GKV-Finanzgesetze, würden dieses System nicht reformieren, sondern kippen lassen. Und wenn es kippt, muss man leider sagen: Überraschend kam das nicht.
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