Das Suizidrisiko von Ärzten ist deutlich erhöht. Schuld daran: das System, der Workload, das Selbstverständnis als Helfer. Ab wann wird Aufopferung gefährlich?
Der Eid des Hippokrates ist mehr als ein zu übersetzender Text im Altgriechisch-Unterricht. Er bildet ab, was den ärztlichen Beruf seit Generationen prägt – und diejenigen, die ihn ausüben, krank macht. Er handelt von Selbstaufopferung und Altruismus. Und obwohl ich selbst nach moralischen Prinzipien lebe: Irgendwann muss auch Schluss damit sein.
In den letzten Jahren geht der Trend in die richtige Richtung: Psychische Erkrankungen werden endlich entstigmatisiert. Während man früher als durchgeknallt bezeichnet wurde, gilt die wöchentliche Therapiestunde heutzutage als Selbstfürsorge. Aber leider bemerke ich diesen Trend kaum im klinischen Alltag. Und das, obwohl viele Ärzte es bitter nötig hätten. Einige überspielen es mit Humor, andere kompensieren mit massivem Workload. Und wieder andere machen viel mit sich selbst aus – bis sie einfach nicht mehr können. Bis das schwarze Loch der Depression sie voll und ganz verschluckt. Damit meine ich nicht, dass man mal eine schlechte Woche hat und traurig ist. Traurig ist jeder mal. Aber dass die mentale Last der ärztlichen Laufbahn schon im Studium ihre ersten Opfer fordert, habe ich selbst zu spüren bekommen.
Bevor ich mein Studium begonnen habe, war mir überhaupt nicht bewusst, worauf ich mich einlasse. Es gibt unfassbar viele Probleme im Gesundheitswesen, die mich beschäftigen. Aber viele dieser Probleme sind bedingt durch eine mangelnde Infrastruktur, politische Versäumnisse und gesellschaftliche Diskussionen. Auch der Weg zum Burn-out wird durch unser kollabierendes Gesundheitssystem geebnet. Doch kaum einer spricht darüber, wie wir diesen Umstand durch unsere chronische Selbstaufopferung aufrechterhalten. Vieles wird einfach hingenommen, weggelächelt oder wegrationalisiert à la „Zähne zusammenbeißen und durch“. Wenn alle leiden, leidet dann überhaupt jemand? Wenn alle schweigen, gibt es dann überhaupt ein Problem?
In einer Famulatur, vor etlichen Jahren, traf ich einen Assistenzarzt, der wie ein Geist durch die Station zog. Seine Kollegen scherzten, dass die Klinik ihn gebrochen hätte. Einmal sagte mir der Assistenzarzt etwas. Ein Satz, den ich nie vergessen werde. Als ich ihn fragte, wie er nach seinem Dienst immer noch die Zeit fand, an den Arztbriefen seiner Patienten weiterzuschreiben, obwohl er sichtlich angeschlagen war, erwiderte er „Ich habe keine Zeit für Depression“, lächelte müde und widmete sich wieder dem Bildschirm. „Und wenn ich es nicht mache, wer macht es dann?“ Einige Monate später erfuhr ich von seiner monatelangen Arbeitsunfähigkeit und letztendlich seiner Kündigung.
Auch ich bin eine Idealistin. Auch ich habe mir geschworen, alles in meiner Macht stehende zu tun, um meinen Patienten zu helfen. Diese bedingungslose Hingabe meinen Mitmenschen gegenüber ist der Grund, warum ich es überhaupt in Erwägung zog, Ärztin zu werden. Aber dann kam der bittere Alltag der Klinik, und ich lernte schnell, dass diese Tugend ausgenutzt wird. Vom System, von Kollegen, sogar von Patienten. Ich beobachtete, wie Ärzte sich kaputt arbeiten – alles unter dem Deckmantel der Selbstaufopferung. Und obwohl ich immer noch fest daran glaube, dass wir diese Prinzipien, den Eid des Hippokrates, weiterhin umsetzen müssen: Ich weiß mittlerweile, dass ich mich nicht kaputt machen darf.
Bevor ein Flugzeug startet, wird eine Sicherheitsunterweisung durchgeführt. In einer der diversen Sicherheitsunterweisungen, die ich erlebte, kam mir einmal ein Gedanke auf, den ich nicht mehr aus dem Kopf kriege. Kommt es zu einem Abfall des Kabinendrucks, fallen bekanntlich Sauerstoffmasken. „Helfen Sie erst anderen, nachdem Sie Ihre eigene Maske aufgesetzt haben.“ Dieser Satz löste viel in mir aus. Wie gut kann ich meinen Mitmenschen überhaupt helfen, wenn ich mir selbst nicht richtig helfe?
Ich oute mich: Auch ich war schon mal in Therapie. Und es hat mich viel Überwindung gekostet, diesen Schritt zu wagen. Denn wenn nach außen hin alles in Ordnung ist, dann haben Mitmenschen wenig Verständnis und Empathie für einen. Selbst, wenn ein mittragender Faktor für diese Entscheidung die Arbeitsbelastung im Gesundheitswesen ist. In meinen letzten Blogs konntet ihr viel über meine Gedanken und Gefühle erfahren. Wie stark mich diese Gedanken und Gefühle beeinträchtigt haben und wie sehr ich unter ihnen litt, bemerkte ich erst, als es mir wirklich nicht mehr gut ging.
Erst, als ich mich fragte, warum ich überhaupt noch morgens aufstehe, bemerkte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. Erst, als ich mein Leben führte, ohne wirklich Freude zu empfinden, kam mir der Gedanke auf, dass das nicht normal war. Aber ich konnte es damals nicht richtig zuordnen. Ich schob es immer auf, weil andere Menschen es sicherlich nötiger als ich hatten. Doch als es nach einem halben Jahr keine Verbesserung gab, fiel bei mir der Groschen. Ich fasste allen Mut zusammen und startete meine Psychotherapie. Und ich bin bis heute dankbar, dass ich mich getraut habe, meine Probleme anzugehen – und sie nicht einfach auszuhalten. Natürlich weiß ich, dass meine Biografie ausschlaggebend für meine Themen war. Aber viele dieser Themen wurden bestärkt durch jene ungesunden Denkweisen, die unsere Identität als Ärzte bestimmen.
Wenn es euch selbst oder jemandem in eurem Umfeld nicht gut geht: Holt euch bitte Hilfe. Auch, wenn ihr denkt, dass es nicht schlimm genug ist oder andere es nötiger haben. Denkt auch mal an euch selber – nur so könnt ihr euren Patienten weiterhin die beste Hilfe leisten.
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