Welche Konsequenzen es haben kann, wenn Befunde unter Stress erstellt werden, zeigen die Fälle am Klinikum Bremen. Dutzende Patientinnen wurden aufgrund fehlerhafter Interpretation eines Biomarkers überbehandelt. Ein Systemversagen?
Als Anfang Dezember bekannt wurde, dass Ärzte in Bremen mindestens 34 Brustkrebs-Patientinnen über Monate hinweg zu intensiv behandelt hatten, war die öffentliche Empörung groß. Schnell stand der Vorwurf eines gravierenden ärztlichen Fehlurteils im Raum. Doch der Fall reicht weit über das Versagen einer einzelnen Person hinaus. Zwar gingen die falschen Therapien auf fehlerhafte Befunde einer Ärztin zurück. Zugleich macht der Vorfall jedoch sichtbar, unter welchem enormen Druck viele pathologische Institute inzwischen arbeiten. Hohe Fallzahlen treffen auf eine immer komplexere Biomarker-Diagnostik, während gleichzeitig qualifiziertes Personal fehlt.
Auslöser der Causa war eine Fachärztin für Pathologie am Klinikum Bremen-Mitte, die zwischen Oktober 2024 und November 2025 einen bestimmten Biomarker in Gewebeproben von Brustkrebs-Patientinnen offenbar falsch eingeordnet hatte. Nach Angaben des kommunalen Klinikverbunds „Gesundheit Nord“ (Geno) waren davon 34 Frauen betroffen. Sie erhielten auf Grundlage der fehlerhaften Befunde Antikörpertherapien und in einigen Fällen zusätzlich Chemotherapien – Behandlungen, die medizinisch nicht notwendig gewesen wären.
Bemerkenswert ist, dass der Fehler nicht innerhalb der Pathologie selbst entdeckt wurde, sondern im klinischen Alltag. Ein Gynäkologe wurde stutzig, weil der Tumor zweier Patientinnen nicht wie erwartet auf die Therapie ansprach. Er veranlasste eine erneute Überprüfung der Befunde und setzte damit eine umfassende Aufarbeitung in Gang. In der Folge prüften externe Experten rund 500 Diagnosen der betroffenen Ärztin rückwirkend. In 34 Fällen bestätigte sich die fehlerhafte Bewertung des Biomarkers.
Auch wenn der Klinikverbund davon ausgeht, dass sich die Prognose der betroffenen Patientinnen dadurch vermutlich nicht verschlechtert hat – es handelte sich um Über-, nicht um Untertherapien –, sind die Folgen dennoch gravierend. Antikörper- und Chemotherapien stellen eine erhebliche körperliche Belastung dar, können akute Nebenwirkungen verursachen und langfristige körperliche wie psychische Beeinträchtigungen nach sich ziehen.
Verantwortliche reagierten wie erwartet: Die Ärztin wurde freigestellt und führt keine Befundungen mehr durch. Für die Mammakarzinom-Diagnostik gilt nun kurzfristig ein Vier-Augen-Prinzip, ergänzt durch zusätzliche Stichproben-Befundungen. Zudem richtete der Klinikverbund eine Hotline ein und informierte alle betroffenen Frauen. Parallel dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung in 34 Fällen. Externe Gutachter sollen die Abläufe im Klinikum prüfen sowie Struktur und Ausstattung des Hauses bewerten; ausdrücklich angesprochen wird auch der künftige Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Diagnostik.
Ob die Strategie grundlegende Probleme löst, ist jedoch fraglich. „In einer Pathologie werden täglich hunderte Befunde befundet“, sagt Johann Ockenga, Klinikdirektor am Klinikums Bremen-Mitte. Nicht für alle Befunde könne ein Vier-Augen-Prinzip durchgeführt werden. Und Maßnahmen zur Qualitätssicherung hätten nichts Auffälliges ergeben. Seine Einschätzung spiegelt eine Realität wider, die viele Ärzte nur allzu gut kennen. Pathologen aus Deutschland stellen jedes Jahr mehr als eine halbe Million Krebsdiagnosen, darunter sind etwa 75.000 Brustkrebs-Fälle. Gleichzeitig wird die Diagnostik immer komplexer: Neben der klassischen Morphologie spielen die Immunhistochemie, molekulare Marker und prädiktive Tests eine wachsende Rolle. Ein falsch beurteiltes Detail kann – wie im Bremer Fall – die Wahl geeigneter Therapien immens beeinflussen. Hinzu kommt ein spürbarer Fachkräftemangel. Schon heute fehlen in vielen Bereichen der Medizin qualifizierte Ärzte. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) rechnet damit, dass bis 2040 kumuliert 50.000 Ärzte aller Fachbereiche fehlen.
Doch zurück zur aktuellen Situation: Der Berufsverband Deutscher Pathologinnen und Pathologen (BDP) und die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP) haben sich umgehend zu Wort gemeldet. In ihrer gemeinsamen Stellungnahme betonen sie, dass die Pathologie in Deutschland „grundsätzlich nach hohen Qualitätsstandards“ arbeite. Dazu gehören interne und externe Maßnahmen wie Zertifizierungen, Akkreditierungen, Ringversuche und breit angelegte Fortbildungsangebote.
„Ein verpflichtendes Vier-Augen-Prinzip gibt es nicht, die Einholung einer Zweitmeinung bei schwierigen und diagnostisch anspruchsvollen Fällen ist selbstverständlich und gelebte Praxis“, schreiben die DGP und der BDP. Die Einführung eines Vier-Augen-Prinzips in Bremen sei „eine adäquate Ad-hoc-Maßnahme bis zur Aufklärung, Fehleridentifikation und -behebung, um die Sicherheit der Diagnostik zu gewährleisten und das Vertrauen der Patientinnen wiederherzustellen“. Eine generelle Forderung in allen pathologischen Einrichtungen sei daraus nicht abzuleiten. Es handele sich auch nicht um einen international geforderten Standard.
Der Fall Bremen wirft aber noch eine ganz andere Frage auf: Verbessert die stärkere Zentralisierung der onkologischen Versorgung tatsächlich das Outcome – oder wächst der Druck auf hochspezialisierte Einrichtungen weiter, inklusive steigender Fehlerraten? Zunächst spricht die Datenlage klar für hochspezialisierte Zentren. Die WiZen-Studie (Wirksamkeit der Versorgung in onkologischen Zentren) beispielsweise zeigt, dass Frauen, die in von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Brustkrebszentren behandelt werden, einen deutlichen Überlebensvorteil haben. Je nach Auswertung liegt ihr Sterberisiko um etwa 12 bis 23 Prozent niedriger als bei Patientinnen, die außerhalb solcher Zentren versorgt werden.
Für die Pathologie bedeutet diese Konzentration jedoch eine wachsende Verantwortung. Besonders komplexe und diagnostisch anspruchsvolle Fälle landen zunehmend in zertifizierten Einrichtungen. Damit steigt nicht nur die Befunddichte, sondern auch die Belastung der dort tätigen Fachärzte. Qualitätssicherung wird unter diesen Bedingungen weniger zu einer Frage individueller Sorgfalt als zu einer strukturellen Aufgabe. Entscheidend ist, ob Personal, Arbeitsabläufe, digitale Unterstützung und finanzielle Ressourcen so aufgestellt sind, dass die hohen Qualitätsstandards im Alltag verlässlich eingehalten werden können.
Bleibt als Fazit: Die Fehlbefunde am Klinikum Bremen-Mitte sind fachlich gesehen das Ergebnis einer falschen Interpretation eines Biomarkers. Juristisch werden individuelle Verantwortlichkeiten zu klären sein. Medizinisch und gesundheitspolitisch ist der Fall aber mehr als ein Ausreißer: Er macht sichtbar, welche Risiken entstehen, wenn hochkomplexe Diagnostik auf Strukturen trifft, die dauerhaft unter Druck stehen. Die eigentliche Herausforderung ist, unser System so zu gestalten, dass Ärzte genug Zeit, Unterstützung und kollegiale Rückkopplung haben, um Fehler zu vermeiden, statt im Nachhinein sanktioniert zu werden.
Bildquelle: Meg Aghamyan, Unsplash