Der Streit um die Einnahme und Dosierung von Vitamin D scheint kein Ende zu nehmen. Besonders schwierig: die Supplementation in der Schwangerschaft. Was ein Vitamin-D-Mangel in dieser Phase mit Karies im Kindesalter zu tun hat.
Kaum ein Nahrungsergänzungsmittel sorgt für so viele kontroverse Debatten wie Vitamin D. Besonders in der Schwangerschaft war die Datenlage recht widersprüchlich: Während große Metaanalysen keine klaren Vorteile für viele gesundheitliche Endpunkte belegen, finden einzelne Studien durchaus positive Effekte, etwa auf den Knochenstoffwechsel.
Angesichts der unklaren Datenlage hat eine neue, prospektive Kohortenstudie besondere Bedeutung. Sie zeigt erstmals detailliert, wie der Vitamin-D-Spiegel in verschiedenen Schwangerschaftsphasen Karies bei Kindern beeinflussen kann – und das konsistent bei unterschiedlichen statistischen Modellen.
Der Hintergrund: Frühkindliche Karies (Early Childhood Caries, ECC) gehört weltweit zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter. Besonders drastisch zeigt sich die Situation in China: Laut einer nationalen Erhebung sind 71,9 Prozent aller Fünfjährigen betroffen. Aber auch international liegt die Prävalenz mit 57,3 Prozent bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren auf einem alarmierend hohen Niveau. Wissenschaftler der Zhejiang University sind deshalb der Frage nachgegangen, zu welchem Zeitpunkt sich das ECC-Risiko eigentlich erhöht. Die Forscher um Yunxian Yu betonen, dass die Mineralisation der Milchzähne bereits im zweiten Trimester beginne. Ein Vitamin-D-Mangel in dieser entscheidenden Entwicklungsphase könne die Struktur des Zahnschmelzes dauerhaft schwächen und die Anfälligkeit für Karies erhöhen, so ihre Hypothese.
Um diesen Zusammenhang genauer zu untersuchen, erfasste das Team Vitamin-D-Werte der Schwangeren in allen drei Trimestern und verknüpfte die Daten anschließend mit zahnärztlichen Befunden der Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren. Damit konnten sie erstmals auf methodisch hohem Niveau analysieren, welchen Einfluss der mütterliche Vitamin-D-Status vor der Geburt auf die spätere Zahngesundheit der Kinder hat.
Ihre Auswertung basiert auf 4.109 Mutter-Kind-Paaren, die zwischen 2011 und 2021 rekrutiert worden sind. Bei der letzten zahnärztlichen Untersuchung hatten 960 Kinder (23,4 Prozent) eine frühkindliche Karies. Besonders auffällig: Mütter, deren Kinder später an ECC erkrankt sind, hatten im zweiten Trimester signifikant niedrigere Vitamin-D-Werte als Frauen mit zahngesunden Kindern (Median 26,9 ng/ml vs. 28,7 ng/ml). Das galt auch für niedrigere Spiegel im dritten Trimester (26,1 ng/ml vs. 30,6 ng/ml). Mehrere statistische Modelle bestätigen diesen Trend: Jeder Anstieg des mütterlichen 25(OH)D-Spiegels senkte die ECC-Wahrscheinlichkeit signifikant. Kinder von Müttern mit Vitamin-D-Insuffizienz oder -Mangel hatten je nach Trimester ein bis zu 63 Prozent höheres Risiko, Karies zu entwickeln.
Die Relation zeigte sich ebenfalls in der Schwere der Erkrankung: Ein höherer Vitamin-D-Spiegel im dritten Trimester war mit niedrigerem dmft-Index verknüpft. Die Abkürzung steht für Decayed (kariös), Missing (fehlend) und Filled (gefüllt) Zähne (T). Der dmft-Wert ist einfach die Summe aus D plus M plus F.
„Wir sehen eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung“, schreiben die Autoren. „Selbst moderate Verbesserungen des Vitamin-D-Status können messbare Vorteile für die Zahngesundheit der Kinder bringen.“
Die Studienergebnisse lassen sich biologisch erklären. Vitamin D spielt eine zentrale Rolle im Calcium- und Phosphathaushalt und ist damit entscheidend für die Bildung des Zahnschmelzes. In den Zellen der Zahnentwicklung, den Ameloblasten und Odontoblasten, finden sich zahlreiche Vitamin-D-Rezeptoren. Wenn der Mutter während der Schwangerschaft dieser wichtige Mikronährstoff fehlt, beeinträchtigt das nicht nur die Mineralisierung der Zähne des Kindes. Auch die frühe Immunabwehr im Mundraum kann geschwächt werden – mit möglichen Folgen für die Mundgesundheit in den ersten Lebensjahren.
Neuere epigenetische Erkenntnisse knüpfen genau an diese biologische Grundlage an: Sie zeigen, dass Vitamin D die Aktivität jener Gene beeinflussen kann, die für Zahnreifung und Schmelzqualität entscheidend sind. Dadurch entsteht ein schlüssiges Gesamtbild, das erklärt, warum ein unzureichender Vitamin-D-Status bereits vor der Geburt langfristige Auswirkungen auf die Zahngesundheit haben könnte.
Warum lieferten ältere Studien teils so unterschiedliche Resultate? Ein Grund liegt in den stark variierenden methodischen Ansätzen. Viele Arbeitsgruppen haben lediglich einen einzelnen Vitamin-D-Wert der Mutter gemessen. Oder sie haben die Zahngesundheit der Kinder erst bestimmt, wenn bereits bleibende Zähne vorhanden waren. Die neue Studie setzt deutlich höhere Standards. Sie erfasst die Vitamin-D-Spiegel durchgängig über alle drei Schwangerschaftstrimester und fokussiert gezielt das Milchgebiss.
Auch randomisierte Studien mit Vitamin-D-Supplementen konnten bislang keine eindeutigen Effekte nachweisen. Die Autoren um Yu vermuten, dass dies am Zeitpunkt der Supplementierung liegen könnte. Denn stabile Vitamin-D-Spiegel stellen sich erst nach rund drei Monaten regelmäßiger Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel ein. Beginnt die Versorgung erst während der Schwangerschaft, kann ein Teil der kritischen Phase der Zahnentwicklung bereits abgeschlossen sein. Ihr Fazit: Prävention sollte idealerweise schon vor geplanten Schwangerschaften beginnen.
Doch wie belastbar sind die Ergebnisse tatsächlich? Aufgrund des Studiendesigns lassen sich lediglich Zusammenhänge erkennen, aber keine Kausalitäten. Zudem fehlten mehrere zentrale Einflussfaktoren, die das individuelle Karies-Risiko der Kinder maßgeblich bestimmen könnten – darunter die Vitamin-D-Aufnahme nach der Geburt, die Nutzung fluoridhaltiger Zahnpasta, Ernährungsgewohnheiten wie der Zuckerkonsum oder auch die familiäre Kariesbelastung.
Hinzu kommt, dass nicht für alle Teilnehmerinnen Vitamin-D-Werte aus allen drei Schwangerschaftstrimestern vorlagen. Dadurch steigt das Risiko systematischer Verzerrungen: Frauen mit vollständigen Datensätzen könnten sich hinsichtlich gesundheitlicher oder sozialer Merkmale von jenen unterscheiden, deren Werte lückenhaft waren. Auch die zahnärztlichen Untersuchungen der Kinder erfolgten nicht in gleichmäßigen zeitlichen Abständen, was zu unterschiedlich langen Beobachtungszeiträumen führte.
Auch die Studienkohorte wirft Fragen auf. Sie stammt aus einer wohlhabenden Küstenregion Chinas, deren Lebensbedingungen, etwa Ernährung, Gesundheitsverhalten oder Sonnenexposition, sich deutlich von anderen Regionen unterscheiden können. Inwieweit sich die Ergebnisse daher auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, bleibt offen. Um die Aussagekraft und Generalisierbarkeit der Befunde zu stärken, sind weitere umfangreiche, idealerweise multizentrische Studien erforderlich.
Die Studie legt nahe, dass die Karies-Prävention bereits weit vor der Geburt beginnt. Ein guter Vitamin-D-Status der werdenden Mutter, idealerweise schon vor der Empfängnis, könnte entscheidend dazu beitragen, Zahnschäden ihrer Kinder vorzubeugen.
Trotz noch offener Fragen sprechen sich die Autoren dafür aus, Vitamin-D-Screenings und entsprechende Supplementationen fest in die pränatale Versorgung zu integrieren. Angesichts der hohen Verbreitung eines Vitamin-D-Mangels – sowohl in China als auch in Europa – sei dies ein einfacher, sicherer und potenziell sehr wirksamer Präventionsansatz, schreiben sie.
Xu et al.: Vitamin D Levels During Pregnancy and Dental Caries in Offspring. JAMA Network Open, 2025. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.46166
Bildquelle: Silvana Carlos, Unsplash