In Jobs, in denen Leben auf dem Spiel stehen, haben Kranke nichts zu suchen. Wie ich lange Zeit unsichtbar blieb – und warum es gut ist, dass ich mich nicht mehr verstecken muss.
Der Rettungswagen schiebt sich durch die Nacht, das Blaulicht zerschneidet die Dunkelheit, flackert über Fassaden und Mauern. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, versuche, meinen Blick auf die Straße zu heften, den Kopf auf „Einsatzmodus“ zu stellen. Akute Atemnot, so steht es auf dem Melder. Doch die Gedanken rutschen, sie entgleiten meinem Kopf wie glitschige Fische. Ein kurzer Moment von Klarheit taucht auf, dann empfinde ich wieder nur Wasser, das mir durch die Finger rinnt. Meine Schultern fühlen sich seltsam an. Fremd, als gehörten sie nicht mehr zu mir. Weich. Matschig. Ein nasses Tuch, das langsam auskühlt, obwohl die Nacht schwer und warm an der Scheibe klebt. Ich versuche, den Zustand als Anspannung zu deuten, stattdessen zieht eine leise Kälte durch meinen Körper, wie ein Strom, der unbemerkt unter die Haut kriecht.
Dann kommen Gedanken, die keinen Sinn ergeben: ein Satz aus einem alten Lied, eine rote Ampel mitten im Wald, das Bild meiner Hand, wie sie eine Türklinke herunterdrückt, die es nicht gibt. Bruchstücke. Sinnlos aneinandergereiht, wie Karten, die jemand auf den Boden geworfen hat. Ich versuche, sie zu ordnen – doch sie zerfallen sofort wieder zu Staub. „Konzentrier dich“, sage ich mir. Doch meine eigene Stimme klingt plötzlich fremd, als käme sie aus einem anderen Raum. Vielleicht Hunger? Vielleicht Müdigkeit? Nein. Etwas in mir ahnt die Antwort, weigert sich aber, sie laut auszusprechen. Der Nebel verdichtet sich. Die Sirene klingt dumpf, als höre ich sie unter Wasser. Dann schneidet ein Wort durch das Grau – hart und scharf wie Glas: Hypoglykämie – ein altes Gespenst, das seit Jahren auf dem Beifahrersitz mitfährt: Typ-1-Diabetes.
Noch bevor der Gedanke zu Ende gedacht ist, greife ich nach der Dose Cola. Der Verschluss ploppt, süßes Prickeln schießt über meine Zunge – wie ein Seil, das mich zurückzieht. Noch ein Schluck. Wird schon. Draußen biegt der Wagen in die Zielstraße. Ich kämpfe gegen das langsame Versinken an. Dann sind wir da. Und endlich: Der Zucker beginnt zu wirken.
1994 war es alles andere als einfach, als Diabetiker im Rettungsdienst zu arbeiten. Damals gab es nur Insuline mit einem Spritz-Ess-Abstand von 15 Minuten, ein Albtraum bei plötzlichen Einsätzen. Blutzuckermessgeräte waren klobig und brauchten zwei Minuten für ein Ergebnis. Und das Verzögerungsinsulin zwang zu festen Essenszeiten. Problematisch, wenn der nächste Patient mit Herzinfarkt wartet und ich dann sagen müsste: „Sorry, Sie müssen kurz warten, bis ich meinen Apfel gegessen habe.“ Keine Option im Einsatz. Also schwieg ich. Ich verschwieg meine Erkrankung vor Kollegen, vor meinem Chef – sogar vor dem Betriebsarzt. Der Grund war schlicht: Angst um meinen Job. Ein Schreiben der Landesgeschäftsstelle hatte damals klargestellt, dass Diabetiker nicht eingestellt werden sollten. Diskriminierend? Ja. Aber vor allem menschenverachtend.
Also spritzte ich mein Insulin heimlich auf der Toilette. Einmal warf ich die Spritze achtlos in den Müll. Ein Kollege sah sie, und plötzlich wurde getuschelt. Der Verdacht fiel auf einen anderen Mitarbeiter, bei dem man aufgrund seiner Körperfülle Diabetes vermutete. Ich schwieg weiter und lernte, lautlos zu werden, Hypo-Anzeichen zu maskieren, Worte sparsam zu setzen, Hände ruhig zu halten. Ein Handwerk der Unsichtbarkeit. Die Selbstzweifel nagten trotzdem an mir. Bin ich geeignet für diesen Beruf? Was, wenn ich selbst im Einsatz Hilfe brauche? Darf ich einen Rettungswagen mit Patient führen? Was denken die Kollegen? Wie reagiert mein Vorgesetzter?
Der Betriebsarzt bemerkte einmal einen auffällig niedrigen Blutzuckerwert bei einer Untersuchung. Ich rechnete mit dem Schlimmsten: dem Ende meiner Laufbahn. Doch er war ein Mann von der alten Schule. Sein Blick wanderte vom Gerät zu mir und wieder zurück. Mein Verhalten passte nicht zum Messwert. Was er nicht wusste: Ich toleriere niedrige Werte lang. Selbst bei 50 mg/dl merkt mir kaum jemand etwas an – mitunter lag mein Wert sogar niedriger als der eines Patienten mit Hypoglykämie, den wir gerade behandelten. Der Arzt hielt das Messergebnis für fehlerhaft, steckte mir einen Zwanziger zu und sagte: „Kaufen Sie sich was zu essen.“ Auf dem Rückweg knisterte die Brötchentüte wie ein Geheimvertrag. Ich aß und schwor mir, es das nächste Mal besser zu tarnen.
Ein weiterer Grund für mein Schweigen war der Versuch, Stigmatisierung zu vermeiden. Ich wollte nicht, dass jede Laune oder jeder schlechte Tag mit einem spöttischen „Hast du wieder Zucker heute?“ kommentiert wird. Heute sieht die Welt ganz anders aus. Schnell wirkende Insuline, Insulinpumpen und Glukosesensoren haben die Therapie revolutioniert. Moderne Systeme regulieren die Insulinzufuhr automatisch, sobald sich der Blutzucker verändert. Eine Hypoglykämie wie damals ist kaum noch möglich. Und dank Smartwatch & Co. habe ich meinen Zuckerwert jederzeit im Blick. Trotzdem bleibt der Alltag ein Balanceakt: Sensoralarme vibrieren an der Pumpe, Katheter lösen sich, Sensor-Kleber versagt im Sommer-Schweiß – und doch muss der Einsatz laufen.
Auch gesellschaftlich hat sich vieles verändert: Menschen mit Typ-1-Diabetes, die eine intensive Therapie benötigen, können heute eine Schwerbehinderung anerkannt bekommen – mit Vorteilen wie erhöhtem Kündigungsschutz, Zusatzurlaub, Steuererleichterungen oder einem früheren Renteneintritt. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der eine Krankheit ein Makel und potenzieller Kündigungsgrund war – anstatt Teil der eigenen Biografie, den man selbstverständlich mit sich trägt. Ich erinnere mich an die vielen Nächte, in denen ich meine Werte heimlich gemessen habe, an die stumme Angst vor der Entdeckung, an das Gefühl, gegen zwei Gegner gleichzeitig zu kämpfen: gegen den nächsten Notfall und gegen meinen eigenen Körper.
Heute weiß ich: Beides gehört zu mir. Der Mensch mit der Insulinpumpe am Gürtel ist derselbe, der seit Jahrzehnten Leben rettet. Er ist nicht schwächer, nicht riskanter, nicht weniger geeignet – nur verletzlicher. Die Dose Cola bleibt für mich ein Symbol dafür, wie schmal der Grat ist, auf dem sich chronisch Kranke im Rettungsdienst bewegen: zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit. Zwischen Selbstverständlichkeit und Stigma. Und so fahre ich weiter Rettungsdienst. Denn ich bin trotz allem stark genug, Leben zu retten.
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