Wer den Cent nicht ehrt, ist den Euro nicht wert – und wer den Cent nicht erbt, dem bleibt das Medizinstudium verwehrt. Warum muss ich Job und Uni jonglieren, während anderen alles in den Schoß fällt?
Mittagspause im PJ. Hastig schnappe ich meinen Rucksack, packe meine Brotdose aus und beiße in mein leckeres Käsebrot. Gestern habe ich mir sogar den teuren Cheddar gegönnt, denn er war im Angebot. „Ich geh‘ mal eben rüber ins Café. Die haben tollen Cappuccino aus einer Siebträgermaschine. Und die Panini mit Prosciutto und Mascarpone sind auch der Wahnsinn“, schwärmt Karl. Er ist der andere PJler auf meiner Station. „Klingt lecker, bis später“, rufe ich ihm nach und schaue auf meinen Kalender. Mist, ich muss um 15 Uhr arbeiten gehen, aber wir haben um 14:30 Uhr noch Visite. Als Karl zurückkommt, nehme ich allen Mut zusammen und frage: „Du, Karl, ich habe wieder eine Bitte …“
Karl rettet ab und an meinen Allerwertesten. Denn weil ich neben dem PJ noch arbeiten gehen muss, bleibt mir nichts anderes übrig, als hier und da mal früher abzuhauen. Karl, Sohn einer Chefärztin und eines niedergelassenen Radiologen mit drei Standorten, hat nach dem PJ nicht viel vor: Tennis spielen oder Kollegen auf ein Weinchen in der Stamm-Bar treffen. Wenn mich die Stationsärzte mit Rucksack in der Hand erwischen, muss ich missbilligende Blicke in Kauf nehmen. Karl dagegen wird zur Kaffeepause eingeladen. Was mich anfangs traurig machte, nehme ich mittlerweile jedoch dankbar an. Denn jeden Tag einen Kaffee aus der Siebträgermaschine zu trinken, kostet mich umgerechnet eine Stunde Arbeit hier. „Woher weißt du sowas?“, fragte mich Karl einmal, als ich meine Überlegung mit ihm teilte. „Denkst du nie in Arbeitsstunden?“ „Na ja, ich habe ja noch nie so richtig gearbeitet“, beichtete Karl mir.
Ich kenne kaum andere Studiengänge mit so vielen unbezahlten Praktika. Versteht mich bitte nicht falsch: Jedes Praktikum hat seinen Stellenwert und ist wichtig für die klinische Ausbildung, sofern es dann auch diesen Anspruch hat. Ich finde es toll, dass alle Medizinstudenten einen Einblick in die Pflege bekommen und gelernt haben, wie viel unsere Kollegen wert sind. Aber reichen dafür nicht auch 30 Tage? Die 90 Tage im Schichtdienst taten meinem Geldbeutel und meiner Gesundheit jedenfalls überhaupt nicht gut. Karl, der Glückspilz, konnte sich durchmogeln. Der Sohn der Chefärztin kann sich auch mal freie Tage – oder Wochen – gönnen.
Ich brauche aber kein Mitleid. Mir geht es mit meinem Minijob vergleichsweise noch gut. Wenn ich an all die armen Seelen denke, die neben dem lernintensiven Studium noch in Teilzeit arbeiten oder gar ihre Kinder versorgen müssen und die keine finanzielle Unterstützung bekommen, dann werde ich traurig und wütend. „Dann mach halt nicht Medizin!“, denken sich einige von euch bestimmt. Und genau das ist der Knackpunkt. Warum sollte ich, die den nötigen Grips im Kopf und das Zeug dazu hat, nicht Medizin studieren dürfen? Weil meine Eltern mich dafür unterstützen müssen? Weil ich dafür Omis Erbe brauche? Weil ich dafür beim BAföG-Amt betteln muss, dass sie endlich meine Akte abarbeiten?
Karl dagegen kann einfach studieren. Karl kann seine ganze Zeit in Lernen investieren und auch mal ein oder zwei Semester wiederholen, ohne in Bergen von Schulden zu versinken. Karl kriegt über seine Mutter die Famulatur bescheinigt, obwohl er in Kitzbühel Skifahren geht. Für Karl ist der Begriff „Geldsorgen“ ein Fremdwort. Aber ich muss tadelnde Blicke aushalten und mir passiv-aggressive Kommentare von den Stationsärzten anhören, wenn ich arbeiten gehen muss. Ich muss mir von Seminarleitern anhören, dass ich mir ja auch „etwas anderes hätte aussuchen können“, wenn ich den Termin aufgrund von Arbeit tauschen möchte. Weil ich die gleichen Chancen auf einen Job als Ärztin wie Karl haben möchte. Weil ich meinem Vater, der sich sein Leben lang für mich und meine Bildung abschuftete und jeden Tag das gleiche Käsebrot – mit dem günstigen Käse – isst, etwas zurückgeben will. Denn er selbst musste sich damals gegen seine Bildung und für seine Familie entscheiden – weil er es sich einfach nicht hätte leisten können.
Warum ist das Medizinstudium immer noch Privileg der gehobenen Klasse? Ist Chancengleichheit auch im Medizinstudium eine Utopie? Warum wird darüber nicht gesprochen?
Bildquelle: Midjourney