Mit Nahrungsergänzungsmitteln kann man nichts falsch machen, so der Glaube. Dass das nicht stimmt, zeigen immer wieder kuriose Fälle – wie zuletzt der einer 84-Jährigen, die mit Pilzpulver ihren Blutzucker senken wollte.
Der Fall einer 84-jährigen Patientin, die nach regelmäßigem Konsum eines Reishi-haltigen Instant-Kaffees mit einer schweren Hypoglykämie in die Notaufnahme eingeliefert wurde, hat einen Pilz in den Fokus gerückt, der lange als eher unproblematisches Nahrungsergänzungsmittel galt. Die Patientin nahm das Produkt ausdrücklich zur „natürlichen Blutzuckersenkung“ ein – mit einem Blutzuckerwert von 2,2 mmol/l und entsprechender Symptomatik als Folge. Das wirft die Frage auf: Was ist Reishi eigentlich – und wie gefährlich ist die Einnahme wirklich?
Unter „Reishi“ oder „Lingzhi“ werden mehrere Arten der Gattung Ganoderma zusammengefasst, traditionell vor allem Ganoderma lingzhi (früher oft als G. lucidum bezeichnet). Es handelt sich um lackglänzende, holzbewohnende Porlinge, die an Stümpfen und Stämmen von Laubbäumen wachsen. In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) gilt Reishi seit Jahrhunderten als „Pilz der Unsterblichkeit“ und wird tonisierend, „lebensverlängernd“ und immunmodulierend eingesetzt. Verbraucherzentralen und BVL weisen auf der anderen Seite explizit darauf hin, dass Vitalpilze in Deutschland keine zugelassenen Arzneimittel sind und die Evidenzlage zu Wirksamkeit und Risiken „mehr als lückenhaft“ ist.
Zum Einsatz kommen getrocknete Fruchtkörper, Extrakte aus Fruchtkörpern oder Myzel sowie Sporenpräparate. In Europa und Nordamerika wird Reishi überwiegend als Nahrungsergänzungsmittel oder als Zutat in „Functional Food“ (z. B. Kaffee, Kapseln, Pulver) vermarktet, in der Regel ohne arzneimittelrechtliche Zulassung und ohne standardisierte Deklaration pharmakologisch relevanter Inhaltsstoffe.
Die pharmakologisch wichtigsten Inhaltsstoffe sind hochmolekulare Polysaccharide und Triterpenoide. Polysaccharide – insbesondere β-1,3/1,6-Glucane und proteingebundene Polysaccharide – zeigen in präklinischen Studien immunmodulierende, antioxidative und antihyperglykämische Effekte. Beschrieben wurden u. a. eine gesteigerte Aktivität Makrophagen und NK-Zellen (Natürliche Killerzellen), Veränderungen von Zytokinprofilen sowie eine Verbesserung der Insulinempfindlichkeit in Tiermodellen.
Triterpenoide, vor allem ganoderische Säuren, werden mit antiinflammatorischen, antitumoralen und möglicherweise hepatoprotektiven Effekten in Verbindung gebracht. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Extrakte bei ungünstiger Zusammensetzung oder hoher Dosierung Leberzellen schädigen können. Reishi-Extrakte hemmen zudem die Thrombozytenaggregation – ein potenziell relevanter Mechanismus für Blutungsereignisse unter gleichzeitiger Antikoagulation.
Klinisch wurden Reishi-Präparate in kleinen Studien u. a. bei Krebspatienten, bei metabolischem Syndrom und als Immunmodulator untersucht. Eine randomisierte, placebo-kontrollierte Cross-over-Studie mit gesunden Probanden (4 Wochen Lingzhi-Supplementation) zeigte u. a. eine Zunahme der antioxidativen Kapazität und leichte Trends zu günstigeren Lipidparametern, aber keine Hinweise auf Leber- oder Nierentoxizität. Die Wirksamkeit ist meist moderat, die Datenlage heterogen, aber: Reishi ist eindeutig pharmakologisch aktiv – und damit prinzipiell auch in der Lage, relevante Nebenwirkungen und Interaktionen zu verursachen.
Mehrere randomisierte, kontrollierte Studien mit Reishi-Extrakten an gesunden Probanden und an Patienten mit chronischen Erkrankungen zeigen ein relativ günstiges Sicherheitsprofil unter standardisierten Bedingungen und üblichen Dosierungen. Über Zeiträume von bis zu 12–16 Wochen wurden keine klinisch relevanten Veränderungen von Blutbild, Leber- und Nierenparametern oder Tumormarkern beobachtet. Häufigkeit und Art der Nebenwirkungen unterschieden sich meist nicht signifikant von Placebo. Typische unerwünschte Wirkungen waren milde und vorübergehende Beschwerden wie Mundtrockenheit, leichte Magen-Darm-Symptome, Kopfschmerzen, Juckreiz oder Schwindel. Dieses Bild wird durch mehrere wiederholte Dosis-Toxizitätsstudien im Tiermodell gestützt.
Auf dieser Basis kommt ein aktuelles Scoping Review zu dem Schluss, dass Reishi bei Verwendung als Lebensmittel oder übliche Nahrungsergänzung bei gesunden Erwachsenen vermutlich kein relevantes Sicherheitsrisiko darstellt – unter der wichtigen Einschränkung, dass vor allem begrenzte Zeiträume, ausgewählte Präparate und eher gesunde Probanden untersucht wurden und dass Signale aus Fallberichten weiter beobachtet werden müssen.
Dem insgesamt beruhigenden Bild aus Studien steht eine wachsende Zahl von Fallberichten gegenüber, die teils schwere Komplikationen beschreiben. Klinisch relevant sind vor allem vier Problemfelder: Hepatotoxizität, Hypoglykämie, Blutungen sowie hämatologische Auffälligkeiten und Tumormarkerveränderungen.
Der eingangs erwähnte Fall einer mit Prädiabetes und chronischer Nierenerkrankung Patientin, die Reishi-Kaffee zur Blutzuckersenkung einnahm, zeigt deutlich das antihyperglykämische Potenzial des Pilzes. Nach Tagen bis Wochen regelmäßiger Einnahme entwickelte sie rezidivierende schwere Hypoglykämien, die erst nach Absetzen des Reishi-Produkts zurückgingen. Pathophysiologisch kommen eine verstärkte Insulinwirkung, eine Hemmung der hepatischen Glukoneogenese und eine verminderte Nahrungsaufnahme – insbesondere bei älteren, multimorbiden Patienten – in Betracht. Auch wenn solche Fälle selten sind, zeigen sie: Für bestimmte Risikogruppen kann Reishi allein oder in Kombination mit antidiabetischer Medikation klinisch relevante Hypoglykämien auslösen.
Durch die Hemmung der Thrombozytenaggregation kann Reishi theoretisch das Blutungsrisiko erhöhen. Fallberichte beschreiben u. a. eine deutliche INR-Erhöhung und Blutungskomplikationen unter Kombination von Reishi mit Vitamin-K-Antagonisten. In einem Fall wurde eine intraoperative schwere Blutung bei einem Patienten berichtet, der Reishi-Supplemente zusätzlich zu Simvastatin und Montelukast einnahm. Erst eine Thrombozytentransfusion brachte die Blutung unter Kontrolle. Integrativ-onkologische Zentren und evidenzbasierte Patienteninfos empfehlen daher, Reishipräparate vor geplanten Eingriffen abzusetzen und sie nicht parallel zu Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern einzunehmen.
Einige Fallserien aus Asien beschreiben schwere Panzytopenien und aplastische Krisen im Zusammenhang mit traditionellen „Reishi-Tees“, teils mit tödlichem Verlauf. Mykologen vermuten allerdings, dass in mehreren dieser Fälle hochgiftige Doppelgänger wie Podostroma cornu-damae (ebenfalls ein rot gefärbter Porling) versehentlich mitverwendet wurden. Daneben gibt es Berichte über deutliche Anstiege des gastrointestinalen Tumormarkers CA72-4 unter hochdosierten Reishi-Sporenpräparaten bei onkologischen Patienten. Nach Absetzen des Präparates normalisierte sich der Marker wieder. Für die onkologische Praxis ist dies wichtig, da so Verlaufskontrollen verfälscht werden und fälschlicherweise Tumorprogression angenommen werden könnte.
In experimentellen Modellen wurden bei hohen Konzentrationen von Reishi-Extrakt teratogene Effekte bei Zebrafisch-Embryonen beobachtet, darunter Wachstumsverzögerung und Fehlbildungen. Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist begrenzt, dennoch unterstützt dies die ohnehin gängige Empfehlung, auf Reishi-Präparate in Schwangerschaft und Stillzeit mangels humaner Daten zu verzichten.
Zusammenfassend ergibt sich ein differenziertes Bild: Für gesunde Erwachsene, die kurzfristig ein standardisiertes Reishi-Extraktprodukt in üblicher Dosierung einnehmen, scheint das Risiko schwerer Nebenwirkungen nach derzeitigem Kenntnisstand gering zu sein. Kontrollierte Studien und toxikologische Programme sprechen eher für ein breites Sicherheitsfenster.
Gleichzeitig ist Reishi aber kein harmloses „Wellnessprodukt“, sondern ein pharmakologisch aktiver Pilz mit immunmodulatorischen, metabolischen und hämostaseologischen Effekten. Die dokumentierten schweren Komplikationen – hepatotoxische Reaktionen, Hypoglykämien, Blutungen, Panzytopenien und Störungen der Tumormarker – treten zwar selten auf, konzentrieren sich aber auf bestimmte Konstellationen:
Hinzu kommt das Problem der Qualitätsunterschiede: Unter dem Label „Reishi“ werden unterschiedliche Arten, Extraktionsverfahren und Rohstoffe verarbeitet. Deklaration und Standardisierung sind im Nahrungsergänzungsmittelbereich begrenzt, sodass Wirkstoffgehalte und Verunreinigungen stark schwanken können.
Für Ärzte und Apotheker ergeben sich daraus mehrere praktische Konsequenzen. Reishi sollte in der Anamnese bzw. in der Medikationsanalyse im Rahmen der pDL systematisch miterfasst werden – insbesondere bei Patienten mit unklaren Leberwerterhöhungen, hypoglykämischen Episoden, Blutungsereignissen oder unerwarteten Veränderungen von Tumormarkern. Gerade „Pilzpulver“, „Immunstärker“, „Vitalpilz-Kaffees“ und „Sporenpräparate“ werden von Patienten häufig nicht als „Arznei“ wahrgenommen und daher nicht von sich aus erwähnt.
Bei vorbestehenden Lebererkrankungen, unter Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern, bei schwerer Niereninsuffizienz sowie in Schwangerschaft und Stillzeit ist grundsätzlich von Reishi-Präparaten abzuraten. Onkologische Patienten sollten darauf hingewiesen werden, dass Reishi-Sporenpräparate Tumormarker wie CA72-4 beeinflussen können. Falls Patienten trotz Beratung an der Einnahme festhalten, könnten Labor-Monitoring und klare „Stop-Regeln“ sinnvoll sein.
Reishi ist also weder ein mystisches Wundermittel der TCM noch ein grundsätzlich gefährlicher Giftpilz. In üblichen Dosierungen und bei gesunden Menschen erscheint die Einnahme standardisierter Reishi-Extrakte kurzfristig relativ sicher. Die klinische Wirksamkeit für viele beworbene Indikationen ist allerdings begrenzt, während die Substanz in bestimmten Konstellationen durchaus schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen kann. Für die ärztlich-pharmazeutische Praxis bleibt daher entscheidend, Reishi als pharmakologisch aktives Agens ernst zu nehmen. Bei vulnerablen Patientengruppen sollte eher zur Zurückhaltung geraten werden. Bei unklaren Nebenwirkungsbildern gilt es, gezielt nachzufragen – und Reishi keinesfalls als „harmloses Naturprodukt“ durchgehen zu lassen, wenn es um Blutzucker, Leberfunktion oder Gerinnung geht.
Bildquelle: Midjourney