Mehr und mehr Ärzte wünschen sich digitale Tools, die ihnen die Arbeit erleichtern. Doch im Alltag macht neue Technik oft vor allem eines: Probleme. Wo sie Sinn ergibt und wo es noch hakt.
Die Digitalisierung ist längst in Arztpraxen und Kliniken angekommen. Was viele Jahre lang Skepsis ausgelöst hat, gilt heute für die große Mehrheit der Ärzte als echter Fortschritt: Immer häufiger bewerten Mediziner digitale Tools nicht mehr als unliebsame Störung, sondern als spürbare Entlastung im Alltag. Das zeigt eine aktuelle Bitkom-Erhebung: 2020 stuften noch zwei Drittel die Digitalisierung als Chance ein, 2025 sind es bereits 81 Prozent. Gleichzeitig sinkt der Anteil derer, die vor allem Risiken sehen, deutlich von 27 auf 16 Prozent. Und für drei von vier Ärzten geht das alles sogar zu langsam.
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Im Alltag sind viele digitalen Anwendungen inzwischen selbstverständlich geworden. Das E-Rezept und die elektronische AU laufen routinemäßig, wie das PraxisBarometer Digitalisierung 2025 der KBV zeigt. Heute sind knapp 80 Prozent aller befragten Ärzte mit Anwendungen wie dem E-Rezept oder der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zufrieden – Werkzeuge, die längst zum selbstverständlichen Bestandteil des Praxisalltags gehören.
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Auch der fachliche Austausch hat einen deutlichen Sprung hin zur Digitalisierung gemacht: 87 Prozent aller Praxen empfangen inzwischen elektronische Arztbriefe, während es 2018 nur 13 Prozent waren. Befunde werden immer häufiger digital übermittelt, und mit KIM (Kommunikation im Medizinwesen) steht ein sicherer Kommunikationsdienst zur Verfügung, den bereits 61 Prozent aller Praxen aktiv nutzen.
Gleichzeitig intensiviert sich der digitale Kontakt zu Patienten. Mehr als die Hälfte aller Praxen kommuniziert inzwischen überwiegend digital. Viele bieten eine Online-Terminvergabe an, und Videosprechstunden gehören mit rund 40 Prozent weiterhin fest zum Versorgungsalltag.
Die größte Baustelle bleibt die digitale Verbindung zwischen dem ambulanten und stationären Sektor. Nur 13 Prozent der Praxen kommunizieren mit Krankenhäusern überwiegend digital. Im Alltag dominieren weiterhin Papier, Telefon und Fax, weil viele Kliniken technisch kaum angebunden sind. Dabei wäre der Bedarf enorm: 85 Prozent der Praxen erwarten vom digitalen Entlassbrief einen spürbaren Mehrwert. Auch digital übermittelte Laborbefunde oder OP-Berichte würden die Versorgung deutlich vereinfachen.
Wie groß die Lücken im Alltag sind, beschreibt ein Gastroenterologe im KBV-Report exemplarisch:
„Wenn ich einen Patienten als Notfall ins Krankenhaus einweise, bitte ich ihn vorher, in die Praxis zu kommen, um die Befunde in Papierform mitnehmen zu können. Nur so kann ich aktuell sicherstellen, dass relevante Informationen im Krankenhaus vorliegen.“
Zusätzlich belasten technische Störungen den Praxisbetrieb. Mehr als die Hälfte der Praxen erlebt tägliche oder wöchentliche Ausfälle der Telematik-Infrastruktur. E-Rezept und eAU funktionieren grundsätzlich gut – aber nur, solange die TI stabil läuft. Viele Ärzte berichten daher von spürbarem Mehraufwand und wachsendem Frust. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht; die meisten Befragten sehen keinen Trend zu weniger Störungen.
Auch die Praxisverwaltungssysteme (PVS) bleiben ein schwieriges Thema. Die Qualität schwankt, die Angebote sind kaum vergleichbar, und ein Anbieterwechsel ist für viele Praxen kaum umsetzbar – zu teuer, zu kompliziert, zu riskant für den laufenden Betrieb. Lange Vertragslaufzeiten und die Angst vor Datenverlust bremsen Ärzte zusätzlich. Wie zufrieden sie mit der elektronischen Patientenakte (ePA) sind, hängt laut Befragung stark vom PVS ab. „Den Arztbrief in die ePA hochzuladen, gleicht einer Klickorgie“, kritisiert ein Nephrologe im KBV-Report.
Während viele Praxen und Klinken noch mit den Grundlagen der Digitalisierung ringen, richtet sich der Blick auf Technologien, die weit über klassische Software hinausgehen. . Künstliche Intelligenz (KI) ist in der medizinischen Versorgung längst angekommen – das belegt die Bitkom-Erhebung deutlich. In Praxen nutzt bereits fast jede siebte Einrichtung KI: 12 Prozent setzen sie zur Unterstützung bei Diagnosen ein, weitere 8 Prozent verwenden KI, um Praxisabläufe zu vereinfachen. Gleichzeitig hält rund ein Viertel der Ärzte KI-basierte Diagnosehilfen für sinnvoll, auch wenn sie diese bislang noch nicht selbst verwenden.
Im Krankenhaus ist KI noch stärker verbreitet: Dort haben sich die Einsatzquoten seit 2022 nahezu verdoppelt. Besonders deutlich zeigt sich das in der Diagnostik: 54 Prozent der Klinikärzte arbeiten bereits mit KI-Systemen zur Auswertung bildgebender Verfahren. Auch robotergestützte Eingriffe profitieren zunehmend von künstlicher Intelligenz; rund 26 Prozent der Kliniken nutzen entsprechende Technologien. Insgesamt wird KI im stationären Bereich vor allem in der Diagnostik und im OP-Umfeld eingesetzt, während sie in Praxen vor allem organisatorische und unterstützende Funktionen erfüllt.
Trotz teils kontroverser Debatten bewertet die Ärzteschaft KI-Tools positiv. Über 80 Prozent sehen hier eine „riesige Chance für die Medizin“ und erwarten, dass sie in bestimmten Fällen sogar präzisere Diagnosen liefern kann als ein menschlicher Arzt. Viele gehen davon aus, dass KI-gestützte Chatbots perspektivisch zur Entlastung des Gesundheitssystems beitragen werden.
Gleichzeitig wünschen sich Ärzte Leitplanken. Ein großer Teil fordert eine strenge Regulierung, um den Einsatz von KI sicher und verantwortungsvoll zu gestalten. Die Zurückhaltung richtet sich damit nicht gegen die Technologie selbst, sondern gegen unklare Rahmenbedingungen. So zeichnet die Umfrage das Bild einer Ärzteschaft, die KI grundsätzlich begrüßt, ihren Einsatz aber auf solide, transparente Grundlagen gestellt sehen möchte.
Die Digitalisierung der Medizin kommt voran – aber sehr ungleich. Viele Anwendungen funktionieren nach dem holprigen Start zuverlässig, der Austausch wird digitaler und KI hält sichtbar Einzug. Gleichzeitig bremsen instabile Technik, schlechte PVS-Systeme und vor allem die mangelnde digitale Anbindung der Kliniken den Fortschritt erheblich. Die Ärzteschaft ist offen und sieht klare Chancen, fordert aber verlässliche Rahmenbedingungen, stabile Infrastruktur und endlich echte Zusammenarbeit zwischen Praxen und Krankenhäusern.
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