Zwischen spritzenden Blutfontänen, schroffer Abweisung und neuen Erfahrungen: Das Praktikum in der Chirurgie war eine Achterbahn der Gefühle. Warum es am Ende auf die Betreuung ankommt.
Es ist Punkt 07:30 Uhr. Auf den Schlag genau füllt sich der Raum mit Ärzten. Alles wirkt wie eine fest eingeübte Choreografie: Die Oberärzte sitzen in der Mitte am Tisch, der Chefarzt vor Kopf. Assistenten nehmen auf den Stühlen an den Wänden Platz. Für uns Studenten bleibt die Untersuchungsliege – oder die Ecke. Die Frühbesprechung beginnt.
Mit einer Prise Aufregung und einer großen Portion Vorfreude und Erwartung blicke ich den nächsten zwei Wochen Praxiserfahrung als Blockpraktikantin in der Chirurgie entgegen. Endlich ist es so weit und wir dürfen neben der ganzen Theorie hautnah dabei sein – so zumindest meine Vorstellung. So schnell wie die Ärzte eingetroffen sind, sind sie auch wieder gegangen, ohne uns. Als wir auf Station der Viszeralchirurgie ankamen, spürte ich die Aufregung in mir: „Jetzt geht es endlich richtig los!“, dachte ich. Nachdem wir endlich den viel beschäftigten Stationsarzt gefunden hatten, wurden wir prompt wieder im Arztzimmer „abgestellt“, mit dem Kommentar: „Ich bin gleich wieder da.“ Nach ernüchternden zwanzig Minuten haben wir immer noch gewartet und uns schließlich allein auf den Weg in den OP gemacht.
Nachdem wir uns eingeschleust hatten, inklusive Haube und Mundschutz, machten wir uns gespannt auf die Suche nach dem richtigen OP-Saal. Wie es das Schicksal wollte, sind wir an diesem Tag im Saal der Gefäßchirurgie und nicht der Viszeralchirurgie gelandet. Die operierende Oberärztin hat direkt aufmerksam gemerkt, dass wir etwas verloren waren. Glücklicherweise hat sie sich unser angenommen. „Dann kommt ihr diese Woche jetzt bei mir mit!“. Wir durften uns steril einwachsen – mit netter Unterstützung der OP-Pflege. Und so stand ich zum zweiten Mal in meinem Leben mit am Tisch. Ich durfte assistieren, Haken halten und sogar hautnah zuschauen. Geduldig hat sie all unsere Fragen beantwortet und uns den Eingriff erklärt. Dass wir zufällig im OP der Gefäßchirurgie gelandet sind, sollte sich die nächsten Tage noch als Goldwert herausstellen.
Am nächsten Tag stand eine Y-Aorta-Prothese auf dem Plan und ich sollte mit an den Tisch. Beide Arteriae Iliacae Externae waren durch Kalkablagerungen stenosiert. Über zwei Zugänge in der Leiste wurden der Übergang der Iliaca externa in die Arteria Femoralis präpariert und (fast) alle Abgänge freigelegt und geclipt – ein wichtiger Schritt, wie ich später noch feststellen sollte. Die Arterie hat sich sehr verhärtet getastet und der verkalkte Anteil der Wand wurde entfernt. Plötzlich kam mir aus der Arteria femoralis eine spritzende blutrote Fontäne entgegen, der ich nur knapp ausweichen konnte. Die Verkalkung hatte einen weiteren Seitenast maskiert und stenosiert. Als diese herausgeschnitten wurde, konnte auch wieder Blut hindurchfließen.
Danach wurde der Bauch eröffnet. Mit Präzision und erstaunlicher Geschwindigkeit wurden das Omentum majus sowie Dick- und Dünndarm beiseite drapiert und mit einem großen Ringsystem fixiert. Mit einem kleinen Schnitt haben wir die retroperitoneal liegende Aorta freigelegt. Fasziniert habe ich beobachtet, wie die Oberärztin gekonnt die Y-Prothese annähte und durch den Leistenkanal mit den Arteriae Iliacae Externae verband. Anschließend hatte sie mir gezeigt, wie man chirurgisch näht und meinte: „Beim nächsten Mal machen Sie die Leiste zu!“. Durch ihr Engagement konnte sie mich sehr für die Chirurgie begeistern – dafür bin ich sehr dankbar.
Nach diesem aufregenden Höhenflug kam in Woche 2 der tiefe Fall in Form der Herzchirurgie. Auch hier waren wir pünktlich um 7:30 Uhr am Montagmorgen die ersten im Frühbesprechungsraum. Nach der schroffen Aufforderung, noch eine Stunde im Arztzimmer zu warten, wurden wir mal wieder uns selbst überlassen. Dann ging es doch endlich noch in den Herz-OP: Ein Bypass stand auf dem Plan. Meine große Erwartung – das erste Mal eine Operation am offenen Herz mit Herzstillstand und Herz-Lungen-Maschine zu sehen – wurde sehr schnell enttäuscht. Wir wurden kühl angewiesen, uns in die am weitesten entfernte Ecke des Saals zu stellen. Danach sprach für die komplette Dauer der OP (3,5 Stunden) niemand mehr mit uns. Keine Erklärungen, keine Fragen. Jeder, der schonmal bei einer OP mit kompletter Thorakotomie zugeschaut hat, weiß, dass sobald der Thorax eröffnet ist, man von außen nichts mehr sieht. Und so konnte ich im weiteren Verlauf der OP nur davon träumen, wie ein schlagendes Herz im eröffneten Thorax aussieht. Dabei war ich gerade mal 2,5 Meter davon entfernt. Dasselbe Muster sollte sich auch an Tag 2, 3 und 4 abspielen. In die Ecke stellen und bloß keine Fragen stellen. Ich erinnere mich noch an Tag 2, da hatten wir es doch gewagt und wollten wissen, warum man die RIMA benutzt. Die ernüchternde Antwort kam sofort: „Was ist das für eine dumme Frage!“
Die klaffenden Unterschiede zwischen meiner Zeit in der Gefäßchirurgie und der Herzchirurgie haben mir gezeigt, wie viel es bedeutet, wenn die lehrenden Ärzte motiviert sind, Studenten mitzunehmen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Wie wollen Ärzte gut ausgebildeten Nachwuchs erwarten, wenn sie selbst ihrem Lehrauftrag nicht nachkommen?
Bildquelle: Rifki Kurniawan, Unsplash