Abnehmspritzen wie Semaglutid lassen die Pfunde purzeln, das bestätigt auch die Cochrane-Collaboration in neuen Reviews. Und doch traut sie ihren eigenen Ergebnissen nicht – weil die Hersteller die Studien bezahlt haben.
„Fast alle Studien zu ‚Abnehmspritzen‘ von Herstellern finanziert“ titelte das Deutsche Ärzteblatt Anfang November. Es bezieht sich damit auf drei zuvor erschienene Cochrane-Reviews zu den GLP-1-Rezeptoragonisten Semaglutid und Liraglutid sowie dem dualen GLP-1- und GIP-Rezeptoragonisten Tirzepatid. Diese Mittel können laut Reviews Übergewichtigen beim Abnehmen helfen. Vor allem zu Semaglutid sind die Ergebnisse von 18 Studien mit knapp 30.000 Teilnehmern so deutlich, dass die Cochrane-Autoren „die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz als hoch“ einstufen und deshalb eine Gewichtsabnahme um gut 10 Prozent als „sicher“ bezeichnen.
So ganz trauen sie dem Braten, den sie da in ihrem eigenen Ofen zubereitet haben, aber offenbar doch nicht – denn wie schon das Ärzteblatt prominent hervorhob, ist da die Sache mit der Industriefinanzierung. Die Autoren beklagen in ihren Reviews, dass die Hersteller der Mittel, allen voran Novo Nordisk, die Studien nicht nur finanziert, sondern auch eine entscheidende Rolle bei Design, Durchführung, Datenanalyse und Verfassen der Paper gespielt hätten. Auch hätten etliche Studien-Autoren massive Interessenkonflikte aufgrund von Patenten und Unternehmensanteilen angegeben.
Das etwas kryptische Fazit der Cochrane-Autoren, beispielsweise im Semaglutid-Review: „Wir sind überzeugt, dass Menschen mit Semaglutid mehr Gewicht verlieren als mit Placebo. Weil aber der Hersteller an den meisten Studien beteiligt war, ist unsere Überzeugung begrenzt.“ Auch klinische und politische Entscheider sollten die Evidenz, obwohl Cochrane sie selbst als „hoch vertrauenswürdig“ einstuft, deshalb mit Vorsicht interpretieren.
Leider belassen es die Cochrane-Autoren bei diesem unheilschwangeren Geraune, statt deutlich zu sagen, was sie den Unternehmen eigentlich konkret vorwerfen, geschweige denn, wie sie das belegen können. Wittern sie glatten Betrug, weil Daten gefälscht oder weggelassen oder das Protokoll nachträglich angepasst wurde? Oder vermuten sie ein auf die Herstellerinteressen zugeschnittenes Studiendesign, das am Ende zwar die reine Wahrheit, aber nicht die volle Wahrheit zeigt? Oder glauben sie eher daran, dass allein die Betrachtung der Daten durch die Herstellerbrille schon zu weitreichenden Verzerrungen geführt hat?
Misstrauen gegenüber der Industrie ist angebracht – wie gegenüber jedem, der eine Agenda verfolgt. Es steht viel Geld auf dem Spiel und wenn die Pharmaindustrie ein positives Ergebnis fördern kann, wird sie das tun. Damit in diesem Milliardengeschäft die Grenzen des Anstandes und der Evidenz gewahrt bleiben, gibt es Regeln. So besteht der große Verdienst der Evidenz-basierten Medizin (EbM) darin, eine Methodik entwickelt und als Standard durchgesetzt zu haben, die es Unternehmen idealerweise unmöglich macht, Daten hinzubiegen.
Anmerkung am Rande: Wie leicht dabei der Versuch, mit einem entsprechenden Studiendesign das Maximum herauszuholen, für ein Unternehmen auch nach hinten losgehen kann, zeigt das Beispiel HPV-Impfung. Im Wunsch, alle Frauen impfen zu können, schlossen die Zulassungsstudien Frauen aller Altersstufen ein. Die Population der Mädchen vor dem ersten Geschlechtsverkehr machte am Ende eine so kleine Subgruppe aus, dass Kritiker die schützende Wirkung der Impfung lange anzweifeln konnten.
Trotz des berechtigten Misstrauens gegenüber der Industrie hinterlässt Cochranes pauschaler Vorwurf der Mauschelei ein ungutes Gefühl – und zwar aus folgenden Gründen:
Die Cochrane-Autoren haben also unbedingt recht, dass Interessenkonflikte ein wichtiges Thema sind und in der EbM-Methodik abgebildet werden sollten. Doch bis so ein Regelwerk steht, schürt ihr Geraune über eine angeblich massive, aber trotzdem nicht näher benannte Einflussnahme der Industrie vor allem Zweifel an den Cochrane-Reviews selbst sowie an ihrer Methodik. Und es wirkt dann nicht wie eine fundierte Kritik, sondern eher wie eine Fundamentalkritik.
Bildquelle: ChatGPT