Darmbakterien gesunder Menschen schlucken – das ist ein neuer Ansatz bei behandlungsresistenter Depression. Was ihr über die Methode wissen müsst und worauf Experten hoffen.
Depressionen sind komplex, ihre Mechanismen noch immer nicht vollständig geklärt. Ein Aspekt rückt hier vermehrt in den Fokus: der Zusammenhang zwischen Darm und Gehirn. Könnten wir in Zukunft psychische Erkrankungen mithilfe des Darmmikrobioms behandeln?
Die Fäkale Mikrobiota-Transplantation, kurz FMT, wird derzeit als Behandlungsoption für psychische Erkrankungen wissenschaftlich untersucht: Dabei werden die Darmbakterien von gesunden Spendern auf Menschen mit Depressionen übertragen. Sie sollen die Darmflora der Empfänger verbessern und so indirekt auf die Symptome einwirken. Neu ist die Methode nicht. Sie wird bereits gegen immer wieder auftretende (rezidivierende) Infektionen mit dem Bakterium Clostridioides difficile eingesetzt. Dabei ist sie sehr effektiv: Über 85 Prozent der Betroffenen können mithilfe der FMT dauerhaft geheilt werden. Erforscht wird aber auch, ob die gesunden Darmbakterien bei anderen gesundheitlichen Problemen und Erkrankungen nützlich sind, etwa bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, nicht-alkoholischer Fettleber oder Insulinresistenz. Bisher reicht die Evidenz bei keiner dieser Anwendungen aus, um FMT in der klinischen Routine zu nutzen.
So auch bei Depressionen. Die Studienlage ist durchwachsen, die einzelnen Untersuchungen oft nur bedingt aussagekräftig. „Ein Grund dafür ist, dass die FMT meist zusätzlich zur etablierten Behandlung eingesetzt wird“, sagt Prof. Dr. Stefan Borgwardt, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck. Dadurch lasse sich schwer trennen, welche Effekte durch welche Therapie entstünden – und die Methoden könnten auch miteinander interagieren. Vor allem in Tierstudien (hier oder hier) gebe es durchaus Hinweise darauf, wie genau die FMT wirken könnte und warum sie als Behandlungsmethode funktionieren sollte, so Borgwardt. Er sieht das Feld jedoch noch im Stadium der Forschung – weit entfernt von einer regulären Anwendung.
Trotzdem erkennt Stefan Borgwardt auch das große Potenzial. In einer Veröffentlichung mit Kollegen aus 2022 hatte er von zwei Patienten berichtet, bei denen die Methode für einige Zeit gut funktionierte. Nachdem sie einmal 30 Kapseln mit Darmbakterien von gesunden Menschen eingenommen hatten, verringerten sich vier Wochen später ihre depressiven Symptome. Die Wirkung hielt bei einem der beiden etwa 8 Wochen an, bevor sie wieder abklang. Eigentlich hatten Borgwardt und die anderen Forscher eine größere Studie mit mehr Testpersonen geplant – diese jedoch abgebrochen, nachdem es Probleme mit den Kapseln aus den USA gegeben hatte.
Mittlerweile gibt es verschiedene Untersuchungen, zumeist allerdings mit wenigen Teilnehmern. Meta-Analysen und Reviews versuchen, das zu kompensieren, indem sie die Daten mehrerer Studien gemeinsam auswerten oder in Kontext stellen. Im Oktober 2025 neu herausgekommen ist eine Analyse chinesischer Forscher von 12 randomisierten, kontrollierten Studien (RCTs) mit insgesamt 681 Testpersonen. Hier zeigte die FMT eine gute Wirkung gegen die depressiven Symptome – allerdings vor allem bei Betroffenen, die zusätzlich an Reizdarmsyndrom litten. Zudem hatten einige der Untersuchungen die Depressionen eher nebenher betrachtet und gar nicht als primäres Ziel definiert. Die Forscher betonen selbst, die Qualität der Evidenz sei gering und weitere, langfristige und hochqualitative RCTs seien nötig, um die Methode wirklich bewerten zu können.
Von einer eher praktischen Seite gesehen ist unklar, wie häufig Betroffene ein FMT bekommen müssten. Bei Borgwardts Patient hielt die Wirkung nur etwa einen Monat an, in anderen Untersuchungen waren die Effekte erst nach einem halben Jahr verschwunden. „Es wäre jedenfalls keine einmalige Therapie zur Heilung, sondern müsste in gewissen Abständen regelmäßig wiederholt werden“, so der Psychiater. Von Selbstexperimenten mit FMT-Kapseln rät er ab – vielmehr würde er auf die verschiedenen zugelassenen Methoden setzen. Auch gebe es deutlich mehr Evidenz für bestimmte Ernährungsweisen, vor allem die sogenannte mediterrane Diät. „Darüber können Betroffene ihr Mikrobiom verbessern und die konventionellen Depressionstherapien unterstützen.“
Untersucht werden sollte FMT als Mittel gegen Depressionen seiner Meinung nach dennoch weiterhin, idealerweise mit größeren, soliden RCTs. Als Testpersonen kämen dafür vor allem Patienten mit behandlungsresistenter Depression infrage: „Schon aus ethischen Überlegungen sollten wir bei Menschen anfangen, für die wir bisher kein gutes Angebot haben.“ Das bringe zwar ebenfalls Nachteile mit sich: Schließlich gebe es Gründe dafür, warum diese Betroffenen auf konventionellen Therapien nicht ansprechen. Ob die FMT gerade bei ihnen gute Resultate zeigen kann, lasse sich schwer einschätzen. Doch für diese Gruppe seien die Ergebnisse andererseits besonders relevant.
Letztendlich ist die FMT eine vielversprechende Methode und ihre Erforschung wichtig für das weite Feld der Depressionen. Bis klar ist, für wen genau eine solche Therapie zugelassen werden kann, wird noch einige Zeit vergehen.
Bildquelle: Igor Omilaev, Unsplash