Harmlose Späßchen und Sticheleien jenseits der Gürtellinie: All das hat im Klinikalltag nichts verloren – auch nicht als Witz verpackt. Was außer einem dicken Fell noch hilft und warum Schweigen niemandem nützt.
In sechs Jahren Studium bekommt man viel mit. Und damit meine ich – leider – keine klinisch relevanten Sachen. Als Arzt zu arbeiten lernt man erst, wenn man als Arzt arbeitet. Und das fühlt sich am Anfang an wie ein Bauchklatscher vom 10-Meter-Brett. Irgendwie überlebt man es schon, aber geil findet man es nicht. Schon gar nicht, wenn der Chef einem zusieht und bewertet, wie gut man im Badeanzug aussieht. Klingt unrealistisch? Lest weiter.
„Der Chef, der ist speziell“ – eine Aussage, die mich seit meiner eigenen Erfahrung mit einem solchen speziellen Chef aufhorchen lässt. Denn meistens wird der Euphemismus „speziell“ als Bagatellisierung problematischen Verhaltens genutzt. Vor allem dann, wenn man der „speziellen Person“ hierarchisch untergeordnet ist und etwas zu verlieren hat, beispielsweise den Job. Doch bevor ich selber einen solchen speziellen Chef – nennen wir ihn mal der Analogie zuliebe „den Onkel“ – kennenlernen durfte, nickte ich die Aussage schulterzuckend ab. Schließlich sind wir alle etwas speziell, oder? Ich selber zum Beispiel sammle gerne Steine. Der Onkel hingegen sammelt gern übergriffige Witze.
Mein erster Kontakt zum Onkel war eher unspektakulär. Abgesehen von etwas starrenden, eisblauen Augen und einem roboterhaften Lächeln auf den Lippen empfinde ich die Vorstellung als normal. Er heißt mich herzlich willkommen im Team. „Ich habe einen eigenartigen Humor“, fügt er noch hinzu. Meine Kollegen lächeln nervös. Ich denke mir nichts dabei und lasse mich darauf ein. Zu dem Zeitpunkt finde ich die Aussage sogar noch sympathisch. Ein bisschen Spaß am Arbeitsplatz hat noch nie geschadet. Doch innerhalb weniger Tage wird mir schon die erste mentale Ohrfeige für meine Naivität verpasst.
Im Pflegestützpunkt höre ich den Onkel sagen: „Die Schwester Rebecca, die kann auch nichts anderes als gut aussehen.“ Mein Kollege lacht merklich gezwungen und versucht, schnell den Raum zu verlassen. Ich folge ihm. „Meint ihr das mit der speziellen Art?“ „Ja, aber man gewöhnt sich dran. Ich höre ihm auch gar nicht mehr richtig zu. Es ist halt sein Humor.“ Doch ab wann überschreitet Humor eine Grenze? Die Frage wird mir in kurzer Zeit beantwortet, als eine Kollegin erzählt: „Es haben schon zwei Ärztinnen gekündigt, weil der Onkel sie aufgrund ihrer Herkunft als Bombenlegerinnen bezeichnet hat.“ Entgeistert starre ich meine Kollegin an. „Und dann?“ „Nichts, was sollen wir schon machen?“
Es gibt noch weitere respektlose und grenzüberschreitende Sätze, die der Onkel in meiner Zeit in dieser Klinik von sich gab. Sätze, bei denen ich noch heute überlege, ob er es wirklich gesagt hat oder ich mich verhört habe. Solche Sätze kann kein Mensch im beruflichen Kontext bringen. Meine Meinung: Solche Sätze kann kein Mensch generell bringen. Ich muss mich doch verhört haben, oder? Aus diesem Grund belasse ich es bei den Situationen, die ich geschildert habe und verwahre den Rest in meinen Erinnerungen auf, direkt neben einem Zitat, das ich auf die harte Tour lernen musste: „Man bereut immer das, was man nicht getan hat“.
Ich bereue nichts in meinem Leben mehr, als dass ich mich damals nicht gewehrt habe bei den Aussagen. Dass ich damals nicht Beschwerde eingereicht habe. Dass ich wütend nach Hause kam und meinem Partner vom Onkel berichtete, aber bei jeder neuen Situation trotzdem nicht den Mund aufmachte. Ich verurteilte meine Kollegen, die dort geblieben sind und mitlachten, aber wenn wir mal ehrlich sind, bin ich mindestens genauso feige. Und damit muss ich jetzt leben.
Wenn ihr ähnliche Situationen erlebt habt oder miterlebt, dann macht nicht den gleichen Fehler wie ich. Sucht euch andere, tauscht euch aus, versucht gemeinsam eine Lösung zu finden. Das kann im direkten Gespräch mit der Person sein, geht aber auch anonym. Nur so können wir verhindern, dass übergriffige Aussagen weiterhin Bestand in unserer täglichen Kommunikation haben. Bitte traut euch!
Bildquelle: Midjourney