Nach fünf Jahren Studium endlich klinische Arbeit im praktischen Jahr? Von wegen: Oft mache ich nur Botengänge und Blutabnahmen. Ein Bericht vom untersten Ende der Hackordnung.
Einmal tief ein- und wieder ausatmen. Hastig taste ich noch einmal meine Kitteltasche ab. Ist das Stethoskop drinnen? Habe ich einen Notizblock eingepackt? An dem ersten Tag meines praktischen Jahres möchte ich schließlich nicht direkt als unorganisiert abgestempelt werden. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass ich voll ausgestattet bin, klopfe ich leise an die Tür des Arztzimmers. Nichts – nanu, bin ich etwa zu spät? Weil keine Antwort kommt, betrete ich den Raum.
Zwei Ärzte sitzen vertieft an PCs, deren Bildschirme dem dunkel gehaltenen Raum eine beinahe romantische Atmosphäre verleihen. Ich räuspere mich und stelle mich kurz vor: „Die neue PJ-Studentin für dieses Tertial“. Erst jetzt drehen sich die beiden Ärzte um. „Na super“, sagt einer von ihnen, „dann kannst du gleich direkt mit den Blutabnahmen anfangen.“
Es ist das Eine, im praktischen Jahr unzählige Blutabnahmen durchzuführen, Zugänge zu legen und Telefonate zu halten, um es zu lernen. Schließlich sind diese Aufgaben die Basics des Arztberufes. Und es ist auch vollkommen gerechtfertigt, die Assistenzärzte durch solche Tätigkeiten zu unterstützen – wenn man sich im Gegenzug auf eine gute Lehre freuen kann. In 90 % der Zeit ist das aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Es wird davon ausgegangen, dass die PJ-ler die repetitive Stationsarbeit wegschaffen und dankbar sind. Die Stationsärzte, die die Aussage „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ propagieren, sind ein großer Teil des Problems, das mich wirklich ärgert. Schließlich sind sie die erste Instanz für uns Studenten und geben uns die täglichen Aufgaben vor.
Doch was mich wirklich wütend macht, ist die Tatsache, dass die Geschäftsführung einiger Kliniken das PJ schamlos ausnutzt, um an Arbeitskräften zu sparen. Denn ein Student, der für ca. 3,20 Euro – und das ist noch, bevor man 25 Jahre alt wird und in die studentische Krankenversicherung rutscht! – die Blutabnahmen macht, ist einfach deutlich günstiger als ein richtiger Blutabnahmedienst. Einige von euch werden sich jetzt sicherlich aufregen: „Das muss man eben lernen und aushalten!“. Ich mach’s kurz: Das weiß ich, und das möchte ich, und ich unterstütze die Ärzte gerne im Alltag, erwarte aber im Gegenzug ein freundliches Miteinander und im Idealfall auch gute Lehre.
Mein praktisches Jahr fängt also beschissen an. Nachdem ich die ersten Blutabnahmen gemacht habe, werde ich auf Botengänge geschickt oder muss Patienten transportieren. Während ich Frau Meier zum CT bringe, spiele ich mit dem Gedanken, mir meine Lehre passiv einzufordern. Zum Beispiel durch Fragen: Wann Visite sei, ob ich einen Patienten schonmal untersuchen kann, oder ob Punktionen anstehen, bei denen ich zuschauen darf. „Das ist für Sie, weil sie so eine nette junge Dame sind“, unterbricht Frau Meier meinen inneren Monolog und drückt mir fünf Euro in die Hand. Für den Transport habe ich also mehr bekommen als für eine Stunde arbeiten.
Ich bedanke und verabschiede mich und schlendere langsam zurück zur Station. Ein Gedanke kreist immer wieder in meinem Kopf herum: Werde ich jetzt wirklich zwölf Monate lang so behandelt? Ich wurde nicht einmal bei meinem Namen angesprochen. Für die Ärzte bin ich einfach nur „der Student“. Dass ich nicht einmal ein Student bin, sondern eine Studentin, das scheint niemanden zu interessieren.
Wie das praktische Jahr mich auf mein späteres Berufsleben vorbereiten soll, bleibt mir bisher schleierhaft. Ich muss mich also darauf vorbereiten, später knallhart ins kalte Wasser zu springen. Als ich zurück auf Station komme, läuft mir ein anderer Student entgegen. Er sei schon etwas länger in der Abteilung. „Keine Sorge, man gewöhnt sich dran“, sagt er, „und wenn es ganz schlimm ist, kannst du dich einfach kurz auf Klo verstecken. Was meinst du, wo ich die letzte halbe Stunde war?“, flüstert er mir leise zu und schnappt sich die nächste Blutabnahme. Während ich im Gang stehe, wie bestellt und nicht abgeholt, dreht er sich nochmal um. „Ach, wie heißt du eigentlich?“ Diese kleine Frage zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
„Ich bin der eine Student, Student 007. Und du?“
„Der andere Student.“
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