Lackierte Nägel sind aus Hygienegründen ein absolutes Tabu in Gesundheitsberufen. Doch so eindeutig wie oft vermutet ist die Datenlage gar nicht. Ein Verbot, dessen Lack längst abblättert?
Seit Jahrzehnten wird Beschäftigten in Pflege und Medizin eingebläut: keine künstlichen Nägel, keine Gelnägel, kein Nagellack. Die aktuelle S2k-Leitlinie zur Händehygiene bleibt diesem Grundsatz treu, allerdings ohne ihn wissenschaftlich neu zu bewerten. Sie verweist auf hinlänglich bekannte Risiken – etwa die Bedeutung sauberer Nagelfalze und die potenzielle Erregerlast unter den Nägeln. Doch die Datenlage für ein erhöhtes Infektionsrisiko bei lackierten Nägeln scheint äußerst dünn, so heißt es in einem Übersichtsbeitrag.
Zum Hintergrund: Werfen Ärzte einen Blick in Praxisempfehlungen zur Handhygiene, finden sie oft eine vielzitierte Studie aus 2018, um zu begründen, warum Gelnägel tabu sind. Insgesamt 88 Beschäftigte aus 3 Gesundheitszentren ließen sich an der dominanten Hand sowohl Gel-Nagellack als auch Standard-Nagellack auftragen. An den Tagen 1, 7 und 14 nach der Maniküre nahmen Forscher Abstriche – jeweils vor und nach der Händedesinfektion mit alkoholischem Handgel. Insgesamt entstanden so 741 Kulturen.
Die Ergebnisse zeigen: Bei allen Nageltypen stieg die bakterielle Belastung im Verlauf der Studie an. Nach der Händedesinfektion sank die Keimzahl jedoch nur bei natürlichen Nägeln und bei Standardlack deutlich ab. Bei Gellack bleibt dieser Effekt aus. „Damit reagieren natürliche Nägel und herkömmlicher Lack besser auf alkoholbasierte Händehygiene als Gelnägel“, so das Fazit.
Doch es gibt auch andere Sichtweisen. Autoren einer älteren Cochrane-Review sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Datenlage nicht ausreiche, um zu beurteilen, ob Nagellack die Anzahl von Bakterien nach der Handdesinfektion verändere. Und eine randomisierte kontrollierte Studie mit 40 Frauen aus dem Gesundheitsbereich zeigt, dass Gel-Nagellack auf kurzen Fingernägeln die Effektivität der chirurgischen Handreinigung nicht beeinträchtigt. Für die Untersuchung wurden Fingernägel der Teilnehmer entweder mit Gel-Nagellack versehen oder blieben unverändert. An zwei Zeitpunkten, einen Tag nach der Maniküre und erneut nach 14 Tagen, haben Forscher Proben von den Nägeln entnommen – jeweils vor und nach der Handdesinfektion mit Chlorhexidin. Die Erreger wurden anschließend verdünnt, auf Nährmedien ausgestrichen und 36 Stunden inkubiert.
Die statistische Auswertung ergab keinen Hinweis darauf, dass Gel-Nagellack die Wirksamkeit der Handdesinfektion verringert. Je länger die Nägel waren, desto höher fielen die Keimzahlen nach der Reinigung aus – unabhängig vom Lack. Solange Nägel nicht übermäßig lang seien, gebe es keinen Anlass, Chirurgen vom Tragen von Gel-Nagellack abzuraten, so die Autoren.
Eine prospektive Studie bestätigt, dass Gelnägel weitaus harmloser sind als vermutet. Für die Untersuchung rekrutierte ein Wissenschaftsteam 46 Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen. Die Teilnehmerinnen erhielten an ausgewählten Fingern entweder Gel-Nagellack, herkömmlichen Standardlack oder gar keinen Lack. Über einen Zeitraum von 21 Tagen wurden an 5 Terminen Abklatschtests durchgeführt – jeweils vor und nach einer Händedesinfektion.
Um mögliche Verzerrungen auszuschließen, waren alle Nägel auf eine einheitliche Länge von 2 Millimetern gekürzt. Bereits nach 4 Tagen zeigte sich, dass Nägel mit Standardlack stärker mit Bakterien belastet waren als jene mit Gel-Lack – und im Verlauf stärker als sowohl unlackierte Nägel als auch mit Gel-Lack lackierte Nägel. Am 21. Studientag wiesen nahezu alle Fingernägel mit herkömmlichem Lack deutliche Absplitterungen auf, die als wahrscheinliche Ursache für die höhere Keimzahl gelten. Die Gel-Lack-Beschichtungen hingegen blieben nahezu unversehrt. Am letzten Messtag lag die Keimbelastung der Gel-Lack-Nägel sogar unter dem Wert unlackierter Fingernägel. Offenbar bietet die glatte, stabile Oberfläche des UV-gehärteten Lacks Mikroorganismen nur wenig Halt.
Die alkoholische Händedesinfektion verringerte die Keimzahl in allen Gruppen zuverlässig um etwa 80 bis 90 Prozent. Weder Gel-Lack noch Standardlack beeinträchtigten die grundsätzliche Wirksamkeit des Desinfektionsmittels. Allerdings blieben auf Standardlack deutlich mehr Keime zurück als auf den anderen Nägeln. Für Gel-Lack ergaben sich weder vor noch nach der Handdesinfektion Hinweise auf ein erhöhtes Infektionsrisiko. Aus hygienischer Perspektive empfehlen die Studienautoren, herkömmlichen Nagellack im klinischen Alltag nicht länger als 24 Stunden nach dem Auftragen zu tragen. Für Gel-Lack hingegen fanden sie innerhalb eines Studienzeitraums keinerlei Hinweise auf negative Auswirkungen – vorausgesetzt, die Nägel werden kurz gehalten. Ein generelles Verbot von Gelnägeln sehen die Forscher daher nicht als notwendig an.
Zwar berücksichtigen viele Studien nur kleine Stichproben und können längst nicht alle offenen Fragen zur Handhygiene klären. Doch gerade deshalb wirkt das seit Jahrzehnten bestehende Tabu rund um Gelnägel heute mehr wie ein reflexhaft beibehaltenes Ritual als wie eine wirklich evidenzbasierte Entscheidung. Ein pauschales Verbot mag einfach umzusetzen sein und für klare Regeln sorgen – wissenschaftlich lässt es sich nach aktuellem Kenntnisstand jedoch nur noch schwer begründen.
Quellen
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AWMF: S2k-Leitlinie Händedesinfektion und Händehygiene, 2023, Online.
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