Herrenrunde in einer Kneipe nach einer zahnärztlichen Fortbildung. Da fällt dieser Satz – und alle anwesenden Ärzte lachen nur. Geht’s noch?
Nein, das ist kein Statement, sondern es handelt sich – sichtbar gänsefüßchenmarkiert – um ein Zitat. Als zahnärztlicher Assistent hatte ich an der Uni-Klinik, Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie, gerade meine erste Stelle nach dem Studium beendet und wollte die Arbeitsweise in der alltäglichen Praxis kennenlernen. Mir war bewusst, dass es fernab des Elfenbeinturms eine 180°-Wende geben, es eher bodenständig und gerne auch einfacher zur Sache gehen wird. So brachte mich die Neugier in eine Zahnarztpraxis, die sich als „Zahnarzt und Heilpraktiker“ mit dem Label der „Ganzheitlichkeit“ schmückte.
Nachdem ich durch die Praktiken des Praxisinhabers völlig verwirrt meinen ehemaligen Oberarzt in der Klinik anrief und ihm angesichts von „Cranio-Sakral-Homöopathischer-Ausleitungs-Detox-Kinesiologie“-Ritualen meine Zweifel an der Richtigkeit meiner Entscheidung äußerte, und er zu mir sagte: „Mach das! Schaue es dir an! So etwas findest du doch nie wieder!“, blieb ich und kam aus dem Staunen nicht heraus. Nicht etwa, weil die Menschen sich mit, aus meiner Sicht, infantilen Ritualen manipulieren lassen wollten, sondern, weil die Nachfrage so hoch war, dass Menschen wochenlanges Warten auf einen Termin in Kauf nahmen. Tumorpatienten stellten in dieser Praxis den Hauptteil der Klientel.
So war es keine große Kunst der Überredung, dass, nach umfangreichen Anamnesen, zusammen mit Patienten beschlossen wurde, endlich in den aktiven Kampf gegen „das Gift im Körper“ zu ziehen. Da meinte man, nach kinesiologischer Testung das „falsche Metall“ in den Kronen zu detektieren und mit gleicher Methodik das „richtige Metall“ aufzuspüren, wobei es sich als praktisch und zeitsparend erwies, dass das „richtige Metall“ stets dasselbe war, es den Patienten aber als ausschließlich für sie aus der Masse der verfügbaren Metall-Legierungen durch geheimnisvolle Muskelsprache herausgesuchte, individuelle Wahl verkauft wurde. Beide Seiten waren froh, dass es so schnell ging.
Keine Diskussionen gab es, wenn sich Patienten, schon sichtlich mit einer Tumorkachexie oder generalisierter Metastasierung, zur Behandlung meldeten. Zuallererst Amalgamentfernung und provisorische Füllungen mit Zementen. Weil es schnell gehen muss. Dass die Kaufähigkeit und damit auch die Lebensqualität nach einer solchen Tortur durch heftige Hypersensibilitäten drastisch eingeschränkt wurde, habe man nicht gewusst, das sei eben so, das gehöre dazu. „Sollen wir Ihnen die Rechnung zuschicken oder zahlen Sie bar?“ Ob ich denn wüsste, was der Tumorpatient mit dem diffus metastasierenden Lungenkrebs beruflich gemacht habe. „Lebensversicherungen hat er verkauft! Hihihi!“
Auch beliebt: Wurzelbehandelte Zähne vergiften den Körper. Leichengift. „Was glauben Sie, warum Sie Krebs bekommen haben? Raus damit – besser heute als morgen. Aber so einfach geht das nicht. Das müssen wir planen. Der Kieferknochen ist vom Leichengift völlig kontaminiert. Das muss alles raus. Wir fräsen das heraus. Hinterher brauchen Sie Prothesen. Aber das machen wir dann schon.“
Fortbildung – in der Praxis. Man traf sich auf der „Medizinischen Woche“ in Baden-Baden. Man kannte sich. Man bildete sich gegenseitig weiter und bescheinigte sich gegenseitig amtlich Fortbildungspunkte. Man überwiessich gegenseitig Patienten quer durch das Land. „Ich kann es nicht so gut, aber um die Aura bei Ihrem von Epilepsie betroffenen Kind zu reparieren, sollten Sie nach Bayern fahren.“ Im Gegenzug kamen bayrische Patienten zur präfinalen „Amalgamsanierung“. Seilschaften sind nützlich und machen glücklich. Beim wohlverdienten Bier in vertrauter Herrenrunde nach esoterischem Vortrag fiel es dann, das von lautem Gelächter begleitete Zitat, das ich nie vergessen werde: „Tumorpatienten glauben jeden Scheiß!“
Mein ehemaliger Oberarzt irrte mit seiner Annahme, dass ich so was nie wieder finden würde. Dieses Geschäftsmodell findet sich mittlerweile – ungestört durch Politik oder Verbraucherschutzvereine – an immer mehr Orten in Deutschland. Zähne esoterisch zu verklären, ihnen gar „Fernwirkungen“ außerhalb logisch erklärbarer hämatogener Bakterienausbreitung zuzuschreiben – dass dieses Geschäftsmodell heute noch verfängt, ist nicht alleine auf mangelnde Aufklärung zurückzuführen. Auch die Weigerung des Bundesgesundheitsministers, Homöopathie aus dem Leistungskatalog zu streichen und sie stattdessen weiterhin von GKV-Kassen finanzieren zu lassen, trägt ihren stabilen Teil zur Scharlataneriegläubigkeit bei. Die Onkologie sollte hierzu deutliche Warnungen aussprechen: Tumorpatienten werden mit Hilfe von „Detox“-Fantasien häufig unnötig gefährdet und somit Opfer sogenannter „ganzheitlicher“ oder „biologischer Zahnmedizin“. Das Ergebnis sind oft überflüssige, mitunter schwere gesundheitliche Schäden – und tiefe Löcher im Portemonnaie der Betroffenen.
Bildquelle: Midjourney