Nervenzellschäden im Blut ablesen? Mit dem Neurofilament Light Chain, kurz NfL, ist das möglich. Seit Jahren diskutiert, hält der Biomarker nur schleppend Einzug in die Praxis. Wo hakt es noch?
Wer die Abkürzung „NfL“ hört, denkt normalerweise an die amerikanische Football-Liga. Nicht so Neurologen: Bei ihnen steht die Abkürzung für „Neurofilament Light Chain“, einen Biomarker, dessen Konzentration im Blut oder im Nervenwasser (Liquor) bestimmt werden kann und der auf eine Nervenzellschädigung hinweist.
Abgesehen von den drei identischen Buchstaben haben die National Football League und die Neurofilament Light Chain noch etwas gemeinsam: Das Interesse an beiden wächst Jahr für Jahr. Während die NFL beim Super Bowl regelmäßig Rekorde bricht, rückte NfL in der Neurologie zuletzt immer stärker in den Fokus. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) im Jahr 2017 gab es lediglich vier Beiträge zu diesem Thema. Bis zum Kongressjahr 2024 stieg die Zahl der Beiträge auf 22 an, 2025 ging die Zahl allerdings überraschend stark auf 13 zurück.
Ist der Hype also vorbei? Oder ist NfL inzwischen so etabliert, dass sich die Aufmerksamkeit auf den Kongressen bereits den nächsten „Hot Topics“ zuwendet? Ob der Rückgang beim DGN-Kongress ein Zufall ist oder eine echte Trendwende darstellt, bleibt abzuwarten.
Nervenschaden im Blut feststellen Aber worum geht es bei dem Thema eigentlich? NfL ist Teil eines Strukturproteins, das in Nervenzellen vorkommt. Es bildet einen Baustein des Zellgerüsts und sorgt so für die Stabilität der Zelle, insbesondere des Zellfortsatzes, über den sie mit anderen Nervenzellen kommuniziert. Im Normalfall ist das Zellgerüst sehr stabil und die Bausteine verbleiben in der Zelle, sodass sie weder in den Liquor noch ins Blut gelangen.
Werden Nervenzellen geschädigt – aus welchem Grund auch immer – gelangt NfL in den Liquor und von dort ins Blut, wo die Konzentration gemessen werden kann. Die Höhe der im Liquor oder Blut gemessenen NfL-Konzentration spiegelt das Ausmaß der Nervenzellschädigung wider: Ein geringer Schaden führt zu einer leichten Erhöhung der NfL-Konzentration, ein schwerer Schaden zu einer starken Erhöhung. Erst die Entwicklung ultrasensitiver Tests, die auch kleinste Konzentrationen von NfL zuverlässig messen können, hat die Bestimmung im Blut ermöglicht. Hier ist die Konzentration von NfL um den Faktor 40 geringer als im Liquor. Das Verhältnis der Konzentrationen in Liquor und Blut ist in der Regel stabil, sodass die Bestimmung im Blut oft ausreichend ist – eine wichtige Voraussetzung für die Praxistauglichkeit.
Die Gründe für eine Erhöhung der NfL sind so vielfältig wie die möglichen Ursachen einer Schädigung der Nervenzellen. Am häufigsten wird die NfL-Bestimmung in den Bereichen Multiple Sklerose (MS) und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) verwendet. Daneben gibt es Untersuchungen zu praktisch allen Erkrankungen, die mit einer Hirnschädigung einhergehen – von Alzheimer bis Schädel-Hirn-Trauma. Die Kehrseite dieser vielseitigen Anwendbarkeit ist die fehlende Spezifität: Ein erhöhter NfL-Wert hilft für sich betrachtet nicht viel bei der Ursachenfindung. Deshalb liegt die Stärke der NfL weniger in der Diagnose einer bestimmten Erkrankung als vielmehr in der Beurteilung des Krankheitsverlaufs, der Prognose und des Therapieansprechens.
Die NfL-Bestimmung wurde im Bereich der Multiplen Sklerose am intensivsten untersucht. Bei dieser Erkrankung kommt es zu lokalisierten Nervenzellschädigungen in Gehirn und Rückenmark. Diese können mit einer Vielzahl von medikamentösen Therapieoptionen verhindert werden. Dabei ist eine genaue Beobachtung des Krankheitsverlaufs entscheidend. Eine erneut auftretende Krankheitsaktivität muss so früh wie möglich erkannt werden, um die Behandlung entsprechend anzupassen und bleibende Schäden zu verhindern.
Die klinische Untersuchung ist dabei ungenau, denn nicht jede neue Krankheitsaktivität äußert sich in Symptomen, die in der neurologischen Untersuchung auffallen. Manchmal handelt es sich um diffuse Symptome wie Fatigue oder Konzentrationsstörungen, die schwierig einzuschätzen sind. Deshalb werden regelmäßig MRT-Untersuchungen durchgeführt, um mögliche neue Krankheitsläsionen zu identifizieren. Doch auch das MRT ist nicht perfekt, denn die MS schreitet unabhängig von lokalisierten Entzündungsherden voran, was im MRT oft nur schwer erkennbar ist. Genau hier kommt NfL ins Spiel: Die NfL-Konzentration gibt live Auskunft über das Ausmaß der Nervenzellschädigung. Eine Erhöhung der NfL-Konzentration geht häufig MRT-Veränderungen oder neuen Krankheitssymptomen voraus und kann somit als Frühwarnsystem dienen.
Effektive MS-Therapien können die NfL-Konzentration nachhaltig senken, was ein Ausdruck einer erfolgreich unterdrückten Krankheitsaktivität ist. Ein Anstieg der NfL-Konzentration im Verlauf kann darauf hindeuten, dass die Krankheitsaktivität zurückkehrt. In diesem Fall kann frühzeitig ein Wechsel der Therapie geplant werden.
Neben der MS hat sich die NfL-Bestimmung auch bei ALS als nützlich erwiesen. Hier kann sie auch bei der Diagnosestellung helfen. Zwar kann die NfL-Konzentration aus den verschiedensten Gründen erhöht sein, bei ALS fällt der Anstieg jedoch in der Regel deutlich höher aus als bei anderen neurologischen Erkrankungen. Somit kann die NfL-Bestimmung ein wichtiger Baustein bei der Diagnosestellung sein. Darüber hinaus eignet sie sich zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs: Je höher die NfL-Konzentration, desto rascher das Voranschreiten der Erkrankung und desto kürzer die Lebenserwartung.
Die NfL-Bestimmung ist außerdem bei Studien zu neuen ALS-Medikamenten von großem Nutzen: Sinkt die NfL-Konzentration durch die Therapie, besteht die Hoffnung, dass sich auch die Symptome bessern und die Krankheit verlangsamt oder aufgehalten werden kann. Während sich die klinischen Effekte oft erst nach mehreren Monaten oder Jahren zeigen, kann ein fallender NfL-Spiegel bereits nach wenigen Wochen nachgewiesen werden. Dies ist ein wichtiger Ansporn, die Studien fortzuführen oder weniger geeignete Medikamente nicht weiterzuverfolgen.
Die Einsatzmöglichkeiten von NfL sind vielfältig. Bei einzelnen Erkrankungen, wie beispielsweise MS und ALS, etabliert sich die Bestimmung bereits im klinischen Alltag. Andere Erkrankungen werden folgen. Bereits im Jahr 2018 bezeichnete der englische Neurologe und MS-Forscher Prof. Gavin Giovannoni NfL als das „CRP (C-reaktives Protein) der Neurologen”. Dieser Vergleich unterstreicht die breite Anwendbarkeit bei zugleich fehlender Spezifität. Neurologen werden also auch in Zukunft nicht zuerst an Football denken, wenn sie den Begriff „NfL” hören.
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