Übelkeit und Erbrechen gehören für viele zu einer Frühschwangerschaft dazu. Entwickeln Frauen aber eine Hyperemesis gravidarum, kann die Psyche erheblich darunter leiden. Wie ihr betroffene Schwangere unterstützt.
Der Klassiker der unsicheren Schwangerschaftsanzeichen ist mit einer Inzidenz von 70 % ein flaues Gefühl im Magen, gepaart mit plötzlicher Übelkeit und Erbrechen. Typischerweise beginnen die Symptome mit 5–6 Schwangerschaftswochen (SSW), erzielen ein Maximum um 9 SSW und erlangen eine deutliche Besserung mit 16–20 SSW. Dabei ist die individuelle Bandbreite sehr variabel. Bei der Mehrzahl besteht die Übelkeit über den gesamten Tag. Übersteigen die Symptome ein gewisses Ausmaß, spricht man von Hyperemesis gravidarum, mit einer Inzidenz um 0,3–3 %.
Ein 28-jährige II-Gravida I-Para kommt mit 8+2 SSW in die gynäkologische Sprechstunde. Seit fünf Tagen übergebe sie sich mehrmals am Tag, könne nahezu keine Nahrung zu sich nehmen und trinke zwischen den Ereignissen möglichst viel Tee. Die Übelkeit besteht seit Beginn der Schwangerschaft. Bereits in der ersten Schwangerschaft war ihr sehr übel, aber diesmal übertreffe das Ausmaß ihre Vorerfahrung bei weitem. Da ihr zweijähriger Sohn nachts häufig wach sei, bekomme sie auch wenig Schlaf, was ihr Allgemeinbefinden zusätzlich belastet. Sowohl Mutter als auch Schwester berichten über ähnliche Schwangerschaftsverläufe. Mittlerweile habe sie schon zwei Kilo abgenommen. Selbst der Tipp einer befreundeten Hebamme, viele kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen und Ingwerpräparate hätten nichts genutzt. Auch ein Kombipräparat aus Vitaminen brächte keinerlei Besserung. Die gynäkologische Untersuchung ist unauffällig:
Eine stationäre Aufnahme lehnt die Patientin ab, ebenso eine ambulante Infusionstherapie. Sie möchte zunächst eine orale Therapie versuchen und bemüht sich um kleine Mahlzeiten und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Sie erhält ein Präparat aus Doxylamin-Pyridoxin und einen kurzfristigen Kontrolltermin, bei anhaltender Beschwerdesymptomatik auch früher. Eine Haushaltshilfe wird besprochen. Eine Woche später berichtet sie über weniger Übelkeit und nur noch gelegentliches Erbrechen. Sie könne auch wieder essen, habe kein Gewicht mehr verloren und es gehe ihr insgesamt besser.
Die genauen Ursachen sind abschließend nicht geklärt, wobei man am ehesten von einem multifaktoriellen Geschehen ausgeht. Verantwortlich gemacht werden hormonelle Faktoren (HCG- und Estradiol-Anstieg), mechanische Faktoren (Reflux, Blähungen) und psychische Veranlagungen. Große Plazentamassen (Mehrlinge, Blasenmole) scheinen ein Risikofaktor zu sein. Studien sehen vermehrt weibliche Feten in Verbindung mit Hyperemesis gravidarium ihrer Mütter. Auch eine genetische Komponente wird bei familiärer Häufung und Zwillingsstudien gesehen, verantwortlich ist das Gen GDF 15, das u. a. vom Plazentatrophoblasten exprimiert wird. Ein hohes Niveau des gebildeten Proteins im mütterlichen Blutplasma korreliert mit einer hohen Inzidenz von Hyperemesis gravidarum (hier und hier).
Die Kriterien sind nicht einheitlich definiert. Meist werden anhaltendes Erbrechen, Gewichtsverlust ˃ 5 % im Vergleich zum Gewicht vor Schwangerschaftseintritt, akute Dehydrierung und eine Ketonurie beschrieben. Diagnostisch handelt es sich um einen Ausschluss anderer Ursachen, der Schweregrad wird mithilfe von Scores ermittelt. Hinzugenommen werden Vitalparameter, Gewicht, Laboranalysen aus Blut und Urin und die Sonographie zur Bestimmung von Mehrlingen oder einer Blasenmole.
Komplikationen sind mütterliche Elektrolytverschiebungen, Vitaminmangel oder eine seltene Wernicke-Enzephalopathie aufgrund des Thiaminmangels (Vitamin B1). Auf fetaler Seite eine erhöhte Rate an SGA (small for gestational age) und FGR (fetal growth restriction). Auch die Rate an Präeklampsie wird als erhöht angegeben.
Empfohlen werden mehrere entschleunigte Mahlzeiten über den Tag verteilt, mit Vermeidung eines leeren oder zu vollen Magens. Am besten schon morgens vor dem Aufstehen eine kleine Nahrungsaufnahme wie Kräcker, Toast oder Brezel. Ingwer hat einen positiven Effekt auf die Übelkeit, einige Patientinnen profitieren von Akupunktur. Medikamentöse Einstiegstherapien sind Pyridoxin (Vitamin B6) oder Kombinationen aus den Vitaminen B1, B6 und B12, denen gute Effekte gegen die Übelkeit zugeschrieben werden.
Versagen konservative und niederschwellige Maßnahmen, ist die in Deutschland zugelassene Standardtherapie eine Kombination aus Pyridoxin und Doxylamin, einem Antihistaminikum. Die Substanz gilt als sicher in der Schwangerschaft und zeigt eine gute Wirksamkeit gegen Übelkeit und Erbrechen. Mittlerweile existiert auch ein Präparat mit einer verzögerten Freisetzung, der Einnahmebeginn erfolgt wegen der schlaffördernden Wirkung am Abend.
Über die Auslandsapotheke, bzw. in der Schweiz und Frankreich ist das Antihistaminikum Meclozin erhältlich. Nur zur kurzfristigen Anwendung geeignet ist das Antihistaminikum Dymenhydrinat und der Dopaminantagonist Metoclopramid. Ondansetron wird bezüglich möglicher Fehlbildungen kontrovers diskutiert und sollte nicht im ersten Trimenon verabreicht werden. Ultima Ratio ist eine Infusionstherapie mit stationärer Aufnahme, deren Wirkung mitunter durch eine Herausnahme aus den Alltagsverpflichtungen besteht.
Ob eine Hyperemesis gravidarum ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen darstellt, wurde in einer britischen retrospektiven Kohortenstudie zwischen Januar 2010 und April 2025 untersucht. Es wurden bei 476.857 Schwangeren aus 18 Ländern, die durchschnittlich 27 Jahre alt waren, eine Hyperemesis gravidarum diagnostiziert. Dabei wurden signifikante relative Risiken für 18 von 24 Endpunkten beobachtet. Als Kontrollgruppe dienten ebenso viele Schwangere ohne Diagnose Hyperemesis. Die fünf größten relativen Risiken waren eine Wernicke-Enzephalopathie, Refeeding-Syndrom, postpartale Depression, Essstörungen und Gebrauch von Antipsychotika. Bei nicht-affektiven Psychosen, bipolarer affektiver Störung (nicht psychotisch) oder Selbstverletzungen wurde kein Zusammenhang gefunden.
Der Befund, dass ein signifikant reduziertes Depressionsrisiko, insbesondere der postpartalen Depression, bei Hyperemesis mit metabolischen Störungen im Vergleich zur milderen Form der Erkrankung zu beobachten war, deutet auf positive Effekte im Gesundheitsdienst hin. Schwer betroffene Frauen würden öfter stationär versorgt und erhielten dadurch eine intensivere Betreuung. Die Autoren kamen zu dem Resultat, dass Hyperemesis gravidarum zwar mit einem höheren Risiko für die mentale Gesundheit im Vergleich zu Schwangerschaften ohne Erkrankung verbunden ist, die Verknüpfung zwischen Schwere der Symptome und der psychiatrischen Belastung aber komplex ist.
In einer australischen Studie aus dem Jahr 2020 wurden 289 Frauen befragt, die unter Hyperemesis leiden oder gelitten hatten. Im Mittel waren die Patientinnen 33 Jahre alt. Mehr als 50 % berichten über erhebliche Auswirkungen auf ihren Alltag, wie Beruf, Haushalt, Familie und Schlaf. Dies führe dazu, dass 62 % der Befragten angaben, Gefühle von Depression oder Angst zu erleben, 54 % dachten sogar an einen Schwangerschaftsabbruch und 90 % überlegten, kein weiteres Kind mehr bekommen zu wollen. Der Studienleiter Luke Grzeskowiak erklärt:
Hyperemesis gravidarum ist nicht nur Morgenübelkeit – es ist eine schwerwiegende Erkrankung mit verheerenden Folgen für die psychische Gesundheit, Beziehungen und Entscheidungen über künftige Schwangerschaften
Seine Mitautorin, Caitlin Kay-Smith, ergänzt:
Zu oft werden die Symptome als normale Schwangerschaftsbeschwerden abgetan. In Wirklichkeit handelt es sich um eine potenziell lebensverändernde Erkrankung. Wir müssen weg von einer Einheitslösung hin zu einer individualisierten, mitfühlenden Versorgung.
Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft werden häufig lapidar abgehandelt mit: „Das gehört dazu. Irgendwie muss man die Schwangerschaft am Anfang ja mitbekommen.“ Dabei wird unterschlagen, dass Schwangere oft erheblich unter den Symptomen leiden und in ihrem Alltag massiv eingeschränkt sind.
Ein empathisches Gespräch leidet die Therapie bereits ein, Wirkstoffkombinationen aus Doxylamin-Pyridoxin sind bei Hyperemesis gravidarum dann Standard, wenn konservative Ansätze frustran bleiben. Ultima Ratio wäre eine stationäre Einweisung. Der Zusammenhang mit psychiatrischen Erkrankungen ist komplex und bedarf Aufmerksamkeit und weiterer Studien. Schwangerschaft ist zwar keine Krankheit, kann aber bei Missachtung möglicher Vorzeichen zu einer werden.
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Bildquelle: Midjourney