KOMMENTAR | Freebirthing wird in den sozialen Medien als radikaler Akt weiblicher Selbstbestimmung gefeiert. Doch hinter der Geburt im Alleingang steckt ein lukratives Geschäft – und ein hohes Risiko für Mutter und Kind.
Freebirthing, auch „unassisted childbirth“ oder Alleingeburt genannt, bezeichnet Geburten, die bewusst ohne jede Form professioneller Unterstützung stattfinden. Weder Hebammen noch Ärzte sind dabei. Partner, Freunde oder andere medizinische Laien übernehmen allenfalls eine begleitende Rolle.
Während bei Hausgeburten ausgebildete Hebammen den Zustand von Mutter und Kind überwachen und im Notfall eingreifen, verzichtet Freebirthing vollständig auf diese Sicherheitssysteme – und damit auch auf den Schutz für Mutter und Kind.
Dr. Petra Brandt ist Frauenärztin und hat in ihrer Ausbildung sowohl europäische als auch afrikanische Geburtshilfe kennenlernen dürfen. Nicht selten gab es dort „Eine hohe Morbidität und Mortalität von Müttern und Kindern, auch aufgrund außerklinischer Geburtshilfe, die großen Entfernungen geschuldet war.“ Sie sagt:
Medizinisch gesehen überzeugt mich die moderne Geburtshilfe, wie sie in den westlichen Industrienationen möglich geworden ist: […] Ein Setting aus erfahrenen Geburtshelfern, Neonatologen und Anästhesisten war rechtzeitig vor Ort und hat nicht nur einmal Leben gerettet.
Warum Freebirthing derzeit einen Aufschwung erlebt, hat mehrere Ursachen. Manche Frauen, die sich für eine Alleingeburt entscheiden, haben bereits negative Erfahrungen mit der etablierten Geburtshilfe gemacht. Sie kritisieren zu viele Eingriffe, zu wenig Autonomie, zu hektische Abläufe oder das Gefühl, in Kliniken nicht wahrgenommen zu werden. Schwangere wünschen sich einfach mehr Selbstbestimmung, hört man dann. Genau diese versprechen ihnen Influencerinnen wie Josy Cornelius, Sue Strack, Natalie Rees und viele mehr. Sie propagieren Freebirthing als bewusste Entscheidung: eine Geburt, die körperlich und emotional unter eigener Kontrolle bleiben soll, frei von dem, was Frauen als übergriffig oder als zu technisch empfinden. Manche Influencerinnen versprechen sogar ein spirituelles oder existenzielles Erlebnis.
Sie selbst verdienen gut daran, Kurse oder Beratung anzubieten. Freebirthing hat sich längst zum veritablen Geschäftsmodell entwickelt. Die Kundinnen sind oft psychisch verletzlich, desillusioniert oder durch negative Erfahrungen im Kliniksystem verunsichert.
Auf Plattformen wie Instagram, Facebook oder YouTube verbreiten sich zunehmend ästhetisierte Darstellungen von sanften Wassergeburten oder scheinbar mühelosen Geburten am Strand. Diese Bilder romantisieren und verharmlosen Alleingeburten. Gezeigt werden fast ausschließlich unkomplizierte Freebirths – Risiken, Komplikationen oder gar dramatische Verläufe bleiben außen vor. Kritik daran wird schnell als Angriff oder als Ausdruck von „Systemhörigkeit“ abgestempelt. Hebamme Julia Freisinger betont jedoch:
Es gibt manchmal nur winzige Kleinigkeiten, auf die man [als Hebamme] zu achten hat, die dann allerdings über das Überleben der Mutter und des Kindes entscheiden können.
Hinzu kommt, dass die Zahl der Freebirths in offiziellen Geburtenstatistiken meist nicht erfasst wird. Über Häufigkeit, typische Verläufe oder gesundheitliche Outcomes liegen kaum belastbare Daten vor. Ein Grund dafür ist, dass viele Alleingeburten aus Überzeugung anonym oder unter strikter Verschwiegenheit aller Beteiligten stattfinden.
Brandt versteht den Wunsch nach Selbstbestimmung. Betont aber die Sinnhaftigkeit der medizinischen Versorgung:
Ethisch bewegt mich der Zwiespalt, dass eine Frau zu Recht über ihren Körper frei entscheiden kann, besonders wenn es um ein sehr intimes Erlebnis wie das einer Geburt geht. Nun ist da aber immer mindestens ein zweites Leben beteiligt, das schutzbedürftig ist. Freebirthing kann wunderbar gut gehen, aber was ist mit den unerwarteten Ereignissen, wenn die Gesundheit oder das Leben des Kindes in Gefahr ist oder eine Familie die Mutter verliert und dies dagegen in einem medizinischen Setting verhindert werden könnte?
Während Influencerinnen Freebirthing als kraftvolles, glückliches und nahezu mystisches Erlebnis inszenieren, zeigt die Realität häufig ein deutlich komplexeres und nicht selten riskanteres Bild.
Eine Recherche des Guardian zu der US-amerikanischen Free Birth Society (FBS) dokumentiert Dutzende Fälle, in denen Babys oder Mütter gestorben sind oder schwere Schäden erlitten haben. Pro Jahr setzt die FBS mit Kursen und weiteren Services mehr als 13 Millionen US-Dollar um. In 48 Fällen haben die Journalisten Totgeburten, neonatale Todesfälle oder gravierende gesundheitliche Folgen erfasst; in 18 Fällen stellten Reporter einen direkten Einfluss der Freebirth-Ideologie auf die Entscheidungen der Eltern fest, nicht ins Krankenhaus zu gehen. Auch Australien meldet tragische Ereignisse. Behörden in New South Wales und Queensland haben zwischen 2022 und 2025 mindestens sieben tote Neugeborene und zwei verstorbene Mütter in Zusammenhang mit Freebirths registriert. Auch in Indien wurde 2025 der Tod eines Neugeborenen publik, dessen Mutter sich bei der Planung einer vermeintlich „natürlichen“ Wassergeburt an Instagram-Inhalten und Freebirth-Ratschlägen orientiert hatte.
Fachgesellschaften warnen deshalb eindringlich vor unassistierten Geburten. Sie fordern strengere Regularien für Anbieter, die ohne medizinische Qualifikation Beratungsleistungen rund um Geburt und Schwangerschaft verkaufen. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Damit weniger Frauen aus Frust oder Verzweiflung den Weg hin zur riskanten Alleingeburt wählen, müsste sich das Geburtssystem grundlegend verändern. Wichtig wäre eine verlässliche, persönliche Betreuung: Viele Frauen berichten, sich im Klinikalltag übergangen, schlecht informiert oder schlicht allein gelassen zu fühlen.
Eine gesetzlich geregelte 1:1-Betreuung durch eine Hebamme könnte Frauen viel Vertrauen zurückgeben. Ebenso braucht es eine respektvolle Geburtskultur, die Autonomie bietet und unnötige Eingriffe vermeidet. Für Brandt wäre der Trend zum Hebammenkreißsaal eine gute Kompromisslösung – sie berichtete bereits hier. Auch der Zugang zu sicheren Alternativen wie Hausgeburten, Geburtshäusern oder Hebammenkreißsälen bleibt zentral. Wo solche Angebote fehlen, weichen Frauen eher auf unregulierte Freebirths aus. Freisinger rät:
Man sollte frühzeitig überlegen, welches Setting man für eine Geburt brauchen könnte und rechtzeitig medizinische Fachkräfte anfragen – damit man die Geburt verleben kann, die man sich vorstellt. Gleichzeitig muss die Anwesenheit einer Hebamme oder auch anderem Klinikpersonal nicht immer bedeuten, dass Interventionen passieren. Im Gegenteil: Die Betreuung unter der Geburt kann auch eine Bereichung in Motivation und Sicherheit sein.
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