Antidepressiva ausschleichen – leichter gesagt als getan. Patienten und Ärzte schlagen sich mit schrittweiser Reduktion herum, um starke Absetzsymptome zu vermeiden. Ein längst überholter Mythos?
Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verordneten Psychopharmaka. Und sowohl Behandler als auch Patienten fragen sich häufig, ob und wann die Medikamente eigentlich risikofrei wieder abgesetzt werden können. In den letzten Jahren haben die Berichte über sogenannte Absetzsymptome kontinuierlich zugenommen. Die Leitlinien empfehlen zur Vermeidung von Absetzsymptomen meist eine schrittweise Reduktion der Antidepressiva, doch wie hoch ist das Risiko wirklich? Eine neue Studie bringt jetzt etwas mehr Licht ins Dunkel und räumt mit Alltagsmythen auf.
In den 1950er Jahren wurde erstmals der Begriff des Antidepressiva-Entzugssyndroms (antidepressant withdrawal) bei der Anwendung von Imipramin genauer beschrieben. Bis heute gibt es jedoch gravierende Unterschiede in den Leitlinienempfehlungen zum Thema Absetzen. Zwar empfiehlt man ein langsames und schrittweises Ausschleichen der Medikamente – doch wie lange dieser Prozess dauern sollte und wie sich die gefürchteten Absetzsymptome tatsächlich äußern, bleibt unklar und die Empfehlungen unterscheiden sich je nach Land und Fachgesellschaft deutlich. In Großbritannien zum Beispiel beschreiben die NICE-Guidelines, dass Absetzphänomene von mild und kurzzeitig bis hin zu schwer und langanhaltend reichen können. Die US-amerikanischen Leitlinien betonen wiederum, dass sich die Symptome meist innerhalb von ein bis zwei Wochen spontan zurückbilden.
Allerdings fehlt in der Fachwelt bis heute Einigkeit über die tatsächliche Häufigkeit, die Ausprägung und den Verlauf von Absetzsymptomen. Genau an dieser Stelle setzt jetzt die kürzlich in JAMA-Psychiatrie veröffentlichte Studie an.
Die systematische Metaanalyse hat 11 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt über 3.000 Patienten ausgewertet, um herauszufinden, wie häufig und wie schwer Absetzsymptome im Vergleich zu Placebo oder zur Fortführung der antidepressiven Medikation wirklich sind. Als Antidepressiva wurden Desvenlafaxin, Venlafaxin, Duloxetin, Paroxetin und Vortioxetin (in Deutschland nicht mehr erhältlich) untersucht. Mithilfe einer standardisierten Skala (Discontinuation-Emergent Signs and Symptoms – DESS) wurden die Absetzsymptome bewertet. Die Skala besteht aus 43 einzelnen Items, die jeweils typische Absetzbeschwerden wie wie Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen erfassen. Ein klinisch relevantes Absetzsyndrom ist gemäß der DESS-Skala mit dem Auftreten von mindestens vier neuen oder verstärkten Absetzsymptomen definiert.
Die häufigsten Symptome nach dem Absetzen eines Antidepressivums waren Schwindel und Übelkeit. Ihre stärkste Ausprägung erreichten die Absetzsymptome in der Regel nach ein bis zwei Wochen nach dem Absetzen des Antidepressivums. Venlafaxin war in der Untersuchung am stärksten mit Schwindel und Übelkeit assoziiert. Durchschnittlich wiesen die Patienten nach dem Absetzen von Antidepressiva nur ein Symptom mehr auf als nach dem Absetzen eines Placebos oder einer fortgesetzten Medikationseinnahme.
Die Ergebnisse dieser systematischen Metaanalyse verdeutlichen, dass die Häufigkeit von Absetzsymptomen deutlich niedriger ist, als in älteren Übersichtsarbeiten bisher angenommen. Nach den Ergebnissen dieser Studie gibt es im Durchschnitt nach dem Absetzen eines Antidepressivums nur sehr milde Symptome. Die Notwendigkeit langwieriger und aufwendiger Ausschleichprotokolle sollte daher kritisch hinterfragt und neu diskutiert werden - insbesondere vor dem Hintergrund möglicher Nocebo-Effekte während einer ausgeprägten Ausschleichphase.
Anstelle einer angstbesetzten Sorge vor „Entzugssymptomen“ sollten klinische Routine und Aufklärung die Risiken für den Patienten realistisch einschätzen: Schwindel und leichte vegetative Beschwerden sind möglich, schwerwiegende Absetzsymptome bleiben nach aktuellem Forschungsstand aber eher selten.
Bildquelle: Gabriel Ponton, Unsplash