Bei Arbeitgebern im Gesundheitswesen nicht gerne gesehen: Angestellte, die in den Medien von ihrem Job berichten. Aber wo genau liegt das Problem? Von Ängsten und verpassten Chancen.
Es ist längst üblich im Gesundheitswesen: Ärzte, Pfleger oder Rettungsdienstler, die neben ihrem helfenden Job auch Aufklärung über Bücher oder soziale Medien betreiben. Doch das sieht nicht jeder Arbeitgeber gerne, wie jüngst ein Post von Pfleger und Content-Creator Metin Dogru zeigte.
Auf seinem Instagram-Profil veröffentlichte er ein Video, in dem er beschreibt, dass er keinen Job mehr in einer Klinik bekommt. „Wir haben einen Pflegemangel und es wird gefühlt jeder genommen, der in die Pflege möchte. Nur, weil ich zwei Bücher geschrieben habe, wo ich über die Missstände oder allgemein über die Probleme in der Pflege berichtet habe und weil ich Content darüber mache, möchten die Kliniken nicht, dass ich da arbeite“, sagt er darin. Dogru wurde bekannt mit satirischen Videos, in denen er z. B. in der Rolle der Schwester Rabiata – einer dauerhaft genervten Krankenschwester – auf Missstände im Pflegesektor aufmerksam macht.
„Ich habe so viel Erfahrung. Ich habe noch nie sensible Daten weitergegeben, Patienten fotografiert, gefilmt oder sonst irgendwas. Ich habe immer anonym darüber gesprochen, was so vor sich geht und was ich so für einen Job habe. […] Ich bewege auch einfach ganz viele Menschen dazu, diesen Beruf zu erlernen. […] Ich habe so Bock, wieder in einer Klinik zu arbeiten. Für viele ist Social Media immer noch so abschreckend und ich verstehe einfach nicht, warum“, so Dogru weiter. Aktuell arbeitet er in Teilzeit als Krankenpfleger über eine Zeitarbeitsfirma. Das Video habe er veröffentlicht, weil er von mehreren Kliniken aufgrund seiner Social-Media-Aktivitäten abgelehnt wurde, erzählt er auf Nachfrage von DocCheck.
Warum Arbeitgeber ein Problem damit haben, wenn ihre Angestellten neben dem Job auch in den Medien präsent sind? „Also ganz ehrlich, das ist ja kein Geheimnis: Die Kliniken sagen selbst, dass sie Angst haben, ich könnte dort irgendwelche Videos oder Storys machen. Und viele vermuten – ich genauso –, dass es denen vor allem darum geht, dass ich auf Missstände aufmerksam machen könnte und die Klinik dadurch schlecht dasteht. Dazu kommt einfach, dass viele mit Social Media nichts anfangen können und überhaupt nicht verstehen, was ich da mache“, so die Analyse des Krankenpflegers.
Viele Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, produzieren mittlerweile Inhalte, die sie im Internet veröffentlichen. Nicht wenige tun dies anonym – weil sie eben keine Probleme mit ihrem Arbeitgeber bekommen wollen.
„Ich würde über Defizite in den Kliniken bzw. im Gesundheitssystem oder Rettungsdienst niemals öffentlich unter Klarnamen berichten“, sagt der Blogger Narkosedoc. Er zeigt in seinen Texten immer wieder Missstände auf. Wer das unter Klarnamen tue, mache sich angreifbar. Weil der deutscheste Reflex nämlich sei: Wo arbeitet der denn? „Dabei ist das komplett egal. Die Missstände, die ich nenne und über die ich berichte, passieren so oder ähnlich in jeder Klinik in Deutschland. In manchen ist es schlimmer und in anderen viel schlimmer. Anstatt sich aber dem ursächlichen Problem (fehlende Investitionen, Fachkräftemangel, Ausbildungsdefizite) zu widmen, identifiziert man den Verräter und stellt ihn bloß. Damit alle weiter an das Märchen glauben können, dass hier der Denunziant das Problem ist.“
Man müsse sich nur die Homepage und Öffentlichkeitsauftritte der Kliniken ansehen: glänzend, hell, freundlich und blitzsauber. Lächelnde Mitarbeiter, Kompetenz von A bis Z. „Bis man die Klinik betritt: Auf dem Flur stehen die kaputten und aussortieren Betten, in der Notaufnahme gehen die letzten verbliebenen Pflegekräfte auf dem Zahnfleisch.“ Deshalb möchte er immer weiter berichten, aber anonym. „Ich hänge an meinem Job, ich mache das gerne und ich sehe gleichzeitig eine Notwendigkeit, die Öffentlichkeit über Dinge zu informieren, die sonst gerne hinter verschlossenen Türen gehalten werden.“
Notfallsanitäter Christian Strzoda sieht das ähnlich, wagt sich aber in seinem Blog und Podcast Rettungsdienst Realtalk unter Klarnamen in die Öffentlichkeit. „Der Fall des Kollegen Dogru ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom für eine systemische Autoimmunerkrankung unseres Gesundheitswesens: Es stößt genau die ab, die es am dringendsten braucht, die Engagierten, die Kritischen, die Lauten.“ In seinen Augen eine absurde Inversion der Realität. Nicht der Pflegemangel wird als das primäre Problem der Klinikleitungen gesehen, sondern ein Pfleger, der auf ihn hinweist. Nicht der Missstand sei der Skandal, sondern seine Veröffentlichung. „Die Branche sucht händeringend nach Personal. Sie wirbt mit Hochglanzbroschüren und dem Pathos des Heldentums. Doch dieses Heldentum wird nur geduldet, solange es schweigt. Sobald der Held zur Person wird – mit einer Meinung, einem Instagram-Kanal oder gar einem Buch – wird er zur Bedrohung.“
Die Arbeitgeber würden einen Reputationsschaden fürchten, verwechselten dabei aber Ursache und Wirkung. „Die Reputation wird nicht durch den Content-Creator beschädigt, der anonymisiert über eine unterbesetzte Schicht spricht. Sie wird durch die unterbesetzte Schicht selbst beschädigt.“
Wer Kritik aber äußere, gerate schnell in die Schusslinie, berichtet Strzoda aus eigener Erfahrung. „Karrierewege verengen sich plötzlich – nicht aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen. Es bedeutet auch, Zuspruch von Vorgesetzten nur im Flüsterton zu erhalten, die meine Arbeit zwar schätzen, dies aber öffentlich nicht kommunizieren können, da sie selbst Teil des Getriebes sind. Man gilt als ‚schwierig‘, als ‚Nestbeschmutzer‘. Man riskiert genau das, was Metin Dogru jetzt erlebt: Man wird auf dem Arbeitsmarkt zur Persona non grata, während weniger qualifizierte, aber stillere Kollegen eingestellt werden. Es ist die faktische Einschränkung der freien Meinungsäußerung durch die kalte Hand beruflicher Repression.“ Die Anonymität sei seiner Meinung nach ein legitimer Schutzschild, den viele brauchen, weil sie sonst Repressalien wie Dogru fürchten müssten. „Ich verstehe jeden, der diesen Schild nutzt“, so Strzoda.
Die beruflichen Nachteile zeigen aus seiner Sicht die nackte Angst vor Kontrollverlust in unserem System. „Jahrzehntelang funktionierte das System Krankenhaus als geschlossene Gesellschaft. Die Mauern der Kliniken waren nicht nur physisch, sondern auch kulturell. Was auf Station geschah, blieb auf Station. Diese Omertà-ähnliche Schweigepflicht war ein ungeschriebener Teil des Arbeitsvertrags. Heute, im Jahr 2025, ist diese Mauer dank Social Media porös geworden.“
„Ich schreibe unter Pseudonym, weil ich im direkten Kundenkontakt stehe und meine Apotheke in einem kleineren Einzugsgebiet liegt“, sagt Bloggerin PTAchen vom Blog Apothekentheater. „Mein Chef hatte, nachdem er entdeckte, dass ich über meine Arbeit blogge, trotzdem die Sorge, dass sich Kundinnen und Kunden in einem Blogbeitrag wiedererkennen könnten. Seitdem halte ich mich streng an eine Anonymisierungs-Routine: keine konkreten Fallbeschreibungen, keine Zeit- oder Ortsangaben, keine Fotos oder Logos aus der Apotheke; Details werden verändert oder weggelassen. Das fand ich sehr schade, aber wenn ich das nicht abgenickt hätte, dann hätte ich vermutlich heute auch keinen Job mehr.“
Auch Oliver Harney hat früher ausschließlich unter dem Pseudonym Der Kinderdok über seine Praxiserfahrungen geschrieben, ist dann aber zu seinem Klarnamen übergegangen. „Die Netz-Etiquette schreibt vor, medizinisches Wissen als Quelle nachvollziehbar zu machen. […] Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Veröffentlichen unter realem Namen vertrauensvoller wirkt. Meine berufliche Erfahrung wurde transparenter, mein Abschluss, meine Zugehörigkeit zu meiner Ärztekammer, letztendlich die Offenlegung meiner Reputation.“ Zu viele selbsternannte Experten würden im Netz herumspuken. Er hat allerdings auch einen großen Vorteil: Er arbeitet selbstständig in eigener Praxis. „Es ist ein Anachronismus, zu glauben, die medizinische Welt findet heute außerhalb der sozialen Medien statt. Wer so etwas denkt, oder gar KollegInnen aus medizinischen Berufen daraus einen Nachteil herleitet, indem sie z. B. Schwierigkeiten haben in der Jobsuche, lebt in der Vergangenheit“, sagt er.
Blogger DocJay schreibt anonym und sieht den Grund für extreme Reaktionen von Arbeitgebern als Symptom unserer in Deutschland kaum ausgebildeten Fehlerkultur. „Viele Akteure im Gesundheitssystem können nicht mit Kritik umgehen, viele Strukturen sind weiterhin starr hierarchisch, angstgesteuert und nicht auf Kooperation und Ausgleich ausgerichtet.“ Der Arzt zeigt aber auch Verständnis: „Ich kann hier beide Standpunkte verstehen. Ein generelles Misstrauen bis hin zu Sanktionen nur wegen einer Social-Media-Tätigkeit, ohne dass gegen Regeln und Gesetze verstoßen wurde, ist engstirnig, traurig und überzogen. Gleichzeitig kann ich die Sorge von Arbeitgebern nachvollziehen, plötzlich mit Datenschutzverletzungen bis hin zu Prozessen gegen die Klinik konfrontiert zu sein – und das nur, weil eine Person auf Teufel komm raus berühmt werden will und dafür echt alle Regeln bricht. Selbst nach Kündigung kann so ein Schaden, im Image und auch finanziell, nachhängen.“
PTAchen bringt es auf den Punkt: „Im Gesundheitswesen treffen gute Absichten schnell auf Schweigepflicht, Datenschutz und die Loyalitätspflicht gegenüber dem Arbeitgeber. Inhalte werden online leicht verkürzt oder aus dem Kontext gerissen, was Missverständnisse und Reputationsrisiken begünstigt. Die Chefs leben ständig mit der Sorge, man könne sie anzeigen. Dinge, die man nicht so ernst oder als witzig darstellt, können vom Betroffenen selbst völlig anders bewertet werden.“ Sie sieht die Ängste vor allem bei den Aspekten Datenschutz und Schweigepflicht, möglichen Rufschäden und der Sorge, dass aus einem Einzelfall ein Skandal wird. Sie sagt aber: „Gleichzeitig liegen auch die Chancen auf der Hand: mehr Transparenz, realistische Einblicke in Versorgung, Gesundheitsaufklärung, Recruiting und stärkere Bindung an den Arbeitgeber und das gezeigte Team.“
Dogru sieht in den sozialen Medien auch eher eine Chance, die Arbeitgeber verschenken, wenn sie dort nicht stattfinden wollen: „Ich würde mir wünschen, dass die Arbeitgeber das ‚Social-Media-Game‘ besser verstehen und erkennen, wie wichtig es ist, gerade unsere Berufe dort sichtbar zu machen. Viele junge Leute schauen sich die Videos an und bekommen so eine Verbindung zu unserem Beruf. Wenn sie sehen, dass zum Beispiel TikTok voll von Krankenpflegern ist, denken sie vielleicht: ‚Hey, das könnte ja auch für mich interessant sein‘. Ich wünsche mir Offenheit und dass verstanden wird, was Social Media wirklich ist und welchen Wert es für die Berufsrepräsentation hat.“
Auch Kinderarzt Harney findet: „Das Illustrieren des Gesundheitswesens auf sozialen Medien, mit Beschreibung der Umstände, mit Meinungsäußerungen und Lösungsvorschlägen ist sogar Werbung für den jeweiligen Arbeitgeber, wenn er das zulässt. Es ist ein Zeichen für Weltoffenheit, freie Meinungsäußerung und letztendlich ein globales Demokratieverständnis. Alles andere wäre Zensur.“ DocJay glaubt ebenfalls, dass Arbeitgeber von contentproduzierenden Mitarbeitern profitieren könnten: „Ein kluger Arbeitgeber macht eine Win-Win-Situation daraus: Man redet miteinander, vereinbart Regeln und tauscht sich aus. Der Content-Creator kann sein Berufsbild zeigen, mehr oder weniger berühmt werden und Spaß (bei der Arbeit!) haben. Die Klinik ist transparent und nahbar, zeigt ihre mediale Souveränität und gewinnt neues Personal und Patienten. Es kann so einfach sein.“
„Die Kliniken sägen an dem Ast, auf dem die Zukunft ihres Recruitings sitzt“, sagt auch Strzoda. „Die Generation Z, die sie so dringend brauchen, erreichen sie nicht mehr mit Flyern im Ärzteblatt, sondern auf TikTok und Instagram. Metin Dogru sagt es selbst: Er begeistert Menschen für diesen Beruf. Er zeigt, dass Pflege ‚auch cool ist‘. Er ist effektiveres Personalmarketing als jede millionenschwere Agenturkampagne.“ Die Chance, die Arbeitgeber hier verspielen würden, sei gigantisch. „Ein Arbeitgeber, der Transparenz nicht nur zulässt, sondern aktiv fördert, würde zum Magneten für Talente. Eine Klinik, die sagt: ‚Ja, bei uns gibt es Probleme, und wir finden es gut, dass unsere Mitarbeiter darüber sprechen, weil wir sie lösen wollen‘, wäre revolutionär. Stattdessen investiert man lieber in juristische Abteilungen und Abmahnungen und opfert erfahrene Fachkräfte auf dem Altar der Fassade.“
Bildquelle: Pamela Saunders, Unsplash