KOMMENTAR | Die international bekannten Kessler-Zwillinge entschieden sich gemeinsam für einen ärztlich assistierten Suizid – und verursachten einen medialen Aufschrei. Einig ist man sich nur über eins: So macht man das aber nicht.
Was ist ein guter Tod? Auf diese Frage wird man sehr verschiedene Antworten bekommen. Die Vorstellung eines guten Todes knüpft sich oft an ein gutes Leben, was wiederum einen eigenen Kosmos an Wertvorstellungen umfasst. Kulturelle, aber auch ganz indivuelle Wünsche spielen hier eine Rolle. Umfragen zeigen, dass Menschen hierzulande vor allem die Schmerzfreiheit wichtig ist. Atmen zu können, keine Angst haben zu müssen – all das sind Punkte, die oft genannt werden. Für einige ist ruhiges Alleinsein Teil eines gelungenen Abschieds, für andere gehören Menschen dazu, Freunde und Angehörige, die das Sterben begleiten.
Bei den Kessler-Zwillingen, deren Tod kürzlich Schlagzeilen machte, war das ganz wörtlich zu nehmen: Die Schwestern hatten sich für einen gemeinsamen, assistierten Suizid entschieden. Laut der Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) waren die Showgirls bereits lange Mitglieder im Verein und mussten das auch sein, um überhaupt einen Antrag auf Sterbehilfe stellen zu können. Ihr Todesdatum hatten sie geplant und gemeinsam festgelegt. Eine der beiden 89-Jährigen war schwerkrank und die andere beschloss, mit ihr zu sterben.
Ein Detail, auf das sich die Klatschpresse stürzt: „Eine Freundin verrät: Ellen war krank, Alice starb für sie“, titelt der Stern. „Enthüllt: Deshalb starben die Kessler-Zwillinge“, schreibt der österreichische Exxpress. Und auch die Bild ist natürlich dabei: „Alice ging für kranke Schwester mit in den Tod“. Die Reaktionen darauf schwanken zwischen Empörung und Begeisterung. Dieser Abgang sei doch kein „Vorbild“, meint ein Bild-Redakteur. Dieser Tod sei nicht „normal“, kommentiert er als „gläubiger Christ“. Was dieses vorbildliche, normale Sterben denn sein soll, wird im Weiteren zwar nicht klar, aber eins scheint deutlich: ein assistierter Suizid ist es wohl nicht. Das sieht auch der Deutsche Caritasverband so und fordert ein Werbeverbot für Sterbehilfevereine; natürlich schwingt auch hier eine religiöse Komponente mit.
Doch Bild wie Caritas, sozusagen die beiden Extreme der Diskussion, sehen ebenso ein gesellschaftliches Problem: die Angst. Angst vor einem einsamen Tod im Pflegeheim und die Angst – speziell bei alten Frauen –, zur Last zu fallen, nicht mehr nützlich zu sein. Aber umgekehrt auch die eigene Angst, dass wir als Gesellschaft alte Menschen zu oft alleinlassen, wegschaffen, isolieren. Und was ist das, wenn nicht die Angst vor dem Alter, vor dem abstrakten Konzept Tod? Eine Angst, die in westlichen Kulturen das Sterben weitgehend aus dem sichtbaren Alltag verbannt hat und stets bestrebt ist, den Tod zu verstecken. Das treibt teils seltsame Blüten: Wir kleben leere Augen zu, nähen gelöste Münder fest, polstern Wangen auf, schminken tote Haut. Packen Körper in Särge, die wir im Boden vergraben, an Orten, die entweder vor der Stadt liegen oder zumindest gut abgeschirmt sind durch Mauern und Gitter.
Da stößt der assistierte Suizid zweier älterer Damen wohl auch einfach vor den Kopf. Wie, die möchten nicht ins Heim und nehmen sich raus, gemeinsam zu sterben? Dabei erfüllt der Tod der Kessler-Zwillinge eigentlich ziemlich viel von dem, was für viele wohl ein guter Tod wäre: zuhause, wissentlich, im Beisein einer wichtigen Bezugsperson und nach Abschied von Freunden. Und dann auch noch das bewusste Sterben als Schwestern, diese fast schon rebellische Abkehr von gesellschaftlicher Erwartung, Thelma und Louise. Genau hier wird der Grat zwischen Realität und Romantisierung dann aber ein sehr schmaler – und gefährlicher. Der Werther-Effekt ist belegt und ein reales Problem. Dazu kommt der traurige Hintergrund des Suizids, nämlich die Krankheit einer Schwester und die Angst, im Pflegeheim zu vereinsamen, während eine der anderen beim Sterben zuschaut. Da ist sie wieder, die Angst.
Ein veralteter Begriff für Suizid ist Freitod. Er wird heute, besonders im medizinischen Kontext, nicht mehr verwendet. Das hat Gründe, und zwar gute: Es schwingt – neben der Unterstellung einer bewussten Entscheidung, die bei suizidalen Menschen eigentlich nicht gegeben ist – eine Poetisierung, ja Heroisierung eines Lebensmoments mit, der nichts Poetisches oder Heroisches hat. Was er aber immer hat, ist ein Welleneffekt, der Kollegen, Freunde, Familie trifft.
Suizidprävention im Kontext mentaler Gesundheit sollte eines der wichtigsten Anliegen moderner Medizin sein, keine Frage. Aber wenn es um assistierten Suizid geht, sollten Menschen ihren persönlichen Weg finden dürfen – und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben schließt für mich das Recht auf einen selbstbestimmten Tod ein. Im Fall zweier alter Damen, die nach einem erfüllten Leben nicht einsam in ihren Hospizbetten verschwinden wollten, eröffnet der „Freitod“ eine neue Perspektive: die Freiheit, sich für den Tod zu entscheiden. Wer könnte das einem Mitmenschen verwehren?
Bildquelle: Viktor Talashuk, Unsplash