Die Heilung eines Kreuzbandrisses ist ein Marathon, kein Sprint. Häufig klagen Patient auch nach einer Operation über Instabilität im Knie. Wie ich meinen Patienten die Unsicherheit nehme und was Schaumstoff aus dem Baumarkt damit zu tun hat.
Klagende Patienten nach Operation des vorderen Kreuzbandes sind Tagesgeschäft in Orthopädie-Praxen: Bei den meisten Beschreibungen fallen die Begriffe „Unsicherheit“ und „Instabilitätsgefühl“. Die Operateure sind zwar mit dem Ergebnis ihres Eingriffs zufrieden und bescheinigen bei der klinischen Untersuchung stabile Gelenkverhältnisse. Doch die Patienten bleiben verunsichert und haben das Gefühl, ihr operiertes Kniegelenk nicht zuverlässig belasten zu können. Nicht selten entwickeln sie sogar eine Angst davor. Sind diese Wahrnehmungen begründet – und wie kann man den Patienten helfen?
Nach einem Riss des vorderen Kreuzbandes und Rekonstruktion kann es zu neuromuskulären Störungen in den unteren Extremitäten kommen, die als arthrogene Muskelhemmung bezeichnet werden. Insbesondere Sportler klagen trotz intensiver Rehabilitationsmaßnahmen über anhaltende Kraftdefizite.
Im August 2025 wurde eine Studie von Sylvester et al. veröffentlicht, die die Auswirkungen auf die kortikospinale und intrakortikale Erregbarkeit der Quadrizeps- und ischiokruralen Muskulatur nach Kreuzband-OP an 21 Teilnehmern von durchschnittlich 24,5 Jahren untersuchte. Dabei wurden erhebliche Defizite bei der willkürlichen Aktivierung des Quadrizeps beobachtet, die in ihrem Schweregrad den Beeinträchtigungen bei älteren Menschen mit Gonarthrose entsprechen. Zwei Wochen nach Ersatz des vorderen Kreuzbandes mittels eines ipsilateralen Hamstring-Autotransplantats bestand eine signifikante Asymmetrie mit Abnahme der intrakortikalen Erregbarkeit am operierten Bein im Vergleich zur Gegenseite, die vor dem Eingriff nicht nachweisbar war. Dagegen blieb die kortikospinale Erregbarkeit in der frühen postoperativen Phase konstant, verminderte sich aber innerhalb von sechs Monaten. Die Forscher vermuten, dass diese Veränderungen von den Muskel- und Gelenkdefiziten beeinflusst werden, die nach einem Kreuzbandriss mit anschließender Operation auftreten. Kortikale Veränderungen mit erhöhter Hemmung und Defiziten bei der willkürlichen Muskelaktivierung können nach einer Kreuzband-OP ohne gezielte physiotherapeutische Intervention mehrere Jahre anhalten. Die Normalisierung der veränderten Neuroplastizität lässt sich wahrscheinlich am besten durch ein sehr anstrengendes Widerstandstraining (z. B. mit der Beinpresse) und ein externes Pacing (Muskelaktivierung mittels Elektroden auf der Haut) erreichen.
Zusätzlich zu den Veränderungen auf der Hirnrinde und im Rückenmark kommt es durch die Operation lokal zu Störungen von Propriozeptoren, also jener Rezeptoren, die für die Propriozeption zuständig sind.
Mechanorezeptoren befinden sich im Kapsel-Band-Apparat der Gelenke, in Muskeln und Sehnen und in der Haut. Werden sie adäquat gereizt, gelangen ihre Informationen über afferente Nervenfasern zum Rückenmark und werden hier auf spinale Motoneurone übertragen. Diese steuern mit ihren Efferenzen innerhalb von 70 bis 150 Millisekunden autonom die Muskulatur und sorgen dafür, dass der Körper im Gleichgewicht bleibt.
Eine Überprüfung der eigenen Regelkreis-Funktion kann man im Einbeinstand vornehmen. Der Körper aktiviert automatisch und unbewusst Bein- und Fußmuskeln derart, dass man nicht umfällt. Dafür verarbeitet er außerdem visuelle Informationen und Wahrnehmungen des Vestibularapparates. Schaltet man durch Schließen der Augen die visuellen Eindrücke aus, gestaltet sich der Einbeinstand deutlich schwieriger.
In Gelenkkapseln gibt es mehrere Arten von Mechanorezeptoren mit verschiedenen Aufgaben:
Weitere Propriozeptoren befinden sich als Muskelspindeln in der Skelettmuskulatur und als Golgi-Sensoren in den Sehnen, die Anzahl der Muskelspindeln erhöht sich proportional zur feinmotorischen Leistung eines Muskels, so ist z. B. ihre Dichte in Augenmuskeln um ein Vielfaches höher als im M. quadriceps.
Durch ein Trauma wie eine Kreuzbandruptur mit nachfolgender Operation kommt es zu einer direkten Beeinträchtigung der Propriozeptoren. Das hat laut Professor Sell, Klinikdirektor des Gelenkzentrums im Schwarzwald Neuenbürg, Folgen: „Ein posttraumatisches sensomotorisches Defizit aufgrund fehlender propriozeptiver Afferenzen gilt als Ursache für eine posttraumatische funktionelle Gelenkinstabilität.“
Therapeutisch können Bandagen verordnet werden, die durch Kompression der Haut und des Bindegewebes eine Vorspannung erzeugen. Dadurch werden bei jeder Bewegung die Mechanorezeptoren leichter oder schneller gereizt, was als Mechanotransduktion bezeichnet wird. Diesen Effekt erzielt man besser mit elastischen Bandagen aus gestricktem Material und erträglicher Kompression als mit Hartschalenorthesen.
Die größte therapeutische Wirkung dürfte aber ein aktives Training haben, das möglichst täglich ausgeführt wird und die Propriozeptoren intensiv reizt. Als der Fußballer Miroslav Klose während seiner aktiven Zeit einen Kreuzbandriss erlitt, konnte ich einige Tage seiner postoperativen Rehabilitation beobachten. Die Physiotherapeuten stellten ihn auf einen weichen bzw. federnden Untergrund, wie eine dicke Schaumstoffmatte oder ein Minitrampolin, und warfen ihm einen Ball zu, den er fangen und zurückwerfen musste. Das machte er anfangs beidbeinig, später nur noch im Einbeinstand.
Zuhause könnten sich Patienten auf die Matratze ihres Bettes stellen und einen Schaumstoffball gegen eine Wand werfen und fangen – vorausgesetzt, sie sind vor Stürzen gesichert. Ansonsten könnte man eine Matratze auf den Fußboden legen oder sich im Baumarkt eine Schaumstoffunterlage von 80 x 50 cm besorgen. Physiotherapeuten vermitteln gerne weitere propriozeptive Übungen. Erfahrungsgemäß werden Patienten damit innerhalb weniger Wochen Training ihre gefühlte Gelenkstabilität verbessern.
Bildquelle: Apor Szabó, Unsplash