Manchmal sitze ich an ruhigen Tagen auf der Wache, wünsche mir einen Einsatz herbei – und schäme mich im nächsten Moment dafür. Warum es schwer ist, wenn dein beruflicher Zweck im Leid anderer liegt.
Der Kaffee schmeckt nach abgestandenem Ehrgeiz. Er steht seit zwei Stunden auf dem Tisch im Wachraum – ein braunes, lauwarmes Mahnmal unserer Nutzlosigkeit. Draußen scheint die Sonne, als hätte sie einen PR-Vertrag mit der Stadtverwaltung abgeschlossen. Vögel zwitschern. Menschen gehen zur Arbeit, kaufen Lebensmittel ein, leben ihr banales, wunderbares Leben. Und wir? Wir sitzen.
Wir, die Besatzung eines Rettungswagens, sind in den Augen mancher Bürger das teuerste Taxi der Stadt, geparkt im „Status 2“. Wir sind bezahltes Sitzfleisch-Kapital. Unsere Anwesenheit ist ein stilles Versprechen an die Gesellschaft: „Keine Sorge, wir sind da, falls die Banalität explodiert.“
Die Luft im Wachraum klebt. Der Fernseher murmelt belangloses Zeug. Die Stiefel drücken, obwohl man nur sitzt. Und in dieser dicken, zähen Sauce aus Langeweile beginnt etwas, zu keimen. Etwas Dunkles. Ein Gedanke, den man kaum wagt, zu Ende zu denken: „Kann jetzt nicht irgendein Unglück passieren?“ In dem Moment, in dem wir das denken, schaltet sich der innere Moralapostel ein. Was stimmt nicht mit uns? Wir sind die Guten. Wir tragen gelbe Hosen und einen Star-of-Life auf der Brust. Wir sind die Kavallerie, die kommt, wenn das Schlimmste passiert. Wie kann die Kavallerie auf den Angriff hoffen?
Dürfen wir das? Dürfen wir uns wünschen, dass irgendwo ein Mensch von einer Leiter stürzt, dass ein Herz aus dem Takt gerät oder ein Autofahrer die Vorfahrt missachtet?
Philosophisch betrachtet ist das ein Desaster. Nehmen wir Kant: Der kategorische Imperativ verlangt von uns, so zu handeln, dass die Maxime unseres Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. Wenn wir uns einen Einsatz wünschen, lautet die Maxime: „Ich wünsche mir Leid, damit ich handeln kann.“
Wollten wir in einer Welt leben, in der sich jeder Leid wünscht, nur um seiner Tätigkeit nachzugehen? Der Bäcker, der auf eine Hungersnot hofft? Der Feuerwehrmann, der sich nach der Feuersbrunst sehnt? Es fühlt sich falsch an. Es ist falsch. Wir wünschen uns aktiv das Scheitern eines Mitmenschen, den Riss in dessen Lebensentwurf. Wir werden zu passiven Voyeuren des Unglücks, die ungeduldig auf den Beginn der Vorstellung warten. Das ist die eine Seite. Die moralisch saubere, die uns nachts den Schlaf raubt, wenn wir nicht gerade im Nachtdienst auf einem abgeranzten Sofa dösen.
Aber es gibt auch noch eine andere Seite: die pragmatische, die des Handwerkers. Aristoteles sprach vom Telos, dem Zweck oder Ziel, das jedem Ding innewohnt. Das Telos eines Messers ist das Schneiden. Ein Messer, das in der Schublade liegt, erfüllt sein Telos nicht. Es ist, philosophisch gesehen, ein schlechtes Messer.
Wir im Rettungsdienst sind hochspezialisierte Werkzeuge. Wir haben etliche Euro an Ausbildung gekostet, Algorithmen gebüffelt, Tuben geschoben, Reanimationen an Plastikpuppen geübt. Wir sind das schärfste Schwert, das die Gesellschaft gegen den plötzlichen Tod geschmiedet hat. Und dieses Schwert rostet in der Scheide. Der Wunsch nach dem Einsatz – ist er wirklich ein Wunsch nach Leid? Oder ist er nicht vielmehr der Wunsch nach Relevanz? Ist es nicht der Schrei unseres eigenen Telos? Wir wollen nicht, dass der Mensch von der Leiter fällt. Aber wenn er fällt – und das ist der entscheidende Punkt –, wollen wir verdammt noch mal diejenigen sein, die ihn versorgen.
Wir sehnen uns nicht nach der Pathologie – sondern nach der Anwendung unserer Physiologie. Wir wollen tun, wofür wir ausgebildet wurden. Jede Minute, die wir untätig sitzen, während unser Wissen verblasst, macht uns zu einer schlechteren Waffe. Das Warten macht uns stumpf.
Hier kommt die kalte, tröstende Mathematik ins Spiel. Der Gedanke, der uns rettet, während wir auf den Melder starren: „Es passiert ja sowieso.“ In einer Metropolregion mit Millionen Einwohnern ist das Leid keine Möglichkeit, sondern eine statistische Konstante. In genau diesem Moment, in dem ich diesen Satz tippe und der Kaffee endgültig erkaltet, erleidet irgendwo da draußen jemand einen Schlaganfall, ein Kind verbrennt sich, ein Herz bleibt stehen. Das große Rauschen des Elends ist immer da.
Wir wünschen uns also nicht, dass etwas passiert. Es passiert bereits. Es ist ein unaufhörlicher Strom von Tragödien. Wir wünschen uns lediglich, dass der Disponent den uns zugewiesenen Sektor des Stroms an unseren Alarmempfänger weiterleitet. Wir wünschen uns nicht den medizinischen Notfall. Wir wünschen uns nur, dass wir, die wir mit einem voll bestückten RTW und einsatzbereitem Team auf der Wache warten, zu dem Patienten gerufen werden, der ohnehin schon leidet.
Ist das moralisch besser? Es fühlt sich so an. Es ist die Akzeptanz der Realität. Wir sind nicht die Schöpfer des Unglücks, wir sind nur dessen Verwalter. Wir sind der Sisyphus der Notfallmedizin. Der Stein rollt unweigerlich den Berg hinab. Wir warten nur darauf, ihn wieder hochzuschieben, wissend, dass er wieder rollen wird.
Das Paradoxe ist: Solange wir auf der Wache sitzen, existiert der Notfall für uns nicht. Der Patient ist Schrödingers Patient – er ist gleichzeitig gesund und schwerverletzt. Erst der Alarm, der schrille Ton des Melders, lässt die Welle kollabieren. Er zwingt uns, hinzusehen. Er zerreißt die bequeme Decke der Ignoranz. Der Wunsch nach dem Alarm ist also vielleicht etwas Tieferes. Es ist der Wunsch, die Ungewissheit zu beenden. Es ist der Wunsch nach Sinn.
Die Langeweile auf der Wache ist nicht nur ein Mangel an Beschäftigung; sie ist eine existentielle Krise im Kleinformat. Wenn wir stundenlang nichts tun, wofür sind wir dann hier? Wir sind nur noch Kostenfaktor, ein teures Placebo für die Bevölkerung. Der Alarm, so schrecklich sein Anlass auch sein mag, ist eine Erlösung. Er gibt uns unseren Zweck zurück. Er transformiert uns von Wartenden zu Handelnden. Er macht aus dem philosophischen Problem „Mensch“ das handwerkliche Problem „Patient“.
Wenn der Melder geht, stirbt der Philosoph in uns. Der Kant’sche Imperativ wird ersetzt durch den xABCDE-Algorithmus. Wir denken nicht mehr über das „Ob“ des Leids nach, sondern nur noch über das „Wie“ der Linderung. Und vielleicht ist das der einzige Weg, diesen Job zu überleben. Wir dürfen uns den Einsatz wünschen, solange wir uns in dem Moment, in dem wir im RTW sitzen, nichts sehnlicher wünschen, als dass wir nicht gebraucht worden wären. Wir leben in diesem Widerspruch. Wir warten auf das Schlimmste, um das Beste geben zu können.
Der Kaffee ist jetzt kalt, ich schütte ihn weg. Draußen fährt ein Streifenwagen vorbei. Der Fernseher ist aus. Die Stille drückt. Bitte, lass was losgehen.
Bildquelle: Toa Heftiba, Unsplash