Ärzte sind rar, Personalnot ist allgegenwärtig. Immer wieder diskutieren wir darüber, Aufgaben an andere Berufe auszulagern. Ich bin dafür – versteht mich nicht falsch –, aber nur unter einer Bedingung.
Ich finde es interessant, dass inzwischen Gesetze erlassen werden, die als Chance für bestimmte medizinische Berufsgruppen gedeutet werden, aber gleichzeitig auch von diesen Gruppen kritisch gesehen werden. Ein Beispiel: Das Pflegekompetenzgesetz. Grundsätzlich bin ich ein großer Freund von geteilter Kompetenz zum Wohle des Patienten. Ich kenne viele Leute aus dem medizinischen, aber nicht-ärztlichen Bereich, deren Kompetenz in ihrem Fachbereich meine überschreitet und auf deren Rat ich mich gern verlasse. Seien es Physiotherapeuten bei orthopädischen Problemen, aber auch Pflegepersonen im Bereich des Wundmanagements.
Ein Beispiel aus der Heimvisite vor ein paar Wochen: Einer der Patienten hat leider schon seit längerem einen transurethralen Dauerkatheter, der laut den Urologen auch nicht mehr in einen suprapubischen gewechselt werden kann. Am Penis hat sich aber ein Druck-Ulcus gebildet und das schmerzt den (zusätzlich auch noch stark dementen) Patienten. Die Demenz macht die Wundversorgung oft genug noch schwieriger. Ich stand also mit einem der Pfleger vor dem Bett und meinte nur zu ihm „ich brauche eine Druckentlastung, damit das Ulcus abheilt, aber ehrlich gesagt fällt mir spontan nicht ein, wie wir das machen können, ohne dass es dem Patienten kurzfristig noch mehr Probleme und Schmerzen macht.“ Der Pfleger meinte nur spontan „Ich weiß, was Sie meinen – ich bespreche das mal mit unserem Team, wir lassen uns was einfallen.“
Die Lösung, die er mir in der folgenden Woche präsentierte, war ebenso einfach wie genial: Die Pflege hatte aus einem PU-Schaum-Zehenverband eine Polsterung gebastelt und eine Woche später war das Ulcus bereits deutlich gebessert, zwei Wochen später fast weg. So stelle ich mir professionelle Zusammenarbeit vor: Man bespricht sich, definiert ein gemeinsames Ziel und dann sucht man die beste Idee, wie man das umsetzen kann. Das klappt meistens wirklich gut.
So, jetzt also das Pflegekompetenzgesetz. Letztlich besagt es, dass die Pflege mich in so einem Fall nicht unbedingt um Rat fragen muss, bevor Verbände verordnet werden. Wie oben gesehen, übernehme ich eh gern die Vorschläge der Pflege und habe damit dementsprechend wenig Probleme. Wäre also alles prima, wenn da nicht (mal wieder) das Finanzielle ungeklärt wäre: Ich habe bisher nicht herausfinden können, wie das denn mit unserem Budget funktioniert, wenn eine Pflegekraft dann die teuren Wundauflagen „verschreibt“.
Doppeltes Problem: Ich höre oft von den Wundmanagern, dass sie primär von den Herstellerfirmen ausgebildet wurden. Da kommt sicher noch die eigene Erfahrung zu, aber das ist schon ein gewisser Interessenskonflikt. Und über dieses Finanzielle sitzt dann bereits wieder der Keil zwischen den Berufsgruppen Arzt (mit Budget) und der Pflegekraft. Dasselbe gilt ja für die Apotheker, die demnächst selbst Medikamente ausgeben können. Auch da haben wir Ärzte ein Budget und bekommen Regresse angedroht. Gilt diese Regressgefahr dann auch für die anderen Berufsgruppen? Das würde garantiert viele abschrecken – aber zweierlei Maß wäre auch unfair.
Es wirkt auf mich leider wieder wie ein nur halb zu Ende gedachter Schnellschuss. Wir müssen die nicht-ärztlichen Berufe stärken (so wie es in vielen anderen Ländern ja auch normal ist) und die Expertise der jeweiligen Gruppen anerkennen. Aber es muss für uns Ärzte auch eine finanzielle Sicherheit geben, dass wir nicht im Endeffekt dann die Rechnung bekommen, auch wenn jemand anders verordnet hat.
Was auch in dem Zusammenhang hilfreich wäre: einheitliche Standards und Vorgaben bei der Behandlung. Ein Beispiel, wo ich in den letzten Wochen viel mit Pflegepersonal diskutieren musste: sterile Kompressen. Gerade chronische Wunden sind in den allermeisten Fällen mit Keimen besiedelt – und damit per definitionem nicht steril. Häufig wird auch von chirurgischer Seite empfohlen, Wunden ein Mal täglich auszuduschen. Ja, unser Trinkwasser ist sicherlich sehr sauber, aber nicht steril – muss es ja auch nicht sein. Aber warum man dann sterile Kompressen auf eine nicht-sterile Wunde legt, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Unsterile Kompressen sind ja nicht „dreckig“ – und sterile Kompressen sind teuer und verursachen viel Müll. Aber trotzdem kommt wohl immer wieder die Vorgabe vom Wundmanagement, dass die Pflege sterile Kompressen benutzen soll. Ich hatte mal eine Wundmanagerin drauf angesprochen, aber auch die verwies nur auf Vorgaben, die sie bekommen habe, ohne eine inhaltliche Begründung zu geben. Das sei halt so vorgegeben.
Das müsste definitiv besser geregelt werden, gerade, wenn jetzt demnächst mehr Akteure gemeinsam arbeiten sollen – sonst kommt es nur zu Streitigkeiten und Verunsicherung beim Patienten. Abschließend kann ich also nur sagen: Ich bin ausdrücklich für die Stärkung der nicht-ärztlichen Berufe, aber bitte gut organisiert und so vorbereitet, dass es dann wirklich Hand in Hand geht – und nicht alle durcheinander.
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