Ich habe die Depression meiner Kollegin unterschätzt – dieses Versäumnis hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Eine Rettungsdienst-Geschichte über Nähe, Distanz und die leisen Katastrophen, die uns alle betreffen.
Meerblauer Filz. Das Anfangsbild wie ein schneller Schnitt. Das Schlussbild: Scherben, die munter in der Sonne glitzern. Sie täuschen: Diese Scherben schneiden. In meinem Geist hebe ich sie trotzdem auf und sehe mein verzogenes und fragmentiertes Gesicht darin. Ich drehe die Stücke so lang, bis eins so liegt, dass ich nicht mehr wegsehen kann. Dann setze ich mich hin und schreibe diese Zeilen, damit Valentina niemals in Vergessenheit gerät.
Das erste Mal sah ich sie in ihrem meerblauen Filzmantel. Seine Farbe schluckte das Licht und machte ihre Haut milchig und porzellanweiß. Sie war neu in unserem Team, ein drahtiges Bündel, ihre rubinrote Tasche stand mit ihrem schwarzen chinesischen Zeichen wie ein Statement auf dem Boden der Wache. Ein Lied lief im Radio, es war viel zu laut für die Müdigkeit. Die Wache roch nach abgestandenem Rauch an diesem kalten Winterabend – nach dem Ausatmen längst verronnener Schichten. „Halloooo … ich bin neu hier“, sagte sie, lachte und sah sich um.
Valentina. Kaum zwanzig. Blonder Undone-Look. Schlanke Arme, Adern wie Fäden. Extrem zuverlässig. Wenn ihr rostiger Opel Corsa schon auf dem Hof stand, wusste ich: Der Fahrzeugcheck bleibt mir erspart. Die Logik des Dienstes schien ihr zu gefallen. Hauptberuflich Friseurin in Ausbildung, nebenbei bedienen im Kunterbunt. Ein absoluter Grattlerschuppen, aber „irgendwo muss ja Kohle her.“ Schultern zuckten. Eltern? Ein Achselzucken und dazu ein Satz, der rein gar nichts verriet. Ihr Mantel hing am Haken, das Blau brach das Neon. Sie strich mit Daumen und Zeigefinger über die Naht, als müsse sie das Stück festhalten, sonst flöge es davon.
Die Außenwache stand zwischen einem Jugendzentrum und dem Rathaus, mit einer RTW-Garage mit provisorischem PVC-Boden. In der Wache ein Aufenthaltsraum mit seiner abgenudelten grasgrünen Eckcouch aus Spenden, so wie man sie aus den Siebzigerjahren kennt. Ein Röhrenfernseher mit Staubfilm, den man nur riechen konnte, wenn die Glotze lief. Und der Schlafraum mit zwei metallgrauen Etagenbetten und dem Fenster zum Friedhof, rote Lichter in der Nacht. „Makaber“, sagte sie. „Aber ruhig“, sagte ich. Wir nickten, als hätten wir was beschlossen.
Einmal wollte ich sie vor dem Friseurladen überraschen und sah sie draußen auf einer niedrigen Mauer, eine Zigarette in der Hand. Ihr Blick war glasig, nach Süden gerichtet, eine Träne lief über ihre Wange. Als sie mich sah, wischte sie sie weg und sagte: „Mir geht’s manchmal einfach nicht so gut.“ – „Was ist denn los?“ Aber sie trat die Zigarette aus und stand auf: „Meine Pause ist zu Ende.“ Valentina versprach noch, sich zu melden, wenn etwas sei. Aber Versprechen sind dünn wie Papier. In einer Nachtschicht weinte Valentina dann und erzählte endlich: von ihrer kaputten Familie, die sie nur belächelte, einer Schwester, die sie ihr vorzogen, und Eltern, die völlig blind waren. Sie sprach auch von LSD und Alkohol und ihren Fluchten in Traumwelten. Sie nannte sie Winterträume. „Iceworld. Karger Schnee, knöcheltief, aber warm. Und keine Menschen, kein Leid. Ich gehe dort, barfuß. Und es gibt einen Spiegel, sehr hoch und aus Kristall, der mitten in der Eiswüste steht. Nur durch ihn finde ich zurück nach Junkworld.“ Ihre Stimme war fast nicht hörbar und brach. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Ich kannte die Theorie dazu: Depression, affektive Resonanz, Verlust, Leere. Aber Worte wie „Resonanzverlust“ brennen nicht. In ihren Augen stand der Frost. „War schön, wieder mit dir zu fahren“, sagte sie nach dieser Nacht und ging heim. Ich nahm das auf wie eine Beobachtung, eine Notiz im Kopfordner „Valentina: zuverlässig, süß, still, manchmal traurig“.
Als Kollegen sehen wir oft nur das Offensichtliche. Wir sehen Blut, einen Herzstillstand, eine Fraktur. Wir sehen Menschen, die nicht mehr atmen, und wir arbeiten mechanisch, bis wir Erfolg haben, oder eben nicht. Wir trainieren Buchstabenkurse bis zum Abwinken, Algorithmen, Leitlinien. Aber wir sind beschissene Detektive, wenn das Verbrechen sich im Inneren abspielt. Dazu kommt: Suizid passt nicht zum Kollegenkreis, sondern er findet dort statt, von wo man auch einfach wieder wegfahren kann. Und das, was nicht passt, wird ausgeblendet. Das passiert nicht unbedingt aus Bosheit, sondern eher aus einer Unfähigkeit, die Stille eines Menschen in unsere kurze, laute Nachtschicht zu integrieren. Und so stellte ich mir eine Depression trocken und akademisch vor: „Verlust affektiver Resonanz“, „anhaltende innere Leere“, „Sinnlosigkeit“. Medizinische Worte, die zerbrechen, wenn man sie an ein menschliches Gesicht hält.
Der Winter fraß Zeit, aber dann kam der Sommer. Dann traf mich der Einsatz an einem Nachmittag, als die Müdigkeit auf den Schultern lag wie ein feuchter Mantel. Drei Routineeinsätze hintereinander, keine große Notfallmedizin. Gegen vier alarmierte uns die Leitstelle dann wieder. „Im Waldstück, unklar. Notarzteinsatz. Die Polizei kommt auch.“ Die kurze, knappe Stimme des Disponenten und acht Minuten Fahrt bis zum Wald. Das Blau des Himmels, die Schattenspiele der Bäume, dann ein schmaler Weg, ein abgelegener Lagerplatz für Baumstämme — und der Corsa, kobaltblau, mit seinem abgesplitterten Lack. Die Tür stand einen Spalt offen. Stille legte sich wie Öl über die Szene. Ihr Körper war kalt, die Lippen blau und der Blick aus ihren kajalverschmierten Augen war ziellos. Ich kniete, legte die Hand auf ihre Schulter, spürte nichts als Glas. Der bärtige alte Polizist mit seiner hohen Stirn und der schiefen Mütze trat an mich heran und formulierte eine Frage, ohne zu wissen, dass ich diese Frage in dem Moment schon dachte.
Ich konnte nicht antworten und weiß noch, wie mein Herz plötzlich schwer wurde, so als hätte die Welt einen tiefen Riss. Die Umgebung zerfiel in kleine, schroffe Bilder, dazu der Duft von Laub und das unscharfe Gesicht des Bauern, der nur den Kopf schüttelte. Im Seitenfenster des Corsas sah ich mein eigenes Spiegelbild. In diesem Moment waren die Monate der Blicke, der halben Gespräche und all das, was ich nicht gesagt hatte, in mir. Ich sah winzige, kraftlose Gesten, die in der Weite dieser Leere verschwanden. Heute weiß ich: Ich habe damals vieles gewusst über Theorien, Diagnosen und Abläufe, aber nicht genug, um die schwere psychische Erkrankung einer Kollegin zu entdecken und einzuordnen. Ich habe nicht hingesehen. Nicht tief genug. Ich habe ihr „Mir geht’s nicht gut“ wie eine Bemerkung über schlechtes Wetter behandelt. Ich habe die Träne und das LSD im Blick gesehen und ihre Winterträume gehört — und ich habe sie in meinem Kopf einsortiert und abgelegt. Wie einen Einsatz.
Selbstkritik ist ein scharfes Messer, das das Bewusstsein reinigt. Ich frage mich oft, ob es je eine Sprache gegeben hätte, in der ich sie hätte erreichen können. Ich hätte vermutlich tiefer, ehrlicher und kompromissloser hinschauen müssen. Aber das Leben im Rettungsdienst trainiert einen nicht für die leisen Katastrophen. Man lernt zu funktionieren – nicht zu fragen. Und so zieht sich dieses Versäumnis durch jede Erinnerung an Valentina – so, als würde der Winter niemals enden.
Die Katastrophe um Valentina ist nun fast drei Jahrzehnte her. Die alte Außenwache ist längst abgerissen. Es steht ein neuer Bau, an anderer Stelle. Raue weiße Fassaden, geschmückt mit roten Verzierungen, die Freiwillige Feuerwehr befindet sich im Nebengebäude. Keine Sicht mehr auf Grablichter, dafür auf die Autobahn. Ich fahre manchmal an der Stelle der alten Wache vorbei, aber so langsam, als gäbe es auf Höhe der Einfahrt eine Bremsschwelle im Asphalt, nur für mich. Da steht kein kobaltblaues, rostiges Auto mehr. Und trotzdem spüre ich die Stille, als kniete ich wieder an Valentinas Auto. Valentina starb an einem Spätsommertag, und die Erinnerung daran ist kein romantisches Bild oder eine Metapher, die man leicht verwertet. Sie ist ein konkretes Versagen und ein unfassbarer Verlust. Und irgendwo, tief in meinem Bewusstsein, wandert Valentina noch immer barfuß durch ihren warmen Schnee in der kargen Eiswüste, deren Spiegel nun zerbrochen ist.
Bildquelle: Juho Luomala, Unsplash