Geht es um Antidepressiva, wird häufig nach Bauchgefühl verschrieben – losgelöst von möglichen Nebenwirkungen. Worauf ihr bei der Wahl des Präparats achten solltet, zeigt euch unser kompakter Überblick.
Antidepressiva sind echte Multitalente und aus der Behandlung psychischer Erkrankungen nicht mehr wegzudenken. Doch nicht selten stehen die Behandler vor der schwierigen Frage: Welches Präparat passt zu welchem Patienten? Trotz jahrzehntelanger Erfahrung und einer Vielzahl verfügbarer Substanzen bleibt die Unsicherheit weiterhin groß. Häufig führt das zu der klassischen Empfehlung: „Probieren Sie doch mal etwas anderes“. Die Ergebnisse einer neuen Studie, die im Fachmagazin Lancet erschienen ist, machen jetzt Hoffnung, dass die Medikationswahl in Zukunft weniger dem Zufall überlassen wird – insbesondere, mit Blick auf das Nebenwirkungsprofil.
Mehr als 15 % der europäischen Erwachsenen werden Antidepressiva verschrieben. Neben – einer gewünschten antidepressiven Wirkung – geht die Medikamentenverordnung jedoch häufig auch mit gravierenden Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Blutdruckveränderungen, Hyponatriämie und QT-Zeit-Veränderungen einher (hier und hier). Die klinische Entscheidung für „das richtige“ Antidepressivum sollte daher vor allem am Nebenwirkungsprofil für den jeweiligen Patienten orientiert sein. Bislang gab es nur wenige Studien, die einzelne Substanzklassen verglichen. Zudem war eher unklar, ob eine Verbesserung depressiver Symptome direkt mit metabolischen Nebenwirkungen zusammenhängt.
Die kürzlich veröffentlichte Studie bringt nun aber Licht ins Dunkel. Die Netzwerk-Metaanalyse hat 151 randomisierte Studien mit insgesamt über 58.000 Patienten ausgewertet und 30 Antidepressiva als Monotherapie auf metabolische Nebenwirkungen untersucht – bislang die größte Analyse dieser Art. Die Unsicherheit der Evidenz war insgesamt gering und die Studienergebnisse damit weitgehend konsistent. Die Metaanalyse liefert damit eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die personalisierte Psychopharmakotherapie.
Die Studienergebnisse machen deutlich, wie stark die Wahl des Präparats die Nebenwirkungswahrscheinlichkeit beeinflussen kann:
Eine signifikante systolische Blutdruckerhöhung zeigte sich beispielsweise unter einer Therapie mit Amitriptylin (+ 4,86 mmHg) oder Duloxetin. Dagegen senkte sich der systolische Blutdruck unter Nortriptylin deutlich ab (– 6,68 mmHg). Die meisten anderen Antidepressiva zeigten keinen Einfluss auf den systolischen Blutdruck. Die Evidenz war bei einigen Vergleichen eingeschränkt, die Ergebnisse aber insgesamt robust.
Auch diastolisch zeigte sich unter Amytriptilin eine deutliche Blutdrucksteigerung (+ 2,48 mmHg). Ebenso stieg der diastolische Blutdruck unter einer Therapie mit Maprotilin (+7,18 mmHg). Fluoxetin, Sertralin und Reboxetin erhöhten den diastolischen Blutdruck nur leicht, während viele andere Substanzen wie Clomipramin, Bupropion (NDRI), Escitalopram und Citalopram (SSRI) keinen relevanten Einfluss aufwiesen.
Besonders Duloxetin und Levomilnacipran (SSNRI) führten zu einem deutlichen Anstieg der Leberwerte AST und ALT im Vergleich zu Placebo (Duloxetin: AST + 2,08 IU/L, ALT + 2,20 IU/L; Levomilnacipran: AST + 1,78 IU/L, ALT + 1,97 IU/L). Auch Desvenlafaxin erhöhte ALT signifikant (+ 1,43 IU/L), während Paroxetin und Vilazodon (SSRI) lediglich schwache Anstiege verursachten. Für Citalopram, Fluoxetin, Agomelatin, Venlafaxin und Escitalopram ergab sich kaum ein Effekt auf AST und ALT.
Die Studie liefert praxisrelevante Hinweise und zeigt: Antidepressivum ist ganz und gar nicht gleich Antidepressivum! So bestand zwischen den in der Studie untersuchten Medikamenten ein Gewichtsunterschied von ca. 4 kg (zwischen Agomelatin und Maprotilin), eine Differenz von fast 21 Herzschlägen pro Minute (zwischen Fluvoxamin und Nortriptylin) und mehr als 11 mmHg im systolischen Blutdruck (zwischen Nortriptylin und Doxepin).
Besonders wichtig sind die neuen Erkenntnisse für Menschen mit Vorerkrankungen, wie Adipositas, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hier kann eine gezielt am Nebenwirkungsprofil angepasste Medikationswahl die individuellen Risiken verringern sowie die Verträglichkeit und damit auch die Compliance deutlich erhöhen. Metabolische Risiken sind weit mehr als nur hinzunehmende Nebensache – sie gehören zunehmend ins Zentrum der Therapieentscheidung. Wer das beachtet und sowohl die Substanzklasse als auch das Patientenprofil sorgfältig abgleicht, sorgt für eine bessere medizinische Versorgung – und für einen wichtigen Schritt zu langfristig mehr Lebensqualität.
Bildquelle: Rodion Kutsaiev, Unsplash