KOMMENTAR | Zwischen Klon-Schaf Dolly, gequälten Hunderassen und modifizierten Sportpferden frage ich mich manchmal, wo wir als Menschheit eigentlich noch hinwollen. Müssen wir wirklich alles umsetzen, was möglich ist?
Für Laien klingt es wohl eher nach Science-Fiction statt Realität: das Klonen. Eine verlockende technische Errungenschaft, welche die Möglichkeit bietet, den Tod scheinbar zu überlisten, indem man ein bereits verstorbenes Individuum einfach nochmal zur Welt kommen lässt. Alles fing 1996 mit Klonschaf „Dolly“ an. Sie war das erste geklonte Säugetier, das nicht aus einem Embryo, sondern aus einer ausgereiften Körperzelle, und zwar einer Euterzelle, mittels somatischem Zellkerntransfer (SCNT) erzeugt wurde und somit genetisch identisch mit der Spenderin war.
2003 ließen spanische Forscher dann erstmals eine ausgestorbene Unterart des Iberiensteinbocks durch Klonen wiederauferstehen – das Tier verstarb allerdings 10 Minuten nach seiner Geburt. Etwas später gab es aber auch erfolgreiche „Wiederauferstehungen“ von Tierrassen. Der Kreativität waren seit der Geburtsstunde des Verfahrens keine Grenzen gesetzt. Etwa plant Molekularbiologe Prof. George Church von der Harvard Universität, das Mammut wiederauferstehen zu lassen. Die DNA in den vorhandenen Gewebeproben ist für einen reinen Klon zwar zu wenig, kombiniert mit dem Erbgut des Asiatischen Elefanten könnten aber recht kälteresistente und behaarte Elefanten dabei herauskommen, so zumindest der Plan. Schon 2027 soll es so weit sein.
Man mag über das Klonen denken, was man will. Aber es gibt offensichtliche Kontrapunkte: So kritisieren Tierschützer, dass für jedes geklonte Tier hunderte andere Embryonen in verschiedensten Entwicklungsstadien versterben. Auch die Hormonbehandlungen und operativen Eingriffe bei den Ammen- oder Quellentieren wird angeprangert. Fakt ist aber auch: Es wird bereits jetzt überall auf der Welt durchgeführt, wenn auch bisher eher vereinzelt. Die Effizienz ist noch relativ niedrig, die Kosten und Ressourcen hoch. In Deutschland findet das Verfahren hauptsächlich in der Forschung statt, etwa bei Schweinen, die als Organspender für Menschen fungieren sollen, oder Mäusen, die als Versuchstiere dienen.
Andere Länder sind hier viel hemmungsloser: In Dubai werden Kamele geklont, die besonders schnell laufen oder viel Milch geben. In China, Japan, Südkorea und auch den USA werden Rinder geklont, etwa Zuchtbullen mit besonders guter Spermaqualität, oder Milchkühe mit besonders hoher Milchleistung. Aber auch Haustiere werden z. B. in Südkorea schon geklont. Möchten manche Menschen den Tod ihres geliebten „Fellbabys“ nicht akzeptieren, klammern sie sich an die Möglichkeit, es auf diesem Weg auferstehen zu lassen und nochmal viele Jahre mit ihm verbringen zu können.
Jüngst las ich eine Meldung darüber, dass in Argentinien schon länger geklonte Pferde für den Polo-Sport eingesetzt werden. Nun gab es jedoch einen Aufschrei der Argentinischen Polo-Vereinigung, weil das Unternehmen Kheiron Biotech nicht nur Klone des prämierten Polo-Pferdes Polo Pureza (auch Polo Purity genannt) erzeugt, sondern diese auch mithilfe des CRISPR-Verfahrens genetisch modifiziert und auf noch bessere Leistung getrimmt hatte. Bei den so entstandenen Fohlen wurde die Expression des Myostatin-Gens reduziert, welches Muskelwachstum hemmt. So sollen die Tiere am Ende schneller laufen können. Ob dieser Plan aufgeht, ist noch ungewiss, denn die jungen Pferde sind erst knapp ein Jahr alt und können erst in 4–5 Jahren für den Polosport genutzt werden. Die Argentinische Polo-Vereinigung hat gentechnisch veränderte Pferde vorerst von Wettbewerben ausgeschlossen, nachdem sich viele Züchter empört hatten. Wie der nationale Dachverband dieses Verbot aber durchsetzen will, ist noch unklar, denn die Vorschriften unterscheiden momentan nicht zwischen geklonten, gentechnisch veränderten und konventionell gezüchteten Pferden.
Das Lesen solcher Meldungen löst gemischte Gefühle in mir aus. Einerseits finde ich die Möglichkeiten, die uns die Forschung aktuell und in Zukunft bietet, wahnsinnig spannend. Natürlich ist es revolutionär, wenn Tierrassen durch Genomeditierung resistent gegenüber bestimmten Erregern gemacht werden können, genetisch veränderte Mücken keine Krankheiten mehr übertragen oder Versuchstiere als Modelle für menschliche Erkrankungen dabei helfen können, lebenswichtige Therapien zu entwickeln.
Andererseits frage ich mich, ob wir als menschliche Zivilisation nur, weil wir etwas können, es auch immer machen sollten. Und ganz besonders: zu welchem Zweck eigentlich? Tier-Klone, die zum Organspender für todkranke Menschen werden können und ihnen damit ein langes und gesundes Leben ermöglichen – okay. Arten, die sonst durch menschengemachte Probleme aussterben würden – da sehe ich auch den möglichen Zweck für unser Ökosystem. Auch wenn man meiner Meinung nach lieber alles dafür hätte tun sollen, einen Zustand zu erreichen, in dem nicht jedes Jahr hunderte von Arten einfach verschwinden, weil die Lebensbedingungen zu schlecht für sie geworden sind.
Aber wo ich wirkliches Unverständnis habe, ist die genetische Manipulation von anderen Lebewesen, einzig zur Profitsteigerung oder gar zu unserer optischen Befriedigung, wie es im Prinzip bei der Züchtung vieler Haustierrassen längst gang und gäbe ist. Kühe sollen immer noch mehr Milch geben, ob das nun zu Euterentzündungen führt oder sie die verlorene Energie irgendwann unmöglich über die Nahrung werden zu sich nehmen können. Pferde oder Kamele sollen noch schneller rennen, damit immer wieder irgendein Rekord gebrochen oder ein Gegner ausgestochen werden kann. Am Ende geht es hier ja um sehr viel Geld. Die Hunde sollen kleiner, die Katzen nackter, die Köpfe runder und die Ohren schlapper, das Fell weicher oder die Farbgebung exotischer sein – und das alles, ohne den Preis zu bedenken, den das jeweilige Tier dafür zahlt.
Warum nehmen wir uns hier so selbstverständlich aus der Verantwortung? Ich bin gespannt, wohin uns das alles in den nächsten Jahrzehnten noch führen wird.
Bildquelle: Midjourney