Gegen depressive Verstimmungen sind offenbar viele Kräuter gewachsen: Nutrazeutika sind gerade der heiße Scheiß. Manche davon galten schon in biblischer Vorzeit als Heilmittel. Führt unser Weg back to the roots?
Aus dem Blut, das aus dem abgeschlagenen Haupt Johannes des Täufers spritzte, entstand – so will es die Erzählung – ein Kraut, das so wohltätig war, dass es sogar Hexen und den Teufel höchstselbst zu bannen vermochte. Darüber war der Teufel verständlicherweise erzürnt und durchbohrte die Blätter der Pflanze tausendfach mit einer Nadel, auf dass sie verderben möge. Doch der Herr in seiner Güte ließ die Pflanze leben und füllte auch die Löcher mit heilsamem Öl. Auch der Name des Krauts verweist auf dessen religiöse Herkunftsgeschichte – es ist das Johanniskraut, oder Hypericum perforatum.
Im Kräutersegen, einem Buch über „unsere vorzüglichen heimischen Heilkräuter“ von 1896, wird das Johanniskraut zur Behandlung von allerlei Gebrechen gepriesen, etwa Leberleiden, Bettnässen und Quetschungen. Erstaunlich, dass Eintrübungen des Gemüts als Indikation fehlen, denn heute gilt die Pflanze vor allem dafür als probates Mittel. Die Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression etwa empfiehlt, dass bei leichten depressiven Episoden „ein erster Therapieversuch mit einem als Arzneimittel zugelassenen Johanniskrautpräparat angeboten werden kann“. Von frei verkäuflichen Präparaten sollte man lieber die Finger lassen, weil in ihnen die diversen Wirksubstanzen nicht standardisiert sind.
Das Johanniskraut zählt zu den Nutrazeutika. Darunter versteht man Nahrungsmittel oder Bestandteile davon, die zur Prävention oder Therapie eingesetzt werden. Im weiteren Sinne zählen auch Nahrungszusätze dazu. Mit den vielen Nutrazeutika, die bei Depressionen helfen sollen, könnte man eine ganze Apotheke füllen. Die kräuterkundige Britin Rachael Frost von der Liverpooler John Moores University analysiert in ihrem Review 64 OTC-Präparate gegen depressive Symptome. Die meisten Studien fand sie zu Omega-3-Fettsäuren wie Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA), Johanniskraut, Safran, Probiotika und Vitamin D. In anderen Reviews werden noch weitere Mittel hervorgehoben, wie beispielsweise S-Adenosylmethionin (SAMe), Folsäure, L-Tryptophan, Magnesium, Zink sowie Curcumin, eine schon vor 5.000 Jahren von den alten Indern geschätzte ayurvedische Arznei aus der Gelbwurz. Die Substanzen können isoliert oder mit Nahrungsmitteln aufgenommen werden, Curcumin etwa mit einer Curryspeise und Omega-3-Fettsäuren mit fettem Meeresfisch wie Lachs und Hering. Der Übergang von solchen Reviews, die sich eher um eine seriöse Aufbereitung der Fachliteratur bemühen, ins alternative Spektrum, das mehr dazu neigt, sich einzelne positive Studien herauszupicken oder gleich ganz auf die Erfahrung zu verlassen, ist fließend. Im alternativen Spektrum finden sich auch Ratgeberseiten, die in Psychopharmaka einen „Angriff des Pharmakartells auf die Menschenwürde“ sehen, und lieber Lavendel, Zimt, Kamille, Vitamin C und Co anpreisen.
Die Fülle der wundersamen Mittel scheint grenzenlos: So offenbart bei einem Kräuterspaziergang die selbsternannte Heilpflanzenpraktikerin und Wildkräuterpädagogin Mechtilde Frintrup in einem Blog zu Mind-Body-Verbindungen, dass neben anderen Mitteln auch ihre Lieblingspflanze, die Brennnessel, bei depressiven Verstimmungen zu empfehlen ist. Sogar äußerlich angewendet, wirke dieses Kraut Wunder: Berührt man beim Brennnessel-Ritual die Stirn zwischen den Augenbrauen mit der Pflanze, lassen sich „Energiepunkte aktivieren“. Das Ende des Spektrums markieren Webseiten wie globuli.de. Unter den neun gegen Depressionen empfohlenen Kügelchen findet sich – so schließt sich der Kreis – auch das Johanniskraut. Allerdings soll man es in der Potenz D12 einnehmen, also in einer Verdünnung von 1 zu 1.000 Milliarden. Dass man – der stärkeren Wirkung wegen – dreimal täglich je fünf Kügelchen einwerfen soll, macht pharmakologisch das Kraut auch nicht mehr fett. In einer Potenz D12 muss es, egal wie viele Kügelchen man einnimmt, sowieso der bloße Geist des Johanniskrauts richten.
Was ist nun von dem bunten Strauß der Nutrazeutika zu halten? Um mit der Leitlinie Unipolare Depression zu beginnen: gar nichts. Selbst beim Johanniskraut hält sich die Euphorie der Autoren in Grenzen: „Die Evidenzqualität für Johanniskraut ist für die depressive Symptomatik moderat, für andere Endpunkte sehr gering. Den moderaten Effektstärken im Vergleich zu Placebo und der guten Verträglichkeit stehen Bedenken zu schweren Wechselwirkungen gegenüber.“ Eine kann-Empfehlung bekam das Kraut nur, weil es „von manchen Patient*innen als „natürliches Produkt” eher akzeptiert“ wird. Für alle anderen Nutrazeutika gilt die Empfehlung: „Wenn kein Mangel an Mikronährstoffen vorliegt, sollen Patient*innen mit depressiven Störungen Nahrungsergänzungsmittel nicht empfohlen werden.“
Vier Reviews zu Nutrazeutika und Depression, die nach den in der Leitlinie herangezogenen Reviews erschienen sind, bewerten die Evidenz wohlwollender. Sie kommen zu dem Schluss, dass zwar noch Forschungsbedarf besteht, aber schon jetzt diverse Mittel zeigen konnten, dass sie als Monotherapie wie als ergänzende Therapie stärker als Placebo wirken und zum Teil auch Psychopharmaka ebenbürtig sind. Gehen also die Leitlinienautoren – womöglich als Büttel des bereits zitierten Pharmakartells – zu streng mit den natürlichen Substanzen ins Gericht? Nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf? Eher nicht. Schon bei oberflächlicher Betrachtung fallen Widersprüche auf, die die Aussagekraft der Reviews erheblich schwächen.
Erstens kommen die in den einzelnen Reviews analysierten Studien zu inkonsistenten Ergebnissen. Die Arbeit von Rachael Frost beispielsweise listet akribisch auf, in wie vielen Studien die untersuchten Mittel Placebo überlegen waren: Omega-3-Fettsäuren in 13 von 36 Studien, Johanniskraut in 16 von 25, Safran in 8 von 11 und so weiter. Während so eine inkonsistente Studienlage in der Evidenz-basierten Medizin als ein Alarmzeichen dafür gilt, dass es vermutlich auch mit den positiven Ergebnissen nicht weit her ist, stören sich die Autoren des Reviews nicht weiter daran. Sie sehen vor allem das halbvolle Glas und werten die positiven Studien als „vielversprechend“. Zweitens harmonisieren die Reviews auch miteinander nicht sonderlich, was einen ebenfalls misstrauisch machen sollte. So kommen Forscher aus Taiwan, deren Paper immerhin in der Zeitschrift Psychological Medicine der Cambridge University Press erschienen ist, zu dem Ergebnis, dass Omega-3-Fettsäuren, S-Adenosylmethionin und Curcumin (in der Conclusion auch noch Safran) eine „strong performance“ zeigen. Spanische Forscher dagegen sehen in ihrem Review mögliche positive Effekte auch bei Vitamin D, Methylfolat, Prebiotika, Probiotika, Carnitin und anderen.
Drittens hält sich keiner der Reviews lange mit Effektgrößen auf. Dabei werden diese allgemein als ein wichtiges Kriterium dafür angesehen, wie ernst die in den Studien gefundenen Effekte genommen werden sollten und wie klinisch relevant sie am Ende sind.
Viertens muss man bei einigen Autoren einen gewissen Bias annehmen. Wenn drei US-Forscher vom Center for Nutraceutical and Dietary Supplement Research in der Zeitschrift nutraceuticals einen Beitrag mit dem Titel Nutraceuticals in the Treatment of Major Depressive Disorder veröffentlichen, ist eine kritische Analyse eher unwahrscheinlich. Es wäre nur natürlich, wenn die Autoren den Interpretationsspielraum, der selbst bei rigorosem Anwenden der EbM-Methodik immer besteht, zu Gunsten der Nutraceuticals nützen würden.
Unter dem Strich bleibt also nur die Erkenntnis, dass man sich bei einer leichten Depression nicht einfach fröhlich futtern kann. Eine ausgewogene Ernährung ist immer eine gute Idee – auch in einer depressiven Krise, unabhängig davon, ob die Omega-3-Fettsäuren im Lachs die Symptome besonders lindern oder nicht. Will man aktiv etwas gegen sein Tief tun, soll man sich laut Leitlinie Unipolare Depression an niedrig intensive Maßnahmen halten, wie angeleitete Selbsthilfe, Psychotherapie, sportliche Aktivitäten sowie Internet- und mobilbasierte Interventionen, bei saisonalem Muster auch an Lichttherapie. Antidepressiva dagegen sollten nur unter bestimmten Bedingung und unter „besonders kritischer Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses“ angeboten werden.
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