An einem stillen Sonntag treffen wir auf Frau Rosenmüller. Sie hat Schmerzen, liegt zwischen Leben und Tod in ihrem Pflegebett gefangen. Wann wird Mitleid zu Übergriffigkeit – und Hilfe zu Entführung?
Der Sonntag hat im Rettungsdienst sein eigenes Gesetz. Er ist ein Tag, der aus der Zeit gefallen scheint, ein stilles Niemandsland zwischen der Hektik der Arbeitswoche und dem ungewissen – und auch verhassten – Montag. „Zustandsverschlechterung bei palliativer Patientin“, las Marlene vom Display ab, während ich den Rettungswagen durch die leeren Vorstadtstraßen lenkte. Mehr wussten wir nicht. Es ist oft besser so, denn jede Information mehr ist nur eine weitere vorgefasste Meinung, die man an der Wohnungstür wieder ablegen muss.
Wir betraten eine Wohnung, die wie eine Zeitkapsel wirkte. Der Geruch von altem Papier, Vergangenheit und der leisen, süßlichen Note von Krankheit hing in der Luft. In einem übervollen Bücherregal lehnte ein wuchtiger Bildband über Franz-Josef Strauß, ein monolithischer Anker in einer vergangenen Epoche. Daneben Romane, deren Buchrücken von unzähligen Händen abgenutzt war. An der Wand, direkt über einem dunklen Holz-Sideboard, hingen drei kleine Luftballons. Ihre Farbe war verblichen, die Haut schrumpelig. Sie schienen die letzten, traurigen Zeugen eines Geburtstages, der dem Datum der Versichertenkarte nach sechs Monate zurücklag – drei schlaffe Fragezeichen aus Latex, die an der Raufasertapete hingen und fragten, was hier eigentlich noch gefeiert wurde.
Und dann sahen wir sie: Frau Rosenmüller, in ihrem Pflegebett, umgeben von den Relikten einer langen Zeit, lag sie wie eine Küste, an der das Meer des Lebens sich langsam, aber unaufhaltsam zurückzog. Der junge Caritas-Pfleger empfing uns mit jenem besonderen Blick zwischen Erleichterung und schlechtem Gewissen, den Notruf gewählt zu haben. „Sie reagiert aber kaum noch“, flüsterte er, als wolle er sich rechtfertigen. „Und die rechte Hand ist seit heute Morgen so dick.“
Wir traten näher. Frau Rosenmüller war eine zarte Frau von vielleicht vierzig Kilo. Ihr Gesicht ein feines Netz aus Falten, die Augen geschlossen, reiste sie in einem inneren Land, für das wir keinen Schlüssel besaßen. Marlene begann mit der Routine – Blutdruck, Sättigung, Puls. Ich versuchte, Kontakt aufzunehmen. Ansprechen, eine Berührung an der Schulter – nichts. Ihre Atmung ging ruhig, doch als ich ihren rechten Arm anhob, um die Schwellung zu begutachten, zuckte ein Schmerz durch ihren Körper. Ein kaum hörbares Stöhnen entwich ihren Lippen. Der Schmerz war also real. Er war ein ungebetener Gast in diesem Körper, der nur noch auf seine letzte Ruhe wartete.
Palliativ. Das Wort stand wie eine unsichtbare Wand im Raum. Es bedeutet: Lindern, nicht heilen. Leiden ersparen, nicht das Leben um jeden Preis verlängern. Doch was taten wir mit diesem neuen Schmerz? Es sah nicht aus wie eine Fraktur, aber vielleicht war es eine Thrombose. Oder eine Infektion. Oder einfach nur ein Lymphödem. Ohne Diagnostik waren wir genauso blind wie ein ärztlicher Bereitschaftsdienst. Und der Hausarzt? Am Sonntag ein Phantom.
„Gibt es Unterlagen? Eine Patientenverfügung?“, fragte Marlene den Pfleger. Er zuckte die Achseln und deutete auf eine Mappe. Darin fanden wir sie, eine sorgfältig abgeheftete Verfügung. Unser erster Hoffnungsschimmer. Doch die Hoffnung erlosch schnell. Frau Rosenmüller schloss einen Transport ins Krankenhaus nicht explizit aus. Als Bevollmächtigter war der Sohn eingetragen. Seine Nummer wählte ich dreimal. Beim ersten Mal klingelte es ins Leere. Beim zweiten und dritten Mal drückte er mich weg. Ich erfuhr später, dass er mit dem Schicksal seiner Mutter abgeschlossen hatte, als wäre sie ein Buch, dessen letztes Kapitel er nicht mehr lesen wollte.
„Es gibt noch den Enkel“, sagte der Pfleger. „Der kümmert sich eigentlich immer.“ Die Nummer fanden wir schnell. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine junge, aber unendlich müde klingende Stimme. Ich schilderte die Situation, die Schwellung, die Schmerzen, die Ratlosigkeit. Ein langes Seufzen. „Schon wieder was“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu mir. „Mein Vater ist nicht erreichbar, oder? War ja klar.“ Er klang verbittert gleich einem letzten Soldaten in einem längst verlorenen Krieg, alleingelassen an der Front der familiären Verantwortung. Er machte mir klar, dass er seine Oma auf keinen Fall in einem Krankenhaus sehen wolle. Es gäbe eine Unterverfügung für ihn, behauptete er, und die müsse da irgendwo sein.
Wir suchten. Marlene und ich durchforsteten die Mappe, die Schubladen, die ganze Wohnung. Wir fanden irgendwelche Geburtsurkunden, alte Fotos lachender Menschen in Tracht, aber keine Unterverfügung. Wir fanden keine Medikamentenliste. Keine Arztbriefe. Nichts. Und auch keine Unterverfügung, womit klar war, dass der Enkel nicht über den Aufenthaltsort seiner Oma bestimmen durfte. Es war, als hätte jemand absichtlich alle Spuren verwischt, alle Wegweiser entfernt, um uns die Entscheidung so schwer wie möglich zu machen. Ein Puzzle mit entscheidenden Teilen, die jemand bewusst entfernt hatte.
Marlene sah mich an. „Und jetzt?“
Ich blickte auf die alte Dame. Mir kam die Geschichte vom Brandner Kaspar in den Sinn, der den Tod überlistet und ein paar extra Jahre auf der Erde erschlichen hatte. Doch diese Frau hatte niemanden überlistet. Es schien, als hätte das Leben sie einfach vergessen. Und ganz ähnlich wie es dem Brandner Kasper erging, passte auch sie nicht mehr in dieses Leben. Nicht mehr in diese schnelle, laute Welt, nicht in die Pläne ihres Sohnes, nicht einmal mehr in die überlasteten Strukturen des Pflegesystems an einem Sonntag. Sie war nur noch übriggeblieben als letzte, leise Strophe in einem längst verklungenen Lied.
Und letztendlich stellte ich mir vor, selbst in dieser Situation zu stecken. Was würde ich wollen? Hing ich mit neunzig Jahren wirklich noch so am Leben, dass ich um jeden Preis weiterleben wollte? Und wen interessiert es überhaupt? Ich verwarf die Gedanken.
„Sie hat Schmerzen“, sagte ich zu Marlene. „Das ist das Einzige, was wir sicher wissen. Alles andere ist Nebel.“ Die Verfügung verbot das Krankenhaus nicht. Ein Angehöriger war nur telefonisch erreichbar, und seine Vollmacht nicht auffindbar. Der eigentliche Bevollmächtigte hatte sein Telefon zur Festung gegen die Realität gemacht.
Wir standen vor der Wahl zwischen zwei schlechten Wegen. Sie hierzulassen, bedeutete, sie mit Schmerzen und einer unklaren medizinischen Lage allein zu lassen. Sie in die Klinik zu bringen, bedeutete, sie aus ihrer vertrauten Welt zu reißen, sie dem grellen Licht, dem Lärm und der Hektik einer Notaufnahme auszusetzen – für eine Diagnose, deren Konsequenz vielleicht keine gewesen wäre.
„Wir nehmen sie mit“, entschied ich trotz allem. Es war keine heldenhafte Entscheidung. Es war die Wahl für das geringste, fassbare Übel. Wir entschieden uns gegen den unsichtbaren Feind des „vielleicht stirbt sie dann in Ruhe“ und für den sichtbaren Feind: den Schmerz, der hier und jetzt regierte.
Wir bereiteten alles für den Transport vor, legten sie auf die Trage und deckten sie zu. Als wir sie in unserem blauen Tragetuch aus der Wohnung brachten, fiel mein Blick noch einmal auf die drei schlaffen Luftballons. Sie tanzten im Luftzug der offenen Tür, ein letzter, stiller Gruß aus einem Leben, dessen Party lange vorbei war. In diesem Moment fühlte sich unser Einsatz nicht wie eine Rettung an, sondern eher wie eine Entführung. Wir holten diese Frau aus ihrer eigenen Zeit, weil ihre Welt keine Antwort mehr für sie hatte. Und während die Haustür ins Schloss fiel und die Zeitkapsel hinter uns versiegelte, wusste ich, dass wir das medizinisch Richtige taten.
Aber die Frage, ob es auch menschlich das Richtige war, nahmen wir mit hinaus in die Stille dieses Sonntagnachmittags.
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