Ich weiß genau, was die Patientin vor mir braucht – genauso sicher weiß ich, dass ich es ihr nicht geben kann. Als Hausärztin bin ich gefangen in einem System, das helfen soll, aber nicht kann.
Sie sitzt vor mir, Anfang zwanzig, die Hände nervös ineinander verschränkt. Tränen in den Augen, schlaflose Nächte, das Leben zu schwer geworden.Ich weiß, was sie braucht: eine Psychotherapie. Und ich weiß auch, was gleich kommt: ein Gespräch, das ich inzwischen auswendig kann.
„Leider sind die Wartezeiten sehr lang. Sie können über die 116 117 eine psychotherapeutische Sprechstunde vereinbaren, aber …“ Dieses Aber hängt dann schwer im Raum. Ich sehe sie in den Gesichtern meiner Patienten – die unausgesprochene Antwort: „Ich habe mich endlich überwunden, und jetzt soll ich monatelang warten?“
Über die 116 117 kann man tatsächlich relativ unkompliziert ein Erstgespräch bekommen. Klingt gut, ist aber oft nur ein Trostpflaster. Denn selbst wenn der Kollege in dieser Sprechstunde den dringenden Therapiebedarf bestätigt, freie Plätze gibt es nicht. Dann beginnt der Marathon: Listen mit Psychotherapeuten anrufen, absagen lassen, dokumentieren, damit die Krankenkasse irgendwann vielleicht den berühmten „Kostenerstattungsweg“ ermöglicht. Das alles für Menschen, die ohnehin kaum Kraft haben, morgens aufzustehen.
Wie oft habe ich Patienten erlebt, die nach zwei, drei erfolglosen Telefonaten aufgeben. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Erschöpfung. Sie haben sich gerade dazu durchgerungen, Hilfe zu suchen und das System wirft ihnen einen Stein nach dem anderen in den Weg. Und dann stehen sie bei uns in der Praxis. Wir sind meist die erste Anlaufstelle – und oft auch die letzte. Natürlich lassen wir diese Menschen nicht allein. Wir führen Gespräche, versuchen, zu stabilisieren, begleiten überbrückend, hören zu. Aber: Es gibt keine Vergütung, keine Zeitkontingente, keine Struktur dafür. Wir tun es, weil wir Ärzte sind. Weil wir Verantwortung tragen. Doch das System macht uns dabei zum Verlierer, finanziell, organisatorisch und emotional.
Viele Kollegen berichten von einer zunehmenden Belastung durch genau diese Fälle. Die psychische Versorgung ist längst eine hausärztliche Aufgabe geworden – nur ohne, dass es jemand offiziell so benennt oder entsprechend honoriert. Das Kernproblem liegt im Mangel an Kassensitzen für Psychotherapeuten. Der Bedarf hat sich in den letzten Jahren enorm erhöht, nicht zuletzt durch Pandemie, gesellschaftliche Unsicherheit und Arbeitsbelastung. Die Versorgungskapazitäten sind aber praktisch gleichgeblieben.
Das Ergebnis: Frust auf allen Seiten. Patienten fühlen sich im Stich gelassen, Hausärzte fühlen sich ohnmächtig, und Psychotherapeuten müssen täglich Dutzende Hilfesuchende abweisen. Wir brauchen endlich mehr Kassensitze. Wir brauchen eine faire Übergangsvergütung für hausärztliche Betreuung in Krisen und wir brauchen weniger Bürokratie, weniger Formulare, weniger „Sie müssen erst zehn Absagen sammeln“.
Aber das passiert nicht, weil psychische Erkrankungen keine lauten Lobbyisten haben. Psychisches Leid ist still. Und genau das macht es so leicht, es zu ignorieren. Der Mangel an Psychotherapieplätzen ist längst kein Randproblem mehr, sondern eine stille Krise im Gesundheitswesen. Wir Hausärzte versuchen, die Lücken zu füllen, aber wir können die Versorgung nicht ersetzen. Es ist Zeit, dass Politik und Kassen endlich reagieren. Bis dahin bleibt uns nur, das zu tun, was wir immer tun: da zu sein. So gut es eben geht.
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