Klar, der Patient sollte immer im Mittelpunkt stehen. Die aktuelle Darmkrebs-Leitlinie macht endlich Ernst damit. Lest in unserem Schnelldurchlauf, was außerdem zu Ernährung und Komplementärmedizin drinsteht.
Das schöne Starnberg am gleichnamigen See hat gut 24.000 Einwohner. So viele Menschen sterben jedes Jahr an Darmkrebs. Er kommt bei Frauen nach Brust- und Lungenkrebs und bei Männern nach Prostata- und Lungenkrebs jeweils an dritter Stelle der Todesfälle. Dabei ist er unter den Tumoren eher einer der zahmen: Er wächst langsam und kann oft mit dem Entfernen von Polypen verhindert werden. Darmkrebs kann sogar noch heilbar sein, wenn er bereits gestreut hat – vorausgesetzt, dass es nicht mehr als fünf komplett entfernbare Metastasen in nicht mehr als zwei Organen gibt. Wenn die Metastasen allerdings nicht mehr resektabel sind, soll auch der Primärtumor – sofern asymptomatisch – nicht mehr operiert werden.
Genauer nachzulesen ist das in der soeben unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) aktualisierten S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom. Sie enthält die drei zusätzlichen Kapitel Pathologie, Supportivtherapie sowie Rehabilitation und Tertiärprävention und dutzende neue, sowie modifizierte Empfehlungen. Besonderen Wert legt sie auf die Bedürfnisse der Patienten.
Wer sein Darmkrebsrisiko vermindern möchte, sollte möglichst viel Vollkorn und Ballaststoffe essen und möglichst wenig Alkohol trinken. Beim schützenden Effekt von Obst und Gemüse scheint es bei je 300 Gramm täglich ein Plateau zu geben – das sind zum Beispiel 1 Apfel plus eine Mandarine und 2 Karotten plus 1 Paprika. Etwas unpräzise ist der Rat, die Ernährung „arm an hochverarbeiteten Lebensmitteln“ zu halten. Eine Begründung gibt es nicht und die zitierte Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung warnt lediglich vor zu viel Zucker, Salz und Fett. Auch die Angaben zur Gefährlichkeit von Alkohol sind unscharf: Laut World Cancer Research Funds steigt das Risiko um 7 % bei täglich 20 g Alkohol und um 25 % bei der doppelten Menge. Eine ebenfalls zitierte Metaanalyse kommt jedoch bereits bei einem Konsum von 14 g Alkohol auf ein um 15 % erhöhtes Risiko.
Zur Prävention raten die Autoren Menschen ab 50 alle 10 Jahre zur Koloskopie, alle 5 Jahre zur Sigmoidoskopie oder alle 1 bis 2 Jahre zum immunologischen Test auf okkultes Blut im Stuhl. Die Liste der nicht ratsamen, aber gerne als IGeL angebotenen Maßnahmen ist deutlich länger: Sie reicht von der CT-Kolonographie über Nukleinsäuretests und den M2-PK-Test bis zum alten farbbasierten Stuhltest. Klappt es mit der Koloskopie nicht, können CT und MRT hilfreich sein.
Für Risikogruppen gelten andere Regeln: Die Überwachung beginnt dann früher und ist engmaschiger, im Extremfall kann es sogar auf eine prophylaktische Kolektomie hinauslaufen. Neu sind die Empfehlungen, Patienten mit Mukoviszidose bereits ab 40 zu screenen und dem Verdacht auf eine erbliche Vorbelastung, wie das Lynch-Syndrom und der monogen erblichen Polyposis, mit molekularpathologischen und genetischen Tests auf den Grund zu gehen.
Insgesamt rückt die Leitlinie die menschlichen Bedürfnisse der Patienten deutlich in den Vordergrund: „In Hinblick auf die Ziele der Tumortherapie kommt der krankheits- und therapiebezogenen Lebensqualität ein zunehmend größerer Stellenwert zu.“ Dazu zählt etwa die psychische Verfassung der Patienten. Die enormen Belastungen reichen dabei von Selbstekel bis Sinnsuche. Dem kann mit einer individuellen psychoonkologischen Versorgung begegnet werden.
Auch sei „dem Wunsch der Patienten nach Informationen über alle relevanten verfügbaren Maßnahmen und Hilfsangebote nachzukommen“. Dazu zählt auch der Drang vieler Patienten, selbst aktiv zu werden und Komplementärmedizin zu nutzen. Das Thema sollte von Beginn an und immer wieder angesprochen werden, allein schon, um zu vermeiden, dass die Maßnahmen die eigentliche Therapie abschwächen. Vor Alternativmedizin sollten man die Patienten jedoch schützen.
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