Jeder Arzt kennt den Placebo-Effekt – dieser geht selbst dann nicht verloren, wenn der Patient eingeweiht ist. Open-Label Placebos können bei Migräne zwar nicht die Zahl der Kopfschmerztage reduzieren, dafür aber das Wohlbefinden steigern.
Migräne gehört zu den häufigsten und belastendsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland sind etwa 10 % aller Erwachsenen betroffen, Frauen (14,8 %) deutlich häufiger als Männer (6,0 %). Wiederkehrende Attacken mit stechenden Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit beeinträchtigen Beruf, Familie und Freizeit massiv.
Mittlerweile gibt es zur Vorbeugung etliche Wirkstoffe, von Betablockern über Calciumantagonisten, Antikonvulsiva und Antidepressiva bis hin zu CGRP-Inhibitoren. Doch der Placebo-Effekt spielt hier eine enorme Rolle: In klinischen Studien erreichen Placebos bei Migräne eine Wirksamkeit von bis zu 48 %. Und eine Metaanalyse ergab, dass bei neuen CGRP-Antikörpern bis zu zwei Drittel der beobachteten Wirkung auf Placeboeffekte zurückgehen könnten.
Solche Beobachtungen haben schon lange die Neugier von Ärzten geweckt. Doch der gezielte Einsatz von Placebos wirft ethische Fragen auf – schließlich darf in der Medizin niemand getäuscht werden. Genau hier setzen Open-Label Placebos (OLP) an. Patienten wissen dann, dass ihre Tabletten keine Wirkstoffe enthalten. Frühere Studien belegen, dass OLPs chronische Schmerzen, das Reizdarmsyndrom oder Krebs-assoziierte Fatigue lindern. Jetzt wollte ein Forschungsteam um Julian Kleine-Borgmann und Ulrike Bingel (Universitätsmedizin Essen) wissen, ob sich OLPs auch zur Migräne-Prävention eignen. Zwischen 2020 und 2022 haben sie an Kopfschmerzzentren 120 Erwachsene mit episodischer oder chronischer Migräne in eine drei Monate dauernde, randomisierte klinische Studie eingeschlossen. Darunter waren 103 Frauen und 17 Männer. Die Teilnehmer erhielten entweder wie gewohnt ihre Standardtherapie („Treatment as usual“, TAU) oder zusätzlich Placebo-Tabletten – 2-mal täglich, mit dem Hinweis, dass sie eben keine Wirkstoffe enthielten.
Die Zahl der monatlichen Kopfschmerztage unterschied sich nach 3 Monaten nicht signifikant zwischen den Gruppen. Im Median hatten OLP-Patienten 6 Kopfschmerztage pro Monat, bei Teilnehmern der Kontrollgruppe waren es 7. Auch die Zahl der Migränetage, die Schmerzintensität und der Verbrauch von Akutmedikamenten blieben vergleichbar.
Credit: Kleine-Borgmann et al.: Open-Label placebos as adjunct for the preventive treatment of migraine: a randomized clinical trial. JAMA Netw. Open, 2025. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.35739, CC-BY-NC-N.
Trotzdem zeigte sich ein Nutzen, allerdings auf anderer Ebene. Patienten, die Placebos eingenommen hatten, berichteten über eine signifikant höhere Lebensqualität und fühlten sich im Alltag weniger eingeschränkt. Auf der physischen Komponente des SF-12-Gesundheitsfragebogens (12-Item Short Form Health Survey) stieg der Wert um 4,25 Punkte – ein Unterschied, der als klinisch relevant gilt. Dazu zählen verschiedene körperliche Funktionen, Schmerzen und die Einschätzung der eigenen Gesundheit. Die Einschränkung durch Schmerzen (Pain Disability Index) sank in der Placebo-Gruppe um fast 6 Punkte; der Score reicht somit von 0 Punkten (keine Beeinträchtigung) bis 70 Punkten (starke Beeinträchtigung).
Effekte zeigten sich auch beim HIT-6 (Headache Impact Test 6), einem Fragebogen zur Erfassung der Beeinträchtigung durch Kopfschmerzen im Alltag. Die Gesamtpunktzahl liegt zwischen 36 und 78 Punkten. Mit steigendem Score wächst die Belastung durch Kopfschmerzen. In der Studie verringerte sich der Einfluss der Kopfschmerzen auf das tägliche Leben (HIT-6) um rund 2 Punkte. Fast die Hälfte der Probanden der OLP-Gruppe gab nach 3 Monaten an, sich subjektiv „deutlich besser“ zu fühlen, in der Kontrollgruppe war es nur jeder 4. Teilnehmer. Hier zogen die Autoren den PGIC (Patient Global Impression of Change) als Score heran.
Nur wie kann etwas wirken, das keinen Arzneistoff enthält? Die Autoren vermuten psychologische und neurobiologische Mechanismen: positive Erwartungen, Konditionierung und die bewusste Aktivierung der körpereigenen Schmerzhemmung. In der aktuellen Studie könnte auch eine stärkere Selbstwahrnehmung eine Rolle gespielt haben. Viele Patienten haben angegeben, ihre Symptome aufmerksamer beobachtet und sich aktiver mit ihrer Gesundheit auseinandergesetzt zu haben.
Die Studie zeigt, dass offene Placebos etablierte Pharmakotherapien nicht ersetzen, sie aber sinnvoll ergänzen könnten – vor allem für Patienten, die Medikamente schlecht vertragen oder die trotz leitliniengerechter Prophylaxe immer noch Beschwerden haben. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass OLPs vor allem subjektive, patientenrelevante Parameter wie Lebensqualität und Funktionsfähigkeit verbessern können“, fassen die Autoren zusammen. „Das könnte sie zu einer sicheren und ethisch vertretbaren Ergänzung der Migränetherapie machen.“ Künftige Studien sollen klären, welche Patientengruppen am meisten profitieren und wie stark der Kontext der Behandlung – etwa die Arzt-Patienten-Interaktion – den Effekt beeinflusst.
Open-Label-Placebos bei Migräne – die Studie auf einen Blick
Quelle
Kleine-Borgmann Schmidt K et al. Open-Label Placebos as Adjunct for the Preventive Treatment of Migraine. JAMA Network Open 2025, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.35739.
Bildquelle: Andrej Lišakov, Unsplash