Ein kleiner Piks in die Vene, kurz darauf hat jeder die Gewissheit – so das Versprechen der neuen Alzheimer-Bluttests. Doch mit dieser diagnostischen Einfachheit kommen auch ethische Schwierigkeiten.
Neue Alzheimer-Bluttests versprechen eine einfache und schnelle Diagnostik bei beginnenden Gedächtnisstörungen. Wo traditionell aufwändige Untersuchungen wie Lumbalpunktion oder PET-Scan nötig waren, um die Alzheimer-typischen Veränderungen im Gehirn nachzuweisen, wird bald eine einfache Blutentnahme reichen. Die ersten dieser Bluttests haben dieses Jahr eine Zulassung erhalten. Noch haben sie sich nicht flächendeckend durchgesetzt, auch weil die Frage der Kostenübernahme durch die Krankenkassen offen ist. Es ist aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Tests häufiger zur Anwendung kommen.
Die verschiedenen Bluttests weisen entweder Tau-Protein oder Amyloid-ꞵ im Blut nach – zwei Eiweißmoleküle, die an der Krankheitsentstehung von Alzheimer beteiligt sind. In verschiedenen Studien wurde dabei eine gute Übereinstimmung mit den etablierten diagnostischen Methoden nachgewiesen. Die Diagnosestellung scheint also in Zukunft deutlich einfacher zu werden.
Parallel zur Entwicklung der Bluttests gibt es Bestrebungen, die Definition der Alzheimer-Krankheit weiterzuentwickeln. Wie bei anderen Erkrankungen auch kommt eine rein klinische Definition, die sich auf körperliche Symptome bezieht, aus der Mode. Die biologischen Veränderungen, die die Krankheitssymptome auslösen, sollen stattdessen mehr in den Fokus rücken. Die Überlegung dahinter: Symptome können von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Wenn man sich rein auf deren Beobachtung verlässt, könnten viele Erkrankte durchs Raster fallen.
Die Alzheimer-typischen Veränderungen, wie Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen, entstehen oft bereits Jahre oder sogar Jahrzehnte vor dem Auftreten der ersten Symptome. Eine biologische Definition der Krankheit, die sich auf diese Veränderungen konzentriert, böte die Chance, Menschen schon vor dem Auftreten von Symptomen zu identifizieren und entsprechend behandeln zu können.
Die neue Definition der Alzheimer-Krankheit, die von der Alzheimer’s Association vorgeschlagen wurde (hier hat DocCheck darüber berichtet), stößt nicht überall auf Zustimmung. Für Patienten ist die Höhe ihres Amyloid-Wertes schließlich weniger entscheidend als die Schwere ihrer Gedächtnisprobleme. Kritiker warnen davor, Alzheimer zu einer rein biologisch definierten Erkrankung zu machen und damit Menschen als „krank“ zu bezeichnen, die keinerlei Symptome zeigen. In dieselbe Richtung zielt eine aktuelle Analyse im BMJ: Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Ärzten hat alle bisherigen Studien zu den neuen Alzheimer-Bluttests ausgewertet. Ihr Befund: Fast alle Arbeiten vergleichen die Testergebnisse mit anderen Biomarkern aus Liquor oder PET, nicht aber mit der tatsächlichen klinischen Diagnose einer Alzheimer-Demenz.
In Studien zeigten die neuen Bluttests eine gute Übereinstimmung mit den im Liquor gemessenen Werten: Sind Amyloid-β oder phosphoryliertes Tau-Protein dort verändert, lassen sich ähnliche Veränderungen auch im Blut nachweisen. Doch was bedeutet das wirklich? Eine hohe Korrelation zwischen zwei Biomarkern heißt noch nicht, dass der Test auch die Krankheit zuverlässig erkennt. Viele ältere Menschen haben Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, ohne jemals dement zu werden. Die Bluttests messen also zuverlässig, was andere Tests auch messen, aber nicht unbedingt das, was klinisch zählt. Genau hier setzen die Zweifel der Kritiker an.
Jede medizinische Innovation muss letztlich zeigen, dass sie die Gesundheit oder Lebensqualität der Betroffenen verbessert, so die Autoren. Diesen Beweis bleiben die Alzheimer-Bluttests bislang schuldig. Der Enthusiasmus, mit dem ihre Einführung begrüßt wird, steht daher in keinem Verhältnis zum bisher belegten Nutzen. Bevor sie in der Routineversorgung eingesetzt werden, sollte gezeigt werden, dass ihre Anwendung den Menschen tatsächlich nützt – und nicht nur neue Diagnosen schafft.
Die Kritik mag kleinlich erscheinen: Schließlich werden Biomarker aus Liquor und PET schon seit Jahren erfolgreich in der Demenzdiagnostik eingesetzt. Doch der Wechsel zu Bluttests könnte die Situation grundlegend verändern. Weil sie sich schnell und mit minimalem Aufwand durchführen lassen, sinkt die Schwelle zur Anwendung deutlich. Während bisher nur Menschen mit klaren klinischen Hinweisen auf eine Alzheimer-Erkrankung und einer zu erwartenden therapeutischen Konsequenz getestet werden, dürfte sich der Kreis der Untersuchten mit Einführung der Bluttests deutlich erweitern.
Wahrscheinlich werden die Tests künftig auch bei Menschen mit subjektiven Gedächtnisproblemen eingesetzt, selbst wenn sich in kognitiven Tests keine Auffälligkeiten zeigen. Und auch symptomfreie Personen mit einem erhöhten Risiko, etwa aufgrund einer positiven Familienanamnese oder eines ApoE4-Allels, könnten schon bald ein entsprechendes Angebot erhalten. Je früher wir Alzheimer erkennen, desto besser – so lautet die Hoffnung. Doch was, wenn das Wissen nichts nützt oder sogar schadet?
Mit der Zahl der Tests wird auch die Zahl der auffälligen Befunde steigen – und damit die Zahl der Alzheimer-Diagnosen. Da inzwischen spezifische Therapien wie Amyloid-Antikörper zur Verfügung stehen, wächst die Versuchung, früher und häufiger zu behandeln. Etwas zu tun, fühlt sich oft richtiger an, als abzuwarten. Doch ob das Betroffenen tatsächlich hilft, ist ungewiss. Die Studien der Amyloid-Antikörper wurden schließlich mit einer strengeren Alzheimer-Definition an einem Kollektiv mit zwar milden, aber objektivierbaren kognitiven Defiziten durchgeführt.
Neben dem möglichen Einsatz von Medikamenten ohne klare Evidenz birgt der breite Gebrauch der Alzheimer-Bluttests weitere Risiken: Ein positives Ergebnis kann Ängste auslösen – selbst dann, wenn völlig unklar ist, ob je Symptome auftreten werden. Auch harmlose Vergesslichkeit kann nach einem auffälligen Testergebnis plötzlich pathologisch wirken, depressive Symptome können sich verschlechtern und selbst der Abschluss von Versicherungen könnte erschwert werden.
Die Ärzteschaft trägt eine große Verantwortung, über Chancen und Risiken neuer diagnostischer Entwicklungen aufzuklären. Dabei dürfen mögliche Nebenwirkungen und Fehlanreize nicht übersehen werden – auch nicht die ökonomischen Interessen hinter den Tests. Hersteller von Diagnostika und Medikamenten drängen verständlicherweise auf eine schnelle Ausweitung der Anwendungen. Doch ob dies das Leben der Betroffenen tatsächlich verbessert, ist bislang unbewiesen. Bluttests könnten die Alzheimer-Diagnostik revolutionieren, doch sie werfen auch schwierige Fragen auf: Was nützt ein Testergebnis, wenn wir es nicht einordnen können? Und was nützt eine frühe Diagnose, wenn die Therapie noch nicht so weit ist?
Quellen:
Van Gool WA et al.: Evidence gap in blood biomarkers for Alzheimer's disease. BMJ, 2025. doi: 10.1136/bmj-2025-084781.
Salloway S et al.: Are Blood Tests for Alzheimer Disease Ready for Prime Time? JAMA, 2024. doi: 10.1001/jama.2024.12814.
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