Alle sehen hin und keiner hilft – das möchte wirklich niemand erleben. Trotzdem kann jeder dem Bystander-Effekt zum Opfer fallen. Wie Verantwortung in der Masse verloren geht und wie wir uns selbst austricksen können.
Irina bricht mitten auf der Straße zusammen. Dutzende Passanten sehen, wie sie hilflos am Boden liegt – und gehen einfach vorbei, niemand hilft ihr. Ein klassischer Fall des Bystander-Effekts: Ein paradoxes psychologisches Phänomen, bei dem umso weniger Menschen helfen, je mehr Menschen in der Notsituation vor Ort sind. Jetzt beleuchten aktuelle Studien, wie komplex das menschliche Hilfsverhalten wirklich ist – und weshalb Überzeugung allein keine Garantie für Handlung ist.
Der Bystander-Effekt beschreibt das Phänomen, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einem Notfall helfen, abnimmt, umso mehr Zuschauer (Bystander) es in der Situation gibt.
Der Effekt wurde erstmals 1964 im Zusammenhang mit einem Mordfall untersucht, bei dem eine junge Frau getötet wurde, während eine Reihe von Zeugen nichts unternahmen, um zu helfen. Die Ermordung von Kitty Genovese soll sich damals über eine halbe Stunde lang hingezogen haben und von mindestens 38 Personen beobachtet worden sein, ohne dass auch nur eine davon dieser Frau zur Hilfe kam.
In den Anfangsexperimenten von Latané und Darley wurden daraufhin mögliche Mechanismen untersucht, warum Menschen in Notlagen oft nicht helfen. Die Untersuchungen aus den 1960er Jahren (siehe hier, hier und hier) konnten zeigen, dass das Nicht-Eingreifen in Notfallsituationen stark von drei Faktoren abhängig ist:
Die Mehrheit der bisherigen Studien stützte sich vornehmlich auf Befragungen und Selbstauskünfte (z. B.: „Ich würde wahrscheinlich helfen, wenn …“) in hypothetischen Szenarien, die wenig über das tatsächliche Eingreifverhalten von Personen aussagten (siehe hier und hier). In den Auswertungen gaben bis zu 75 Prozent der Befragten an, eine hohe Intention zu helfen zu verspüren, wenn sie zum Beispiel klare Anzeichen sexueller Gewalt wahrnehmen oder eine persönliche Beziehung zum Opfer haben. Doch wie sieht es aus, wenn wir nicht nur über hypothetische Szenarien sprechen, sondern das menschliche Verhalten in Notfallsituationen auch wirklich testen?
In den letzten Jahren wurden daher zunehmend laborbasierte Experimente durchgeführt, um Verhaltensdaten in Real-life-Bedingungen untersuchen zu können. Eine kürzlich veröffentlichte Studie setzte eine neue experimentelle Methode ein, um das tatsächliche Eingreifverhalten bei drohenden sexuellen Übergriffen zu messen: Die Forscher nutzten hierfür ein sogenanntes immersives Studio (7 × 7 m Glas-Observationsraum mit interaktiven Projektionswänden, Musik und Selfiewand). In diesem Raum wurde für 13 Studierende (18–24 Jahre) ein Party-Setting nachgestellt. Den Teilnehmern wurde gesagt, sie bewerteten die Eignung des Studios für Campuspartys. Tatsächlich spielten die gebuchten Schauspieler aber einen sich anbahnenden sexuellen Übergriff nach.
Die Ergebnisse sind ernüchternd: Fünf Teilnehmer bemerkten nichts; fünf sahen etwas Verdächtiges, griffen aber nicht ein. Nur zwei Frauen intervenierten aktiv, indem sie sich der potenziell Betroffenen zuwandten und schließlich gemeinsam mit ihr den Raum verließen. Viele, die keine Initiative ergriffen, berichteten später von Schuldgefühlen. Die häufigsten Gründe für das Nicht-Helfen waren: Wahrnehmungsverzerrung, Verantwortungsdiffusion und soziale Unsicherheit.
Die Studie belegt so bereits mit kleiner Fallzahl, dass täuschungsbasierte Experimente in geschützten Laborumgebungen geeignet sind, um reales Bystander-Verhalten differenziert untersuchen zu können. Damit macht dieses Experiment einen ersten Schritt für die zukünftige Bystander-Forschung. So könnten ähnliche immersive Designs – etwa mit Virtual-Reality-Brillen – nicht nur Bystander-Effekte sichtbar machen, sondern auch Teil von Präventionsprogrammen werden. Der Clou: Menschen lernen nicht nur, was sie denken würden zu tun, sondern erfahren, was sie tatsächlich tun – und was nicht.
Der Bystander-Effekt beruht auf komplexen psychologischen Mechanismen, die das Verhalten von Menschen in Notfallsituationen prägen und im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden können. Studien zeigen immer mehr, dass sich der Effekt des Nicht-Helfens durch bestimmte Strategien abschwächen lässt (siehe hier und hier). So kann schon ein direkter Appell an Einzelpersonen – etwa das gezielte Ansprechen einer bestimmten Person mit einer klaren Bitte um Hilfe –die Verantwortungsdiffusion verringern und die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifens erhöhen. Ebenso wirkt sich aber auch die Aufklärung über den Bystander-Effekt positiv aus: Wer die dahinterliegenden psychologischen Prozesse hinter dem oft fatalen Effekt erkennt, kann die eigenen Reaktionsmuster besser reflektieren – und im Ernstfall dann auch bewusst handeln. Fest steht: Zivilcourage zeigt sich nicht in guten Absichten, sondern vor allem durch Bewusstsein und Übung.
Tirion et al.: The sound of silence: The importance of bystander support for confronters in the prevention of norm erosion. Br J Soc Psychol, 2023. doi: 10.1111/bjso.12660
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