KOMMENTAR | Karies als Wirtschaftsfaktor? Klingt verrückt, ist aber logisch: Jeder gebohrte Zahn bringt Steuern ein. Ein süßsaurer Blick auf Politik, Prävention und Pulpa-Panik.
Gesundheitsschäden sind bei Weitem nicht nur schädlich – schließlich steigern sie das Bruttoinlandsprodukt und füllen die öffentlichen Kassen. Verständlich also, dass die Politik vom Thema Prävention nicht sonderlich begeistert ist. Daran wird sich so schnell wohl nichts ändern, denn: Aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre Prävention erst dann lohnens- und damit auch erstrebenswert, wenn Krankheitskosten negativ in das BIP eingerechnet würden. Aber solange jedes Loch im Zahn durch die Steuern, die beim Füllen eines Zahnes anfallen, dem Finanzamt zugutekommt, darf das Motto lauten: Softdrinks – macht eurem Finanzminister die große kariöse Freude und trinkt dieses zuverlässig zahnerosiv wirkende Zeugs, so viel ihr nur könnt!
Die Bakterien, die für die Entstehung von Karies verantwortlich sind, haben einen Namen: Sie werden liebevoll Streptococcus mutans genannt. Diese kleinen Mundbewohner haben eine ausgeprägte Vorliebe für Kohlenhydrate – am liebsten in Form von Zucker. Mit Umweltschutz haben die Biester allerdings nicht viel am Hut: Bei der Verstoffwechselung ihres Lieblingssubstrates scheiden sie die Produkte, die bei der Verdauung anfallen, einfach in die Umwelt aus – unseren Mund. Unser Mund hat mit der Bekämpfung von Säureattacken evolutionsbedingt schon viel Übung und kann auf diese Attacken daher sehr gut reagieren. Vorausgesetzt, es sind nicht zu viele oder zu starke Attacken. Dann ist auch das Abwehrsystem überfordert und die Säure kann ihre zerstörerische Wirkung demonstrieren. Das Resultat: Unsere Zähne werden durch Säureattacken angegriffen und lösen sich auf.
Diese Form der Auflösung ist im doppelten Sinne gemein, denn: Karies zerstört unsere wichtigsten Kauwerkzeuge und tut dabei nicht weh! Denn, wenn ein Schmerz uns auf das zerstörerische Tun von Streptococcus mutans aufmerksam macht, ist es bereits zu spät für eine schnelle Behandlung – zum Beispiel mit einer Füllung. Treten Schmerzen auf, bedeutet dies: Die Bakterien sind im inneren Bereich des Zahnes angekommen – in der Pulpa. Eine Pulpitis, also eine Nerventzündung des Zahnes, kann infernalisch schmerzen. Es ist ein nicht ignorierbares Warnsignal für einen Bakterieneintritt in das „heilige Innere“ des Körpers.
Sind Bakterien im Blutgefäßsystem angekommen, versetzt das den Körper in Alarmbereitschaft, weil Bakterien als blinde Passagiere im Blutstrom „mitschwimmen“ und an anderen Organen (z. B. Niere, Herz) eine Entzündung hervorrufen können. Bleiben diese ungebetenen Besucher als mikrobielle Lokaltouristen nur auf den Bereich der Zahnwurzel beschränkt, so kann sich im Bereich der Zahnwurzel eine Zyste bilden. Eine Zyste im Bereich der Zahnwurzel ist ein Versuch des Körpers, einen Schutzwall zu installieren, um die unerwünschten Eindringlinge einzusperren, damit diese nicht an anderen Orten noch größere Schäden anrichten können.
Je nachdem, an welchem Ort sich eine Karies bildet, sind die Folgen mehr oder weniger drastisch. Eine einzelne Karies auf einer Kaufläche ist die harmloseste Variante und meistens unproblematisch mit einer Füllung zu therapieren. Nistet sich Streptococcus mutans dagegen im Zahnzwischenraum ein, so sieht es schon nicht mehr so einfach aus. Um an den Defekt im Zahnzwischenraum zu gelangen, muss mit dem Bohrer ein Zugang geschaffen werden. Dieses Prozedere zerstört einen Teilbereich der wertvollen Kaufläche und die für die Statik des Zahnes so wertvolle Randkante. Während sich Defekte im Bereich der Kaufläche oftmals ohne Betäubungsspritze ausführen lassen, so sind Therapien, die den Zahnzwischenraum betreffen, wegen ihrer hohen Schmerzintensität ohne Betäubung nicht durchführbar.
Die gefürchtete Zwischenraumkaries entsteht besonders bei häufiger Exposition mit gesüßten Getränken. Zuckerhaltige Flüssigkeiten werden über den in der Physik bekannten Kapillareffekt in den Zahnzwischenräumen festgehalten und bieten dem Streptococcus ein gemütliches dunkles Esszimmer. Den unbeliebten Mitbewohnern ist es dabei egal, ob das Substrat für ihr zerstörerisches Treiben aus Softdrinks (die aus o. g. Gründen eigentlich Hardcore-Drinks genannt werden sollten), Fruchtsäften oder gesüßten Tees stammt – sie arbeiten verlässlich mit allen zuckerhaltigen Treibstoffen. Ist das erosive Potenzial einzelner Getränke sehr unterschiedlich, stechen Cola-Getränke in dieser Disziplin mit uneinholbarem Abstand heraus.
Von Zwischenraumkaries befallene Zähne nach dem Aufbohren (Quelle: Dr. Hans-Werner Bertelsen)
Weil die Folgen von zuckerhaltigen Getränken so dramatisch sind, hatte der Gesetzgeber 2020 ein Verbot von zuckerhaltigen Tees beschlossen. Das Verbot trat 2021 in Kraft. Ein erster Schritt, ein Segen für Kleinkinder, aber leider nicht geeignet, die gefährliche Approximalkaries in ihrer Häufigkeit einzudämmen. Eine Zuckersteuer könnte hier für einen spürbaren positiven Effekt sorgen und nicht nur die Zerstörung von Zähnen eindämmen, sondern auch für eine Entlastung der von Diabetes und Adipositas geplagten Kinder und Jugendlichen sorgen.
Ein breiter Zusammenschluss von Zahnärzten forderte die Bundesregierung im März auf, endlich zu handeln und beispielsweise Werbeverbote zu verhängen. Nachdem die Ampel-Koalition dieses Thema – trotz vieler blumiger Sonntagsreden und beschwörend klingender Rhetorik – in ihren Koalitionsverträgen noch nicht einmal auf minimalem Niveau umsetzte. So wird es vorerst beim Mahnen und Sonntagsreden bleiben. Das wird vielerorts im zahnärztlichen Notdienst zwar schmerzen. Ich bitte euch dennoch: Seid tapfer und macht den Mund schön weit auf, damit ich mit dem Bohrer gut herankomme. Schließlich braucht der Finanzminister weiterhin viel Geld.
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