Wir reden ständig, doch echte Gespräche werden immer seltener. Warum landen Sorgen und Krisen mittlerweile häufiger im Sprechzimmer als bei Freunden – und wann wurde Zuhören zur Kassenleistung?
Momentan habe ich häufig einen Ohrwurm vom Lied The Sound of Silence von Simon and Garfunkel – auch wenn mir manchmal die Version von Disturbed im Kopf rumschwirrt. Warum? Weil ich das Gefühl habe, dass unsere Gesellschaft immer mehr schweigt – wenn auch teilweise sehr laut … Wir tauschen viele Informationen aus, aber die wirklichen emotionalen Gespräche werden eher seltener. Ich empfinde das ganz extrem bei meinen Kindern (die ja inzwischen eher Jugendliche als „Kinder“ sind) und ihren Bekannten sowie Freunden. Klar reden die bei ihren Aktivitäten viel miteinander. Immerhin sitzen sie nicht nur mit Smartphones nebeneinander, wie ich das von einigen anderen Müttern höre.
Aber so richtige Gespräche scheinen auch nur begrenzt zustande zu kommen. Meine Kinder wissen zum Beispiel nicht, was ihre Freunde mal werden wollen – selbst wenn diese in unter zwei Jahren ihr Abitur machen. Eine Mutter erzählte mir von der anstehenden Trennung inklusive Auszug aus dem gemeinsamen Haus. Mein Kind wusste davon noch nichts. Das erstaunt mich besonders, weil unsere Kinder wirklich viel Zeit in der Schule und bei AGs miteinander verbringen und sich gegenseitig als Freunde bezeichnen. Aber ja, es ist halt auch viel organisierte Freizeit. Vielleicht mal eine Freistunde hier und da, aber ansonsten sind es meistens gemeinsame Aktivitäten. Das klassische „Rumhängen und Quatschen“, das ich aus meiner Jugend noch kenne, scheint total außen vor zu sein.
Ähnliches erlebe ich – bislang noch bei einer Minderheit – bei immer mehr Patienten: Tiefgründige Gespräche werden in den „professionellen“ Raum der Psychotherapie ausgelagert, während die wenigsten einen engen Vertrauten haben, mit dem sie wirklich alles besprechen können. Häufig ist es für Männer, wenn überhaupt, die Ehefrau, sodass bei Ehekonflikten dann sowohl die Partnerschaft als auch die engste Freundschaft wegbricht. Eine schwierige Konstellation.
Aber wie sollen die Jugendlichen so lernen, dass man Krisen auch selbst lösen kann – und dafür keine „Fachleute“ braucht? Ich hatte ein sehr interessantes Interview gelesen, indem es darum ging, dass durch die eigentlich gut gemeinte Aufklärung über psychische Erkrankungen im Jugendalter die psychische Gesundheit der Jugendlichen eher schlechter als besser geworden ist. Denn man ist mittlerweile nicht „nur traurig“, wenn der Partner sich getrennt hat oder das Haustier stirbt. Stattdessen wird das dann schnell als Depression interpretiert (und von jungen Erwachsenen die AU dazu gefordert). Das ist schwierig, weil ich damit letztlich eine „Verkrankheitung“ eigentlich normaler Gefühle betreibe. Klar, dass sich das Umfeld dann nicht mehr zutraut, da erstmal als Anlaufstelle zur Seite zu stehen, sondern eher an Hausarzt oder Psychotherapeuten verweist.
Bei der Palliativmedizin-Weiterbildung legte eine Dozentin großen Wert darauf, dass bei vielen Palliativpatienten fälschlicherweise eine Depression diagnostiziert wird, wobei es eigentlich um Trauer geht. Das fand ich besonders interessant. Natürlich weint jemand, der hört, dass er in absehbarer Zeit sterben wird und zum Beispiel seine Kinder oder Enkelkinder nicht mehr aufwachsen sieht. Das ist NORMAL! Eben normale Trauer – und keine (krankhafte) Depression. Aber das auszuhalten ist schwierig.
Und wie lernt man den Umgang damit? Meiner Meinung nach dadurch, dass man erst einmal „leichtere“ intensive Gespräche führt. Eben darüber, was man mal werden will, was für Lebensvorstellungen man hat, und eventuell auch, was einen akut belastet. Das ist ja gerade im Jugendalter hoffentlich nicht direkt sowas Fundamentales wie der Tod. Aber möglicherweise die Trennung der Eltern oder Stress in der Schule. Wenn diese Gespräche durch Smartphones und durchgetaktete Tagesabläufe verloren gehen, entwickelt sich diese Fähigkeit viel schwerer – oder gar nicht. Das macht mir inzwischen echt Sorgen. Wir versuchen schon, Smartphones bei unseren Kindern (und uns selbst, soweit mir das als Praxisinhaberin möglich ist) möglichst einzugrenzen und auch immer wieder freie Zeit zum Verabreden zu ermöglichen. Aber das geht kaum noch, weil die anderen Jugendlichen ja so eingespannt sind, dass sich kaum Möglichkeiten ergeben. Die einzige Art, wie sich die Kinder/Jugendlichen treffen können, ist ja die gemeinsame organisierte Aktivität – denn sonst „hängen sie ja nur rum“ und das ist bekanntermaßen nicht gern gesehen.
Ich glaube, dass es dringend notwendig ist, dass wir wieder ins Gespräch kommen (ohne dass dabei wie früher oft üblich mit Alkohol die Zunge gelockert wurde). Natürlich wird das nicht sofort alles lösen. Aber ja, ich kenne auch aus meinem Bekanntenkreis viele, die an einem Kipppunkt zur Depression waren, bei denen das jedoch durch Familie, Freunde und Bekannte aufgefangen wurde. Und ja, wir müssen sicher gerade auch im hausärztlichen Bereich überlegen, welche red flags eine professionelle Intervention dringend erfordern. Ich glaube allerdings, dass nicht jede Lebenskrise sofort professionell begleitet werden muss – wenn ein entsprechend starkes soziales Netz mit Menschen besteht, mit denen man reden kann.
Also lasst uns bitte wegkommen vom „people talking without speaking, people hearing without listening“ (von Menschen, die reden ohne zu erzählen, Menschen, die hören ohne zuzuhören), wie es bei Sound of Silence heißt. Hin zu der alten Dame aus Radio Orchid von Fury in the Slaughterhouse, über die es heißt: Sie „reads poems and listens, lets feelings run free – helps people talk their pain away“ (Sie liest Gedichte und hört zu, lässt Gefühle frei laufen und hilft Menschen, ihren Schmerz wegzureden). Denn das ist, glaube ich, das, was wir jetzt brauchen. Nicht nur von einzelnen alten Damen wie im Lied sondern flächendeckend. Eine bessere emotionale Vernetzung untereinander – und nicht nur mit uns professionellen Gefühlsbearbeitern.
Bildquelle: Natalia Blauth, Unsplash