Ein Patient stottert seit seiner Kindheit. Keine Therapie wirkt nachhaltig – bis sich ein Ärzteteam traut, ihm Elektroden ins Gehirn zu implantieren.
Die tiefe Hirnstimulation (THS) wirkt fast ein bisschen wie Magie: Mittels Knopfdruck werden Symptome innerhalb von Sekunden einfach ausgeschaltet – zumindest bei Bewegungsstörungen wie dem Tremor bei Parkinson-Patienten oder bei einem essenziellen Tremor. Neben den bekannten Anwendungsgebieten, zu denen auch therapieresistente Depressionen zählen, wird die THS immer wieder für verschiedene Krankheitsbilder diskutiert und ausprobiert. Ein Münsteraner Forschungsteam berichtet nun erstmals über einen Therapieversuch bei einem Patienten, der seit seiner Kindheit unter einem schweren entwicklungsbedingten Stottern litt.
Bei dem Patienten handelt es sich um einen 24-jährigen Mann mit schwerem Stottern (durchschnittlich 36,5 % gestotterte Silben; SSI-4 = 40,5). Er hatte in der Vergangenheit bereits verschiedene konservative Therapiemöglichkeiten probiert, die jedoch keinen durchschlagenden Effekt erzielen konnten, bzw. sich nicht langfristig in den Alltag integrieren ließen. Da sein Alltag durch das Stottern schwer beeinträchtigt war, stellte er sich mit der Frage nach innovativen Therapieideen in Münster vor.
Neben logopädischen und psychotherapeutischen Verfahren wurden bei Patienten mit Stottern bereits gute Behandlungsergebnisse bei einer Therapie mittels transkranieller Gleichstromstimulation erzielt. Diese muss jedoch regelmäßig angewendet werden und ist daher nur bedingt alltagstauglich. Die Erfolge deuten allerdings darauf hin, dass eine elektrische Neuromodulation bei Stottern prinzipiell helfen kann – also vielleicht auch die THS? Obwohl die THS bei Parkinson-Patienten die Sprachfluidität verschlechtern kann, beschlossen die Forscher, einen Therapieversuch zu wagen. Dabei stützten sie sich auf zwei Fallberichte, in denen Patienten mit einem entwicklungsbedingten Stottern nach Implantation einer THS aufgrund einer anderen neurologischen Störung (Parkinson-Krankheit und essentieller Tremor) eine deutliche Symptombesserung erlebten.
Nach ausführlicher ethischer Prüfung wurden bilateral Elektroden in den ventralen intermediären Thalamuskern (VIM) implantiert – ein Bereich, der über Verbindungen zum Kleinhirn und zu den Basalganglien in die Sprachsteuerung eingebunden ist. Während der Operation zeigte sich bei Stimulation auf der linken Seite bereits eine deutliche Verbesserung der Sprechflüssigkeit. Daher wurde postoperativ nur die linke Seite dauerhaft stimuliert.
Nach erfolgreicher Operation wurde über einen Zeitraum von zwei Jahren ein für Patient und Untersucher verblindetes Protokoll mit wechselnden Stimulationsparametern durchgeführt, einschließlich Phasen ohne Stimulation. In regelmäßigen Abständen wurde die Symptomschwere objektiv (Prozent gestotterter Silben, Stuttering Severity Instrument (SSI-4)) und subjektiv (mittels Overall Assessment of the Speaker's Experience of Stuttering (OASES-A)) erfasst.
Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Die Stotterfrequenz sank im Mittel um 46 %, in der besten Phase sogar um 62 %. Die Stotterschwere (SSI-4) reduzierte sich im Mittel um 29 %, maximal um 39 %. Auch in der Selbsteinschätzung (OASES-A) verbesserte sich die Symptomatik (34–38 %). Die beste Wirksamkeit zeigte eine Stimulation mit 60 Hz bei 1 mA. Die Effekte traten dabei verzögert über mehrere Wochen ein, ähnlich wie bei der THS-Therapie bei Depression. Die Forscher werten das als Hinweis auf eine langsame, neuromodulatorische Wirkung. Dafür sprach ebenso die Beobachtung, dass auch während der stimulationsfreien Intervalle eine moderate Verbesserung der Stotter-Symptomatik im Vergleich zum präoperativen Zustand beobachtet wurde. Da zudem eine negative Korrelation zwischen der Stimulations-Frequenz und der Stotterintensität bestand, gehen die Forscher von einem echten biologischen Effekt jenseits eines möglichen Placebo-Effekts aus.
Auch wenn es bislang nur diesen einen Fallbericht zum Einsatz von tiefer Hirnstimulation bei Stottern gibt, besteht die Hoffnung, dass in Zukunft mehr Patienten von der Behandlung profitieren könnten. Dafür muss nun weiter geforscht werden, damit Patienten, die von einer THS profitieren könnten, zuverlässig identifiziert werden können. Denn bei aller Euphorie darf nicht vergessen werden, dass die THS ein invasives Verfahren mit OP-Risiken ist – ein einfaches Ausprobieren ist also aus ethischer Sicht schwer zu vertreten. Ein stabiler Grundstein wurde durch die Münsteraner Forscher jedoch nun gelegt.
Bildquelle: Getty Images, Unsplash