Als ich vor vielen Jahren von der Stadt aufs Land zog, fiel mir etwas auf: Ich hatte kaum COPD-Patienten. Lag es an meiner Praxis – oder der besseren Luft?
Vor Kurzem fiel mir auf, dass ich vor ziemlich genau 20 Jahren als PJ-Studentin im Krankenhaus angefangen habe – und wie viel sich seitdem geändert hat. Ein Unterschied waren sogenannte Drehtürpatienten. Das war der Ausdruck für Patienten, die binnen weniger Tage nach Entlassung sofort wieder aufgenommen werden mussten. Davon gab es leider einige. Ein älterer Herr ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil er damals wirklich mehr als die Hälfte des Jahres bei uns stationär war. So viel Zeit, dass er selbst witzelte, dass er eigentlich einen Nachsendeantrag bei der Post stellen müsste. Seine Grunderkrankung war (wie bei vielen Drehtürpatienten) die COPD – mit zahlreichen Exazerbationen und später dann Folgeerkrankungen wie steroidinduzierter Diabetes oder Verletzungen aufgrund der Cortisonhaut.
Dann wurde ich schwanger und wechselte – sowohl vom Krankenhaus in die Praxis als auch von der Stadt aufs Land. Und nach einiger Zeit fiel mir auf, dass ich irgendwie keine Drehtür-COPDler mehr sah. Lag das daran, dass die ja immer im Krankenhaus waren? Aber dann hätte ich Briefe sehen müssen. Oder dass mein Vorgänger ein so vehementer Nikotin-Gegner war, dass das einfach eine lokale Besonderheit unserer Praxis war (laut Erzählungen der MFA und Patienten war er in dem Bereich so deutlich, dass er wohl auch Patienten vergrault hat)? Oder war es einfach meine Wahrnehmung?
Ich kann solche Fragen nicht gut auf sich beruhen lassen und fragte daher immer wieder nach. Witzigerweise erzählte mir ein Pharma-Referent (damals musste ich die noch empfangen, weil mein Chef das wollte), dass das keine Besonderheit unserer Praxis, sondern unserer Region sei. Die neueren Inhalatoren und das damals relativ neue Roflumilast seien bei uns auf dem Land quasi Ladenhüter, in den weiter entfernten Bergbau-Gegenden oder in der Stadt aber wirklich viel gefragt.
Und als ich dann bei einer Fortbildung mal den nächstgelegenen (städtischen) Pulmologen fragte, bestätigte auch er, dass es ein deutliches Stadt-Land-Gefälle bei uns gebe. Damals war gerade eine Studie herausgekommen, die eine mögliche Verbindung zwischen Stickoxiden/Luftverschmutzung und COPD hergestellt hatte. Das würde passen, denn unsere Gegend hat nachgewiesenermaßen die beste Luftqualität in weitem Umfeld.
Wobei mich das in eine Art Dilemma führt: Denn natürlich ist einer der wichtigsten Risikofaktoren das Rauchen (und nein, Vaping ist nicht wirklich besser). Und ich bin immer froh, wenn ich einen Patienten zum Rauchverzicht motivieren kann. Aber andererseits habe ich immer das Gefühl, dass wir da auch manchmal Verantwortung an die Patienten abschieben. Auch von medizinischem Personal hört man oft: „Ist er doch selbst schuld, wenn er geraucht hat, dass er jetzt eine COPD hat.“ Denn zur Wahrheit gehört auch, dass wir uns als Gesellschaft über Jahrzehnte geweigert haben, ein adäquates Werbeverbot für Tabakerzeugnisse durchzusetzen. Obwohl längst bekannt war, wie stark diese Werbung – vor allem bei Jugendlichen – wirkt. Und je jünger man anfängt, desto schwieriger ist es, davon wieder loszukommen.
Dazu kommt dann dieses Thema Stickoxide. Denn Stickoxide entstehen ja nicht aus dem Nichts, sondern sind die Folge der Auto-Abgase. Und während andere Länder auch aus diesem Grund immer stärkere Beschränkungen für Verbrenner einführen (z.B. Paris, wodurch sich die Luftqualität und die Gesundheit der Anwohner (!) massiv verbessert hat), tut sich Deutschland mit solchen Maßnahmen schwer. In unserer Gegend war das echt eine interessante Posse – da die Messwerte an einer Straße in der Stadt immer zu hoch waren, wurde eine Gegenmaßnahme ergriffen – und kurzerhand die Messstation verlegt. Auch eine Art, das Problem zu „lösen“ (ich hoffe, man erkennt den Sarkasmus!).
Was bleibt also? COPD ist nicht nur eine individuelle Erkrankung, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber auch eine, die zeigt, dass man einiges erreichen kann, wenn man es angeht. Denn die Erkrankungsrate sinkt in Deutschland – am meisten durch Anti-Rauch-Kampagnen, aber sicherlich auch durch die verbesserte Luftqualität. Also bitte alle weiter mit dranbleiben, damit wir es schaffen, diese Erkrankung weiter zurückzudrängen. Damit das Phänomen der COPD-Drehtürpatienten hoffentlich auf ewig verschwindet.
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