Helle Nächte sind fürs Herz gefährlich: Künstliches Licht kann das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen um bis zu 56 Prozent erhöhen. Wer besonders gefährdet ist und welchen Lichtquellen ihr den Stecker ziehen solltet.
Licht gilt als Symbol des Fortschritts. Doch in unserer Gesellschaft wird es zunehmend zum Problem. Rund um die Uhr leuchten Straßenlaternen und Werbetafeln. Hinzu kommen leuchtende Displays von Smartphones, Tablets und sonstige Monitore. Diese Dauerbeleuchtung stört unseren zirkadianen Rhythmus. Eine Untersuchung mit Daten des UK Biobank-Projekts zeigt, wie gravierend die Folgen sein können: Bereits mäßig erhöhte nächtliche Helligkeit steigert das Risiko für verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 50 Prozent.
Das UK Biobank-Projekt ist eine groß angelegte Gesundheitsstudie in Großbritannien, die seit 2006 läuft. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie genetische, Umwelt- und Lebensstilfaktoren die Entstehung von Krankheiten beeinflussen. Rund 500.000 Freiwilligen zwischen 40 und 69 Jahren haben dafür Blut- und Urinproben, genetische Informationen und Daten zur Gesundheit beziehungsweise zum Lebensstil bereitgestellt.
Das Team um Daniel P. Windred von der Monash University in Melbourne analysierte aus der großen Kohorte Daten von 88.905 Teilnehmern im Durchschnittsalter von 62,4 Jahren (56,9 Prozent Frauen). Alle Probanden trugen zwischen 2013 und 2016 für eine Woche ein Lichtmessgerät am Handgelenk, das jede halbe Stunde die Lichtintensität erfasste. Insgesamt kamen rund 13 Millionen Stunden an individuellen Daten zusammen – die bisher größte Datensammlung dieser Art.
Die Forscher teilten alle Probanden in vier Gruppen ein, je nachdem, wie hell ihre Umgebung zwischen 0:30 nachts und 6:00 Uhr morgens war:
Zum Vergleich: Rund 100 Lux entsprechen der Helligkeit eines typischen Wohnzimmers am Abend, wenn die Lampe eingeschaltet ist.
Anschließend haben Forscher alle Teilnehmer über 9,5 Jahre beobachtet. Informationen zu Erkrankungen kamen vom britischen National Health Service (NHS). Erfasst wurden neue Fälle von koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und Schlaganfall. Personen mit entsprechenden Vorerkrankungen hatte Windreds Team im Vorfeld ausgeschlossen.
Das Ergebnis überrascht: Schon mäßig erhöhte Lichtwerte in der Nacht waren mit einem deutlich höheren Erkrankungsrisiko assoziiert. Im Vergleich zu Menschen mit Dunkelheit während der Nacht zeigte sich:
Diese Assoziationen blieben bestehen, wenn die Forscher andere Einflussfaktoren wie Bewegung, Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum, den sozioökonomischen Status und die Schlafdauer berücksichtigten. „Das zeigt, dass Licht in der Nacht ein eigenständiger Risikofaktor ist – und nicht nur ein Begleiteffekt schlechter Lebensgewohnheiten“, schreibt Jonathan Cedernaes in einem begleitenden Kommentar. Er forscht an der Uppsala University, Schweden.
Frauen und jüngere Teilnehmer reagierten empfindlicher auf Licht in der Nacht als andere Personengruppen. Bei Frauen war die Assoziation zwischen nächtlicher Helligkeit und dem Risiko für Herzinsuffizienz sowie koronare Herzkrankheit stärker ausgeprägt als bei Männern. Jüngere Studienteilnehmer wiederum zeigten deutlicher erhöhte Risiken für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern als ältere. „Die Studie zeigt, dass hohe nächtliche Lichtexposition den sonst schützenden Effekt des weiblichen Geschlechts auf das Herz teilweise aufhebt“, so Cedernaes in seinem Kommentar. „Außerdem reagieren jüngere Menschen offenbar empfindlicher auf diese Belastung.“ Erklärungen liefert die Arbeit aufgrund ihres Designs nicht.
Zwar zeigt die Studie nur Assoziationen, Windreds Team hält mit Blick auf endokrine Mechanismen aber eine Kausalität für denkkbar: Unser zirkadianer Rhythmus steuert den Blutdruck, den Puls, die Hormonproduktion und die Vasomotorik. Im Dunkeln produziert die Zirbeldrüse Melatonin: ein Hormon, das nicht nur Schlaf fördert, sondern auch entzündungshemmend und gefäßschützend wirkt.
„Über Millionen von Jahren hat die Evolution unser circadianes System an regelmäßige Hell-Dunkel-Zyklen angepasst“, erklärt Cedernaes. „Heute leben viele Menschen in ständig wechselnden Lichtverhältnissen – das bringt unseren inneren Takt durcheinander.“
Tier- und Humanstudien zeigen, dass nächtliche Lichtexposition nicht nur den Hormonhaushalt, sondern auch die Herzfrequenz und den Stoffwechsel beeinflusst. Schon bei einer Raumbeleuchtung von 100 Lux – also etwa mittlerer Zimmerhelligkeit – zeigten Versuchspersonen erhöhten Puls, gestörten Tiefschlaf und eine schlechtere Insulinsensitivität. Um zirkadiane Mechanismen zu normalisieren, spielt nicht nur Dunkelheit in der Nacht eine Rolle: Die Studie zeigt, dass Personen mit der stärksten Lichtexposition während des Tages ein um 13 Prozent geringeres Risiko für die koronare Herzkrankheit, ein um 28 Prozent geringeres Risiko für Herzinsuffizienz und ein um 27 Prozent geringeres Risiko für Schlaganfälle hatten.
Die Forscher sehen in ihren Ergebnissen einen bislang vernachlässigten Ansatz zur Herz-Kreislauf-Prävention. Neben bekannten Einflussfaktoren wie Blutdruck, Ernährung oder Bewegung könnte künftig auch die „Lichthygiene“ eine Rolle spielen, und das sogar recht kostengünstig: Verdunklungen bzw. der Verzicht auf Smartphones reichen aus.
Die Studie auf einen Blick
Quellen
Windred et al.: Light Exposure at Night and Cardiovascular Disease Incidence. JAMA Netw. Open, 2025. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.39031
Cedernaes: Illuminating the Risks of Nighttime Light for Cardiovascular Health. JAMA Netw. Open, 2025. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.39038
Bildquelle: Jp Valery, Unsplash