Zirkumzisionen senken das Risiko für Harnwegsinfekte und sexuell übertragbare Erkrankungen – trotzdem zeigen aktuelle US-Daten einen deutlichen Rückgang. Woran das liegt und wie Deutschland abschneidet.
Für Eilige gibt’s am Ende eine Zusammenfassung.
Die Beschneidung im Kindesalter gilt nach wie vor als einer der häufigsten chirurgischen Eingriffe weltweit. Sie ist in den USA deutlich stärker verbreitet als in Deutschland. Doch es gibt eine überraschende Entwicklung: Laut einer in JAMA Pediatrics veröffentlichte Analyse ist die Zahl stationär durchgeführter Neugeborenen-Beschneidungen US-weit zwischen 2012 und 2022 signifikant gesunken – von 54,1 auf 49,3 Prozent aller männlichen Neugeborenen. Besonders deutlich fiel der Rückgang bei weißen Neugeborenen aus (minus 5,3 Prozentpunkte).
Dass sich Eltern für eine Neugeborenen-Zirkumzision entscheiden, hat oft medizinische Gründe. Studien belegen, dass die männliche Beschneidung gesundheitliche Vorteile im weiteren Leben haben kann. So senkt sie das Risiko für Harnwegsinfektionen nicht nur im Säuglingsalter, sondern auch in späteren Lebensphasen deutlich – Metaanalysen bestätigen dies. Darüber hinaus verringern Zirkumzisionen die Wahrscheinlichkeit, dass sich Männer mit dem HI-Virus infizieren. Randomisierte Studien aus Afrika zeigen eine Verringerung des HIV-Risikos um etwa 50 bis 60 Prozent. Auch die Ansteckungsgefahr mit anderen sexuell übertragbaren Erregern wie dem Herpes-simplex-Virus Typ 2 oder dem humanen Papillomavirus ist bei beschnittenen Männern geringer.
Den Effekte erklären Forscher mit verschiedenen biologischen Mechanismen. So verringert sich durch die Entfernung der Vorhaut die Schleimhautfläche, über die Krankheitserreger in den Körper eindringen. Zudem wird die Hygiene erleichtert und chronischen Entzündungen der Genitalhaut vorgebeugt – Erkrankungen, die wiederum selbst das Infektionsrisiko erhöhen. Angesichts dieser Evidenz bewerten führende Gesundheitsorganisationen die Zirkumzision positiv. Sowohl die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) als auch die American Academy of Pediatrics (AAP) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprechen sich für Zirkumzisionen – unter medizinischen Bedingungen und nach Aufklärung der Eltern – aus. Warum also geht der US-Trend so weit nach unten?
„Trotz überwältigender Beweise dafür, dass die Beschneidung männlicher Neugeborener gesundheitliche Vorteile bietet, könnte die zunehmende Skepsis der Öffentlichkeit […] gegenüber medizinischen Empfehlungen dazu führen, dass sich mehr Eltern gegen die Beschneidung ihrer Söhne entscheiden“, sagt Aaron Tobian. Er ist Koautor der Studie und forscht an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, Maryland.
Mögliche Gründe für die Skepsis: Blutungen, Infektionen oder Meatusstenosen treten bei ärztlicher Routine in weniger als einem halben Prozent aller Fälle auf. Doch können solche Komplikationen schwerwiegend verlaufen, wenn sie unentdeckt bleiben. Und nicht jede Phimose erfordert eine Operation. Cochrane-Daten aus dem Jahr 2024 zeigen, dass konservative Ansätze mit topischen Kortikosteroiden bei 70 bis 80 Prozent der Jungen erfolgreich ist.
Die S2k-Leitlinie Phimose und Paraphimose im Kindes- und Jugendalter rät auch nur zu Beschneidungen, falls eine behandlungsbedürftige Phimose besteht, die zu Beschwerden führt – etwa Schmerzen, wiederkehrende Entzündungen, Harnabflussstörungen oder Paraphimose. Auch bei rezidivierenden Harnwegsinfekten in Verbindung mit schweren angeborenen Fehlbildungen des Harntrakts kann eine Zirkumzision sinnvoll sein. Zudem gilt sie als Therapie bei Lichen sclerosus oder narbiger Phimose, wenn konservative Maßnahmen versagen. Nicht indiziert ist die Zirkumzision gemäß Leitlinie bei asymptomatischer, physiologischer Vorhautenge im Kindesalter. Hier wird zunächst eine konservative Behandlung mit kortikoidhaltiger Salbe empfohlen.
Doch der Trend in den USA hat nicht nur medizinische Ursachen. Der Anteil hispanischer Geburten – einer Bevölkerungsgruppe mit traditionell niedriger Zirkumzisionsrate – ist deutlich gestiegen. Auffällig ist auch, dass der Rückgang vor allem in sozioökonomisch privilegierten Regionen und Haushalten zu beobachten war. In den wohlhabendsten Gebieten sank die Beschneidungsrate um 8,3 Prozentpunkte, bei privat Versicherten um 8 Punkte.
Hierzulande zeichnen sich zwei Trends ab: Laut der Studie „Entwicklung der Zirkumzisionszahlen in Deutschland seit Billigung der rituellen Beschneidung“ haben Ärzte zwischen 2013 und 2018 insgesamt 673.819 Beschneidungen durchgeführt. Bei Minderjährigen stieg die Zahl der Eingriffe kontinuierlich an: von rund 50.200 (2013) auf 56.000 (2018). Im Unterschied dazu nahm die Zahl der Eingriffe bei Erwachsenen ab – von rund 62.500 (2013) auf 53.900 (2018). Der Anstieg bei Minderjährigen könnte auf eine veränderte Nachfrage hinweisen (z. B. mehr rituelle Eingriffe), allerdings bleibt die Rate insgesamt niedrig. Der Rückgang bei Erwachsenen deutet darauf hin, dass weniger Erwachsene aus medizinischer Indikation (oder aus anderen Gründen) beschnitten werden.
Politisch und juristisch bleibt das Thema ein heißes Eisen. Der Streit entzündete sich in 2012, als das Landgericht Köln den Eingriff bei Minderjährigen ohne medizinische Indikation als Körperverletzung wertete. Nach heftigen Protesten jüdischer und muslimischer Verbände reagierte der Bundestag mit einem Gesetz, das die religiös motivierte Beschneidung erlaubt, sofern sie „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ erfolgt und das Kindeswohl beachtet wird. Kinderrechtler kritisieren, der Staat stelle die Religionsfreiheit über das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Befürworter sehen darin einen Schutz religiöser Praxis.
Das Spannungsfeld zwischen medizinischem Nutzen, elterlicher Entscheidungsfreiheit und Ethik wird damit noch komplexer. Für Ärzte bleibt als Herausforderung, Eltern evidenzbasiert und kultursensibel zu beraten – und den Eingriff medizinisch nur zu empfehlen, falls er einen gesundheitlichen Mehrwert bietet.
Kurz gefasst – Beschneidung im Wandel
Quellen
Ping Yang et al.: Trends in Circumcision Among Newborn Males in the US. JAMA Pediatr, 2025. doi: 10.1001/jamapediatrics.2025.2464.
Gladys Moreno et al.: Topical corticosteroids for treating phimosis in boys. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2024. doi: 10.1002/14651858.CD008973.pub3
Cem Aksoy et al.: Entwicklung der Zirkumzisionszahlen in Deutschland seit Billigung der rituellen Beschneidung. Die Urologie, 2023.
Maximilian Stehr et al.: S2k Leitlinie „Phimose und Paraphimose bei Kindern und Jugendlichen“. AWMF online, 2021.
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