Einfühlungsvermögen ist die Grundlage einer guten Beziehung zwischen Patient und Arzt. Doch die Patientenzahl steigt – und meine Zeit bleibt die gleiche. Der Kompromiss: halbe Kraft voraus?
Wir Ärztinnen und Ärzte (und überhaupt das gesamte medizinische Personal) sollen ja immer quasi Superkräfte haben. Nicht nur fachlich soll alles stimmen, auch den Patienten sollen wir emotional „abholen“ und damit dafür sorgen, dass die Therapie ein Erfolg wird. Das große Zauberwort heißt seit Jahren „Empathie“. Je empathischer unser ärztliches Verhalten, desto eher wird der Patient sich angenommen fühlen, desto stabiler wird die Arzt-Patient-Beziehung und desto besser oft auch der Therapieerfolg, da auch die Mitarbeit bzw. Adhärenz des Patienten optimal ist.
So weit, so gut. Aber wie entsteht diese ominöse Empathie eigentlich? Zumindest in meinem Studium gab es kein Fach mit diesem Namen. Okay, in meiner Studienzeit gab es auch noch keine Kommunikationsseminare, die es inzwischen immerhin gibt. Man hat sich als Student oder Assistenzarzt einfach angeschaut, was die anderen Ärzte gemacht haben, und dann entweder übernommen, wenn man etwas gut fand – oder es völlig anders gemacht, wenn man etwas nicht gut fand. Didaktisch nicht sehr wertvoll, ging aber. Daher hier jetzt meine (völlig subjektiven) Eindrücke, was für mehr Empathie sorgt:
Je mehr ich mich in einen Patienten hineinversetzen kann bzw. je vertrauter mir diese Situation ist, desto leichter fällt es mir, persönlich Anteil zu nehmen. Das müssen nicht immer eigene Erfahrungen sein. Aber auch, wenn man etwas im eigenen Umfeld oder bei anderen Patienten gesehen hat, bekommt man eine grobe Vorstellung und das hilft schon sehr.
Ein klassisches Beispiel sind familiäre Konflikte je nach Lebensalter. Hat man eine Situation mit den eigenen Kids schon durchexerziert, fällt das Nachfühlen leichter. Das heißt nicht, dass kinderlose Ärzte das nicht können (vielleicht haben sie es bei Freunden ja auch intensiv mitbekommen), aber wie gesagt: Wer schon mal vor seinem schreienden Säugling gestanden hat, der ohne ersichtliche Ursache nicht aufhören wollte zu brüllen, der kann die Verzweiflung der Eltern – glaube ich – schon etwas mehr erahnen, wenn sie dann am nächsten Morgen in der Sprechstunde sitzen und weinen.
Je mehr der Patient erstmal seine Version darstellen kann, desto besser kann ich ihn wahrnehmen. Was sagt mein Patient? Was sagt er nicht? Was deutet er an? Wie drückt er sich aus?
Und damit kommen wir zum letzten und vielleicht wichtigsten Punkt:
Ich konnte diese Studie absolut nachvollziehen. Denn natürlich hilft mehr Zeit in der Konsultation, um dem Patienten auch emotional näherzukommen. Die wenigsten Patienten fallen (am besten noch bei der ersten Konsultation) mit der Tür ins Haus und erzählen von ihren tiefsten Emotionen. Manchmal sind die Emotionen zwar so heftig, dass sie quasi direkt aus den Patienten herausbrechen, aber das ist eher eine Seltenheit. Ganz oft gibt es einen offiziellen Konsultationsgrund (z. B. Einlagen oder sonstige Bagatellen) und erst im Verlauf rückt der Patient mit dem eigentlichen Problem raus. Aber das braucht seine Zeit; wobei mein Eindruck ist, dass es bei jüngeren Patienten etwas schneller geht als bei älteren, weil es in der heutigen Zeit glaube ich weniger schambehaftet ist. Patienten, die ich seit Jahren betreue, kenne ich gut genug, um an der Körpersprache und am Tonfall zu erkennen, dass emotional etwas nicht stimmt. Diese Patienten rücken aber auch eher bei mir „mit der Sprache raus“ als bei dem neuen Kollegen, der erst seit ein paar Monaten da ist. Vertrauen braucht Zeit – akut und chronisch.
Wir brauchen Zeit mit unseren Patienten – zum Reden, aber auch zum Schweigen. Die Stille auszuhalten, auch wenn wir eigentlich hektisch fragen wollen. Wir unterbrechen oft zu schnell und warten nicht, bis der Patient selbst mit der Sprache herausrückt und seinen Eindruck schildern kann. Auch das fördert Empathie: Gemeinsam verbrachte Zeit. Den Patienten ankommen lassen und erst einmal zuhören, bevor wir unsere Ratschläge äußern. Das ist sicherlich eine Fähigkeit, die erst reifen muss und nicht sofort vorhanden ist. Wenn man aber eine empathische Beziehung aufgebaut hat, ist das eine sehr stabile Brücke zum Patienten. Deswegen hängen ja auch so viele Patienten an „ihrem“ persönlichen Hausarzt.
So sehr ich das auch einsehe (es ist ja auch für mich einfacher, wenn ich die Patienten gut kenne), sehe ich auch das Problem, dass wir Zeiten des demographischen Wandels haben. Der Anteil an Patienten über 70 Jahren hier auf dem Land liegt über 20 %; ca. 8 % sind über 80 Jahre. Bei gleichzeitig abnehmender Arzt-Kapazität haben wir kaum eine Möglichkeit, uns diese Zeit für alle zu nehmen, die sie eigentlich benötigen. Eigentlich ist die Verdeutlichung des Stellenwertes der Empathie ein toller Fortschritt der letzten 40 Jahre gewesen, aber sie trifft jetzt halt auf immer knapper werdende Ressourcen. Und letzten Endes bedeutet diese Studie ja, dass ein Arzt besser weniger Patienten betreuen sollte, damit er diese auch wirklich GUT und empathisch betreuen kann. Aber dafür sind nicht annähernd genug Ärzte da – zumindest in unserer Gegend.
Wir werden also ein Gleichgewicht finden müssen, damit möglichst viele Patienten ihren Arzt als ausreichend bis befriedigend empathisch empfinden – für „gut“ oder gar „sehr gut“ sehe ich ernsthafte Ressourcen-Probleme, vor allem bei der „Arztzeit“. Das wiederum erhöht den Frust auf beiden Seiten, was auch nicht gut ist. Aber wo die Ärzte (und das Geld dafür) herkommen soll, ist mir auch nicht klar. Was ich mir noch am ehesten vorstellen könnte: Wirkliche Bagatellen wie Erkältungen an weiterqualifizierte MFA, Krankenpflege, Primary-Care-Manager oder Physician Assistants abgeben, damit wir Ärzte dann mehr Zeit für die komplexeren Sachen haben.
Der Haken daran: Wenn jemand immer wieder mit leichten Infekten kommt (mit am besten wenig objektivierbaren Befunden) ist gerade das ein Klassiker, bei dem sich bei einer guten Arzt-Patient-Beziehung häufiger persönliche Probleme als eigentlicher Grund für die vielen Erkrankungen und Konsultationen (und AUs) herausstellen. Das wäre dann schwieriger. Außerdem ist es schon so, dass ich auch diese Kurz-Kontakte bei Infekten als wertvolle Arzt-Patient-Zeit empfinde, die eben die Basis für eine spätere, intensivere Beziehung bildet.
Ich weiß nicht, was die richtige Lösung ist. Ich hatte in den letzten Jahren so viele Patienten, die keinen Hausarzt gefunden haben, weil alle Praxen Aufnahmestopp hatten, weil nicht genug Ressourcen da sind. Andererseits denke ich mir, dass vielleicht dann die Schulnote „befriedigend“ im Fach Empathie bei zwei Patienten besser ist, als dass einer mich zwar sehr empathisch findet, der andere mich aber nie zu Gesicht bekommt, weil ich aufgrund knapper Ressourcen keine Patienten mehr aufnehmen kann. Da finde ich den Kompromiss besser – und die meisten meiner Patienten scheinen das ähnlich zu sehen. Letztlich müssen wir das als Gesellschaft gemeinsam besprechen und festlegen. Mit Zeit und Zuhören.
Bildquelle: Elena Kycheva, Unsplash