Zu oft ärgert man sich über Kleinigkeiten wie den morgendlichen Stau – bis man selbst Teil einer Tragödie wird, die alles in ein anderes Licht rückt. Eine Chance zu begreifen, was wirklich zählt.
Der Lieblingssport aller Mitmenschen ist es, sich über allen möglichen Kleinscheiß aufzuregen. Sinnlos kippt der Tag dann wie ein eingekerbter Baum. Der Magen zieht sich zusammen, und die Laune legt sich wie eine dunkle Folie über alles andere. Menschen regen sich darüber auf, dass der Postbote diesmal um halb vier, anstatt um drei kommt. Andere schäumen, weil der Stamm-Discounter die Preise im Tomatensegment unfassbarerweise um zehn Cent pro Kilo erhöht hat. Wiederum andere sind genervt, weil sie ihr neues Handy erst am Donnerstag, anstatt schon am Mittwoch erhalten werden – so, als hinge ihr Seelenheil vom Versanddatum ab. Die Nächsten leben ihren Zorn im Straßenverkehr aus, hupen und fluchen.
Und glaubt mir: Ich selbst bin keinen Deut besser. Den Vordermann bezeichne ich dann auch mal als „verkeimtes Arschgesicht“ – obwohl ich diese Bezeichnung mit meinem eigenen Fahrstil durchaus selbst verdient hätte. Berühmt ist auch, sich im Stau zu ärgern, weil irgendwo vorne ein Genie die Spur gewechselt hat – so biegt man es sich hin, um den eigenen Ärger zu rechtfertigen. Dabei ist es ein unverdientes Glück, im Stau nur warten zu müssen und nicht der Grund dafür zu sein.
Heute frage ich mich, wie ich mich über so eine triviale Scheiße aufregen konnte. Ich habe einen Tag erlebt, der für mich alles in ein neues Licht rückte. Einen Tag, an dem für jemanden die Hölle zu Eis gefroren ist. Stell ihn dir also vor – den schlimmsten und hässlichsten Tag in deinem bisherigen Leben und potenziere diesen Tag mit dem Faktor 100. Dann hast du eine annähernd realistische Ahnung davon, welche Hölle Steffen de Luca an diesem Tag erwartete.
Steffen kam nach dem Medizinstudium in die Klinik, erst auf Station, dann in die Notaufnahme. Irgendwann war er auch Notarzt – und verdammt gut darin. Einer, der sich in der Stille wohlfühlte, während draußen das Chaos tobte. Jemand, der eher lächelte als lachte, der mit einem kurzen Nicken locker mehr sagen konnte als andere in fünf Sätzen. Wenn er als Notarzt ins Auto stieg, fühlte ich mich als Rettungsassistent sicher – wegen seines Blicks, der die Lage immer schon zwei Schritte weiterdachte. Von seinem Äußeren erinnerte er mich an Mark Greene, den smarten Arzt aus Emergency Room: dieselbe Ruhe, dieselbe konzentrierte Freundlichkeit, nur ohne Scheinwerfer. Ein absolutes Vorbild.
Mitten im Sommer hatte er Nachtdienst. Es war die Art von Nacht, an die man sich später nur noch schemenhaft erinnert, weil einfach so viel zu tun ist. Wer den Klinikalltag kennt, weiß: „Bereitschaft“ bedeutet nicht Ruhe, sondern eher die Bereitschaft zur völligen Erschöpfung. Oberärzte schlafen, und wenn du den falschen Anruf machst, bedeutet das nichts Gutes für deine berufliche Entwicklung.
Als der Morgen graute, war Steffen knochenmüde – zuhause warteten seine Kinder auf die Fahrt zum Kindergarten, denn auch Monica hatte einen straffen Zeitplan. Doch er schaffte es nicht. Er sah das Bett zu Hause und sank hinein, als hätte der Körper seine eigene Schwerkraft. Die Müdigkeit lag wie Blei in seinen Armen. „Mal wieder“, sagte Monica. Schon wieder, sagte auch Steffens schlechtes Gewissen. Ein Satz zu viel, ein Ton zu scharf – es flogen Worte, die nicht zurückzuholen sind. Dann flog die Haustür zu. Keine Verabschiedung, nur ein Griff zu den Schlüsseln, ein Rufen der Kinder, die Zündung des alten weißen Toyotas. Monica machte sich selbst auf den Weg.
Steffen versuchte einzuschlafen. Es gelang ihm nicht. Ein Geräusch draußen ließ ihn auffahren – doch es war nicht Monica. Vielleicht eine Panne, dachte er, denn sie war bereits eine halbe Stunde länger weg als gewöhnlich. Ihre alte Kiste, von der der Lack in Schuppen abblätterte, hatte schon bessere Jahre gesehen. Steffen nahm den Schlüssel seines blauen Fiats und fuhr hinterher – in einen Tag, der keiner mehr werden wollte.
In der Rettungswache blinkte die rote LED am zigarettenschachtelgroßen Alarmempfänger. Der Disponent gab uns einen Notarzteinsatz durch. Dann das Rolltor auf, Status 3, und los. Der Hof roch nach feuchtem Asphalt. Unklarer Verkehrsunfall, ergänzte der Disponent. Die Tatsache, kaum Informationen zu erhalten, macht die Alarmfahrt schlimmer. Es ist das Etikett für etwas, worauf kein Kopf vorbereitet sein kann.
Als wir an die Kreuzung kamen, stand ein LKW auf einer Verkehrsinsel, als sei er dort gestrandet. Der stämmige Fahrer, mit Vokuhila, schwarzer Cargohose und weißem Feinripp, schwitzte und zitterte zugleich. Vor ihm: ein Auto, das nur noch eine eingefrorene Bewegung war. Von der Landstraße her zog sich eine Spur aus gebrochenen Leitpfosten. Die Windschutzscheibe des Lasters war eingerissen, das Dach des PKWs hing wie ein abgelöster Deckel seitlich am Wrack. Splitter knirschten unter den Stiefeln, die Luft roch nach Benzin und Öl. Dann auch noch dieses grelle Grün in den Pfützen: Kühlflüssigkeit. Eine chemische Note legte sich an den Zungengrund.
„Ich kann nichts dafür“, sagte der dickliche LKW-Fahrer. Er starrte irgendwohin, wo nichts war, und knetete eine unsichtbare Mütze. „Ich stand nur da … wollte rechts raus. Der Wagen kam von links, zu schnell. Schon zweihundert Meter vorher hat er geschlingert – dann …“ Er brach ab, ließ sich auf die Insel fallen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
Wir brauchten technische Hilfe. Ohne sie war das Auto nicht zu erreichen, das unter den LKW geraten war und an einen Klumpen Metall erinnerte. „Schick mir alles her, was Räder und Blaulichter hat!“ Ich hörte selbst, wie sich meine Stimme in das Funkgerät überschlug.
Hinter uns staute sich der Morgen zusammen. Menschen stiegen aus, hielten die Hand über die Augen und glotzten, als wäre die Katastrophe ein Panorama. In solchen Minuten dehnt sich Zeit wie Kaugummi. In Wirklichkeit kamen die Feuerwehrleute sehr schnell an der Einsatzstelle an. Sie sprangen von den Fahrzeugen wie rote Noten aus einer Partitur, die Sprechfunkgeräte klickten, es begann technisches Geschepper.
Das fünftnächste Auto im Stau kannte ich. Ein blauer Fiat. Steffen stieg aus. Schon von weitem rief er: „Hallo Christian. Kann ich helfen? Komme eh nicht durch. Was ist passiert?“ Seine Stimme war belegt. „Der Notarzt ist schon am Weg“, sagte ich. „Sie trennen den Wagen gerade vom LKW. Ein schwerer Unfall. Wir kommen aber noch nicht ran.“ Ich deutete in die Richtung, und in diesem Augenblick sah ich, was er sagen wollte, bevor er es aussprach. Sein Blick erstarrte.
Er sah es.
Das Weiß des Wagens. Das Emblem mit den drei Ellipsen. Die Rücklichter. Die Form. Und seine Augen verloren jede Farbe. Ich versuchte, ihn aufzuhalten. Griff nach seinem Arm. Er ließ sich nicht bremsen und riss sich los. Wie ferngesteuert ging er auf das Wrack zu.
„Thomas!“, rief ich zu einem Kollegen. „Kümmert euch um Steffen! Ich glaube … ich glaube, das ist seine Familie. Wir müssen sichten!“ Thomas‘ Gesicht fror ein.
Die Feuerwehr schnitt. Dann zog sie das Wrack vom LKW weg, und wir sahen, dass Monica eingeklemmt zwischen Fahrersitz und Konsole darunter lag. Der Brustkorb aufgerissen, die Augen starr. Tot. Dahinter die drei Kinder ohne Leben. Das Dach hatte eines davon teilweise enthauptet.
Weitere Rettungswagen, Notarzteinsatzfahrzeuge und auch die Polizei trafen ein. Journalisten, die zu schnell von einer Nachricht erfuhren, fuhren mit gelben Kennleuchten auch bis nach vorn, aber der Sichtschutz stand innerhalb von Minuten: Ein Fächer aus Planen, der die Szene vor der Gier der Blicke rettete, so gut man sie retten kann.
Steffen saß nur da. Seine Hände bewegten sich auf dem Oberschenkel, als würden sie versuchen, sich selbst zu beruhigen. „Ich muss nach Hause“, sagte er und blickte nach rechts und nach links und versuchte, aus dem Fenster zu sehen.„Warum?“„Sie müsste längst zurück sein.“„Steffen …“„Sie hatte heute so viel vor.“Ich sah ihn an. „Sie haben es nicht überlebt.“Ein leises „Nein …“ Dann Stille. Dann ein Flüstern. „Wir haben gestritten, bevor sie ging …“
Und etwas in mir zerbrach.
Ich sagte nichts mehr, denn alles, was ich hätte sagen können, wäre wie ein Pflaster auf einer Schussverletzung gewesen. Thomas kam dazu, er hatte eine Zielklinik organisiert. Ich stand auf, ließ Steffen mit ihm zurück. Die Schiebetür des RTW glitt zu und machte dieses laute, entschlossene Geräusch, das mich noch einige Zeit danach an genau diese Szene erinnerte.
Abends rauschten die Blaulichter über den Bildschirm. Kalte Sprecherstimmen bügelten die Ungeheuerlichkeit in Sätze, die in jedes Format passten. Er hatte es in die Zwanzig-Uhr-Nachrichten geschafft. Mit einer knappen Handbewegung schaltete ich den Fernseher aus.
Zwei Jahre später begegnete ich Steffen in der Klinik. Er trug einen Kittel, der ihm etwas zu groß war, blieb stehen und lächelte nicht. „Schön, dich zu sehen“, sagte ich. Ich hörte mich selbst und wusste nicht, ob der Satz für ihn war oder eher für mich. Er nickte, bedankte sich und ging weiter. Danach sah ich ihn nie wieder.
Seit jenem Tag erinnert mich manchmal das Hupen, ein Stau und der Geruch aus heißem Asphalt und Sommerregen daran, dass ein einziger Funke alles neu ordnen kann. Im Geist sehe ich dann einen blauen Fiat stehen, den Fahrer, der aussteigt und seinen Namen sagt, als sei er nur zu Besuch in dieser Welt. Ich sehe drei Ellipsen im Staub, höre die Schiebetür eines Rettungswagens. Dann denke ich an Steffens Wunsch, den Streit zu bereinigen und nach Hause zu fahren in ein Haus, das noch bewohnt ist.
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