Früher haben sie mich irritiert, diese Kollegen mit ihrem dauerhaft freundlichen, aber undurchdringlichen Gesichtsausdruck. Heute trage ich diese Maske selbst – und merke, es fällt mir immer schwerer sie abzulegen.
Schon früher ist mir aufgefallen, dass viele ältere Kollegen eine Art Pokerface haben. Sie wirken freundlich und zugewandt – aber irgendwie auch distanziert. So weiß man letztlich nie so richtig, woran man ist. Und das nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im privaten Umfeld. Ich fand das immer ein bisschen schwierig, aber inzwischen muss ich mir an die eigene Nase packen: Ich erwische mich selbst immer häufiger dabei, dass ich mit einem Pokerface arbeite. Ich glaube, letztlich ist das die natürliche Konsequenz unseres Arbeitens.
Wir sollen Patienten gegenüber immer wertschätzend und nahbar sein, um eine möglichst gute Arzt-Patient-Beziehung aufzubauen und im Sinne des Shared Decision Making gemeinsame Entscheidungen treffen zu können. Das ist aber nicht immer so einfach, weil einem einfach nicht alle Patienten sympathisch sind. Das ist menschlich, aber damit alle Patienten gleich gut versorgt werden, verdrängt man diese Gefühle und behandelt einfach. Manchmal hat man auch Sorge, den Patienten zu verunsichern – z. B. bei einer Raumforderung der Leber, die wahrscheinlich gutartig ist, doch mit 100%iger Sicherheit weiß man es eben doch nicht. Also lächelt man freundlich, beschwichtigt den aufgeregten Patienten, um die Sorge nicht noch größer werden zu lassen und bemüht sich um eine zeitnahe Abklärung. Die eigene Sorge, wenn man sich doch eher unsicher ist, wird sorgsam verborgen, sobald man ein paar Mal erlebt hat, dass manche Patienten diese Unsicherheit kaum wieder loswerden – auch wenn die Bildgebung völlig eindeutig ist.
Für mich kommt dazu noch das Arbeitgeber-Dasein: Ich hätte nie gedacht, wie sehr manche Worte auf die Goldwaage gelegt und dabei fehlinterpretiert werden können. Ein Beispiel: Eine ältere Mitarbeiterin war erkältet. Als ich mich neben sie setzte und fragte, ob alles in Ordnung sei, interpretierte sie dies als Kritik an ihrer Arbeit. Dabei kennt sie mich seit über 10 Jahren. Früher hätte sie sich über eine solche Frage nie Gedanken gemacht. Aber jetzt bin ich die Arbeitgeberin und nicht mehr einfach eine andere Angestellte. Ich konnte das Missverständnis schnell klären, doch seitdem beobachte ich genauer, was ich sage oder mache, um Verunsicherungen zu vermeiden.
Auch Kritik, die im Rahmen der Weiterbildung einfach mal vorkommt, muss vorsichtig formuliert sein, um nicht in den falschen Hals zu geraten. Eine frühere Weiterbildungsassistentin war völlig pikiert, als ich sie darauf hinwies, dass sie die Patienten bitte etwas stärker führen solle, weil die Gespräche oftmals zeitlich ausarteten (15 min geplant, 45 gebraucht). Das fand sie völlig unangebracht, denn diese Patienten hätten das längere Gespräch gebraucht. Wie sollte ich ihr dann noch schonend beibringen, dass mich mehrere Patienten auf ihr unsicheres Auftreten angesprochen haben und ihre Anordnungen von mir verifiziert haben wollten?
Das sind alles keine Dramen, aber letztlich führen diese kleinen Begebenheiten dazu, dass man irgendwann ein freundliches, wohlwollend lächelndes Pokerface aufsetzt und seine Worte wohlüberlegt auswählt, um nicht direkt das nächste Problem aufzumachen. Und wenn man das gefühlte 40 bis 60 Stunden pro Woche macht, wird es irgendwann zur Gewohnheit.
So richtig glücklich bin ich mit der Situation nicht. Es heißt immer, dass Selbstwirksamkeit und Authentizität gut für die Burnout-Prophylaxe sind, aber ich merke, dass mir das aus den oben genannten Gründen in der Praxis durchaus schwerfällt. Aber „Rumbollern“ hilft ja auch nichts – die Patienten HABEN ja Not und Sorgen – genau wie meine Angestellten, wenn sie in meine Aussagen Dinge reininterpretieren, die nicht da sind. Ich hoffe, dass sich zumindest letzteres auch mit der Dauer meines Chef-Daseins etwas entspannt, weil wir uns dann auch in dieser Situation besser kennen. Nur bin ich mal gespannt, ob das so rechtzeitig passiert, dass ich nicht genau so ein Dauer-Pokerface habe, wie es mich früher immer genervt hat.
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