Ein erhöhter Harnsäurespiegel kann zu Gicht führen – so weit, so bekannt. Warum auch Kardiologen das Purin-Abbauprodukt auf dem Schirm haben sollten und wieso man sich nicht nur an geltenden Grenzwerten orientieren kann, lest ihr hier.
Harnsäure ist ein Endprodukt des Purinstoffwechsels im menschlichen Organismus und in der biochemischen und klinischen Betrachtung purinabhängiger Stoffwechselprozesse von zentraler Bedeutung. So gilt eine Hyperurikämie im Blut als zentraler Risikofaktor für die Entstehung der Gicht, einer entzündlichen Gelenkerkrankung, die durch die Ablagerung von Harnsäurekristallen gekennzeichnet ist. Neben der Gicht-Erkrankung wird die Harnsäure auch immer wieder als kardiovaskulärer Risikofaktor diskutiert. Eine aktuelle Studie liefert Hinweise darauf, dass bereits Harnsäurewerte im Normbereich einen ungünstigen Einfluss auf das kardiovaskuläre System haben könnten.
Die Studie analysierte Daten von über 70.000 Teilnehmern der deutschen Gesundheitsstudie Nationale Kohorte (NAKO), um den Zusammenhang zwischen physiologischen Serum-Harnsäurewerten und arterieller Steifigkeit zu untersuchen. Ein weiterer Schwerpunkt der Studie lag auf dem geschlechterspezifischen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Die NAKO-Untersuchung ist eine prospektive, bevölkerungsbasierte Langzeitstudie, bei der zwischen 2014 und 2019 insgesamt 205.415 Personen im Alter von 19 bis 74 Jahren in 18 Studienzentren rekrutiert wurden. Die Teilnehmer wurden per Zufallsstichprobe über die Einwohnermeldeämter ausgewählt.
Es zeigte sich, dass schon Harnsäurewerte im Normalbereich in signifikanter Korrelation mit einer erhöhten Pulswellengeschwindigkeit stehen, was auf eine verminderte arterielle Elastizität hinweist. Von den Teilnehmern hatten insgesamt 64.095 einen normwertigen Harnsäurewert. Besonders auffällig war der geschlechtsspezifische Effekt, denn bei Frauen zeigte sich ein deutlich stärkerer Zusammenhang zwischen den Harnsäurewerten und der arteriellen Steifigkeit als bei Männern, selbst nach Adjustierung für klassische Risikofaktoren (z. B. Alter, Blutdruck, Body Maß Index, Nierenfunktion). Basierend auf den Daten aus Studien über die Auswirkungen des Alterns auf die Pulswellengeschwindigkeit wurde von dem Forscherteam geschätzt, dass ein Anstieg der Serum-Harnsäurekonzentration um 0,1 mmol/l einem Anstieg des Alters von ca. 7 Jahren bei Frauen und von 4 Jahren bei Männern entspricht.
In der Studie kam zudem ein Verfahren des maschinellen Lernens (Random Forest) zum Einsatz, um bislang unbekannte Risikofaktoren für die Gefäßsteifigkeit zu identifizieren und hinsichtlich ihrer Bedeutung zu gewichten. Dabei zeigte sich, dass Harnsäure einen stärkeren Einfluss auf die Gefäßsteifigkeit hatte als etablierte Risikofaktoren wie Nikotinkonsum, Langzeitblutzucker und Alkoholkonsum. Aus diesem Grund regen die Autoren der Studie an, die bislang gültigen Grenzwerte für die Harnsäure neu zu überdenken. Sie schlagen vor, die anzustrebenden Konzentrationsbereiche deutlich enger zu fassen als bisher.
Die Studie von Thews et al. steht in Einklang mit vorhergehenden Studien. In einer großen epidemiologischen Kohortenstudie konnte bereits im Jahr 2008 gezeigt werden, dass erhöhte Serum‑Harnsäurewerte mit einer höheren kardiovaskulären Mortalität sowie Gesamtmortalität assoziiert sind. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2015 zeigte, dass Harnsäure mit einer Reihe von weit verbreiteten Krankheiten assoziiert war, einschließlich der koronaren Herzkrankheit. Das Studienteam verwendete die Mendelsche Randomisierung, um zu untersuchen, ob Harnsäure ein unabhängiger und kausaler Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. In der Auswertung war die Harnsäure mit dem kardiovaskulären Tod und dem plötzlichen Herztod assoziiert. Ob dieser Zusammenhang tatsächlich kausal oder lediglich durch Begleitfaktoren bedingt war, lies sich aus den Daten nicht ableiten. Das Forscherteam um An et al. konnten 2024 belegen, dass eine lineare Beziehung zwischen Harnsäurewerten und dem Risiko einer arteriellen Steifigkeit (p < 0,001) bestand. Da die Studie ausschließlich in einer chinesischen Bevölkerungsgruppe mit diagnostizierter arterieller Hypertonie durchgeführt wurde, war die Verallgemeinerung der Ergebnisse jedoch limitiert.
Zusammenfassend zeigt die Analyse der NAKO-Gesundheitsstudie von Thews et al., dass Harnsäurewerte im Normbereich positiv mit erhöhter Gefäßsteifigkeit korrelieren – insbesondere bei Frauen stärker ausgeprägt. Bereits moderate Harnsäurewerte könnten demnach kardiovaskulär risikorelevant sein, was die bestehenden Grenzwerte infrage stellt. Hier sind weitere Untersuchungen notwendig mit einer ggf. zukünftigen Anpassung der Referenzwerte. Die vorliegenden Daten verdeutlichen auch, dass der Serum-Harnsäurekonzentration eine größere klinische Relevanz zukommen sollte. Sie sollte verstärkt in die Routinediagnostik und kardiovaskuläre Risikostratifizierung einbezogen werden.
Meisinger et al.: Uric acid levels are associated with all-cause and cardiovascular disease mortality independent of systemic inflammation in men from the general population: the MONICA/KORA cohort study. Arterioscler Thromb Vasc Biol, 2008. doi: https://doi.org/10.1161/ATVBAHA.107.160184
Thews et al.: Physiological serum uric acid concentrations correlate with arterial stiffness in a sex-dependent manner. BMC Med, 2025. doi: https://doi.org/10.1186/s12916-025-04195-8
Kleber et al.: Uric Acid and Cardiovascular Events: A Mendelian Randomization Study. J Am Soc Nephrol, 2015. doi: https://doi.org/10.1681/ASN.2014070660
An et al.: High serum uric acid is a risk factor for arterial stiffness in a Chinese hypertensive population: a cohort study. Hypertens Res, 2024. doi: https://doi.org/10.1038/s41440-024-01591-0
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