Im Spätsommer zieht es viele Menschen in den Wald: Pilze sammeln macht Spaß, bringt Bewegung und endet oft mit einer leckeren Mahlzeit. Doch diese Freizeitbeschäftigung kann schwerwiegende Folgen haben – besonders dann, wenn giftige Doppelgänger essbarer Pilze im Korb landen.
Besonders gefährlich ist der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides). Schon eine einzige Pilzmahlzeit kann zu einer lebensbedrohlichen Vergiftung führen – in manchen Fällen mit einer Lebertransplantation als letzter Behandlungsoption.1
In Deutschland sind über 6000 Großpilzarten dokumentiert, darunter zahlreiche ungenießbare oder toxische Arten.2 Besonders problematisch: die morphologische Ähnlichkeit toxischer Pilze mit essbaren Sorten. Eine sichere Differenzierung ist Laien in der Regel nicht möglich, insbesondere nicht unter Einfluss von Wetter, Alter oder Standort des Pilzes. Auch vermeintliche Hinweise wie Schneckenfraß, Madenbefall oder dunkle Verfärbungen bieten keine verlässliche Aussage über die Ungiftigkeit eines Pilzes.3
Die gefährlichsten Verläufe nach dem Verzehr eines Knollenblätterpilzes gehen auf ein besonders stark wirkendes Gift namens α-Amanitin zurück. Dieses Gift ist hitzebeständig (also auch nach dem Kochen noch wirksam) und wird im Körper nicht durch Enzyme abgebaut.4 Schon kleinste Mengen des Gifts – etwa 0,1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht – können lebensbedrohlich sein.4
Amanitin schädigt die Leberzellen auf zellulärer Ebene: Es verhindert dort die Bildung lebenswichtiger Eiweiße, was zum Absterben der Zellen führt.5 Dies bewirkt eine erneute Freisetzung des Amanitins. Besonders tückisch: Das Gift wird vom Körper wiederholt zwischen Leber, Galle und Darm hin- und hertransportiert („enterohepatischer Kreislauf“) und reichert sich so weiter an.6 Nur ein Teil wird über die Nieren ausgeschieden – und das nur langsam. Dadurch sind auch die Nieren gefährdet, vor allem wenn es gleichzeitig zu Flüssigkeitsmangel oder einem durch die Leber geschädigten Kreislauf kommt.4
Die klinische Symptomatik zeigt typischerweise einen biphasischen Verlauf:7
Bei Symptomen nach dem Verzehr selbst gesammelter Pilze sofort den Notruf 112 wählen und eine Giftnotrufzentrale informieren. Schon bei ersten Magen-Darm-Symptomen nach dem Verzehr sollte an eine Vergiftung gedacht werden, vorallem bei einer langen Latenz.
Wichtig: Hausmittel wie Milch trinken oder absichtlich Erbrechen auslösen sind nicht hilfreich – sie können die Situation sogar verschlimmern.8 Stattdessen: Pilzreste und ggf. Erbrochenes aufbewahren. Diese helfen der Klinik bei der Diagnose.
Die Therapie muss frühzeitig und intensivmedizinisch erfolgen. Dazu gehören:
Wenn sich ein Leberversagen entwickelt, bleibt häufig nur noch eine Lebertransplantation als Therapieoption. Besonders bei schwerem Verlauf sollte frühzeitig der Kontakt zu einem Lebertransplantationszentrum hergestellt werden. In Deutschland basiert die Entscheidung zur Lebertransplantation im Falle eines akuten Leberversagens auf den Kings-College- oder Clichy-Kriterien, welche jedoch bislang nicht speziell für Patient*innen mit schwerer Knollenblätterpilzvergiftung evaluiert wurden. Daher ist die Aussagekraft dieser Kriterien in diesem speziellen Fall eingeschränkt. Im Einzelfall kann es schwierig sein, den Verlauf exakt abzuschätzen und zu entscheiden, ob der/die Patient*in für eine hochdringliche („high-urgency“, HU) Lebertransplantation gelistet werden sollte.9 Zudem ist es nicht immer gewährleistet, dass ein passendes Spenderorgan zur Verfügung steht.8
Nur wer sich wirklich auskennt, sollte gesammelte Pilze verzehren. Wer auch nur den geringsten Zweifel hat, sollte einen Pilzsachverständigen aufsuchen – viele Regionen bieten kostenlose Beratungen an. Auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Mykologie e.V. finden Sie weitere Informationen.
Referenzen:
Bildquelle: iStock.com/ adrianam13