Das Multiple Myelom (MM) ist eine maligne Erkrankung des Knochenmarks, die durch die unkontrollierte Vermehrung von Antikörper-produzierenden Plasmazellen gekennzeichnet ist. Diese Myelomzellen beeinträchtigen die normale Blutbildung und führen zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Der Erkrankungsverlauf des MM ist von häufigen Rezidiven geprägt, die den sequenziellen Einsatz verschiedener Therapielinien erforderlich macht.2
Obwohl das MM in der Regel nicht heilbar ist, hat sich die Prognose für Betroffene in den letzten Jahren durch neue und wirksamere Therapieoptionen kontinuierlich verbessert.1 Analysen großer Datenbanken mit umfangreichen Fallserien zum Multiplen Myelom zeigen zunehmend, dass hochwirksame und individuell auf die Patient:innen angepasste Therapien in den frühen Behandlungsphasen einen entscheidenden Einfluss auf den langfristigen Therapieerfolg haben.3
Der Begriff Attrition Rate (AR) bezeichnet den Anteil der Behandlungsfälle, bei denen die Behandlung abgebrochen oder nicht fortgeführt wird – sei es infolge von Tod, Krankheitsprogression ohne nachfolgende Therapie oder fehlender Nachbeobachtung.2Die Konsequenz hoher ARs ist, dass insgesamt weniger MM-Patient:innen die Möglichkeit haben, von wirksamen und potenziell lebensverlängernden Behandlungsoptionen zu profitieren. Damit deuten hohe ARs auf Probleme in der Behandlungskontinuität und -effektivität hin und sind deshalb von hoher Relevanz für die klinische Praxis und die Patientenversorgung.4 In einer retrospektiven Studie aus dem Jahr 2016, die 4.997 Datensätze von Patient:innen mit MM aus sieben europäischen Ländern auswertete, erhielten nach dem zweiten Rezidiv nur noch 38% der Patienten:innen (n=1.380) eine weitere Folgetherapie.5
Jedoch sind die ARs stets von der aktuellen Therapielandschaft abhängig. Diese ist beim Multiplen Myelom nicht nur sehr komplex, sondern befindet sich seit einigen Jahren auch im stetigen Wandel. Deshalb sind Zulassungen neuer Therapieoptionen und Substanz-Kombinationen von großer Bedeutung. Ungeachtet dessen zeigt die oben erwähnte Studie aus 2016 ein nach wie vor gültiges Grundprinzip auf: Da nicht alle Patient:innen die späteren Therapielinien erreichen, sollten die potenziell wirksamsten Therapieoptionen möglichst früh im Behandlungsverlauf eingesetzt werden, um Attrition Rates zu minimieren und die Behandlungskontinuität zu sichern.3
Frühzeitige Interventionen und individuell angepasste Behandlungsstrategien können die AR beim MM signifikant senken. Dazu gehören aktuell der Einsatz von Substanzklassen wie Proteasom-Inhibitoren, Immunmodulatoren und monoklonalen Antikörpern sowie die Durchführung von autologen Stammzelltransplantationen (SCT) bei geeigneten Patient:innen.2 Durch die sich stetig verändernde Therapielandschaft kommen jedoch regelmäßig neue Therapieoptionen auf den Markt, welche potenziell einen Einfluss auf die Behandlung und die ARs haben können.
Für Fachkreise ist es daher wichtig, sich sowohl durch aktuelle Leitlinien, wie z. B. der kürzlich beim EHA Kongress veröffentlichten aktualisierten EHA-EMN Leitlinie, als auch generell1,6,7 bezüglich der Therapielandschaft zur Behandlung des Multiplen Myeloms auf dem neuesten Stand zu halten.
Eine frühzeitige und intensive Behandlung kann die Tiefe des Ansprechens erhöhen und die Zeitspanne bis zur nächsten Behandlung (TTNT) verlängern, was in der Regel mit einer Verlängerung des Gesamtüberlebens (OS) assoziiert ist.8 Strategien zur Verringerung der ARs beinhalten außerdem eine engmaschige Überwachung und das frühzeitige Management von Nebenwirkungen, um das Risiko von Therapieabbrüchen zu minimieren.5
Abb. 1: Anteil der MM-Patient:innen, die die jeweilige Therapielinie erhalten. Ergebnisse einer ärztlichen Querschnittsbefragung (2014) mit 7.635 Patient:innen mit Multiplem Myelom aus sieben europäischen Ländern.9
Die negativen Auswirkungen hoher ARs auf die Therapieergebnisse beim MM sind im klinischen Alltag mittlerweile gut dokumentiert und unterstreichen die Notwendigkeit einer kontinuierlichen und wirksamen Behandlung.
Eine Analyse der österreichischen Myelom-Registers (AMR) zeigt, dass die ARs pro Therapielinie bei durchschnittlich 22% ± 5% liegen (bezogen auf die Therapielinien 1 bis 4). Diese Raten sind bei älteren und komorbiden Patient:innen höher, während sie bei jüngeren Patient:innen mit intensiver Erstlinienbehandlung – einschließlich Stammzelltransplantation und Erhaltungstherapie – deutlich niedriger ausfallen. Dieser Befund deutet darauf hin, dass ein umfassender frühzeitiger Zugang zu effektiven Behandlungen eine Schlüsselrolle bei der Reduzierung der ARs spielen kann.2
Auch eine retrospektive Analyse von Patientenakten aus sieben europäischen Ländern (N=4.997) zeigte, dass die ARs mit jeder weiteren Therapielinie anstiegen.5 In dieser Studie betrug die mediane Dauer der Erstlinientherapie 6 Monate, gefolgt von einem behandlungsfreien Intervall von im Median 10 Monaten. Die Tiefe des Therapieansprechens war mit einem längeren progressionsfreien Intervall assoziiert und nahm mit jeder weiteren Therapielinie ab. Gleichzeitig nahmen Nebenwirkungen sowie die Komorbiditätslast der Patient:innen in späteren Therapielinien deutlich zu.5 Diese Befunde verdeutlichen, dass hochwirksame frühe Therapielinien
Die Reduzierung der ARs durch die Nutzung der effektivsten verfügbaren Therapieoptionen je Therapielinie ist eine wichtige Maßnahme zur Verbesserung der Therapieergebnisse bei Patient:innen mit Multiplem Myelom.3 Eine frühzeitige Behandlung mit hochwirksamen Therapien zu Beginn des Behandlungsverlaufs ist entscheidend, um eine möglichst tiefe Remission, eine verlängerte Zeit bis zur nächsten Therapie (TTNT) und letztlich ein optimales Gesamtüberleben (OS) zu erreichen.8
Daten aus verschiedenen Studien und Registern unterstreichen die Bedeutung eines umfassenden Zugangs zu Therapien und einer kontinuierlichen Therapie. Eine engmaschige Überwachung und das frühzeitige Management von Nebenwirkungen sind ebenfalls wichtige Parameter, um Attrition Rates zu minimieren und die Behandlungskontinuität sicherzustellen.5
Eine frühzeitige, intensive Therapie ist somit ein Schlüsselfaktor, um die bestmöglichen Langzeitergebnisse für Menschen mit Multiplem Myelom zu erzielen.
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