Digital überholt analog – das zeigen aktuelle Umfragen dazu, wie Ärzte sich informieren. Wir haben in unserer Community nachgehakt: Wer noch blättert und wer schon klickt, erfahrt ihr hier.
Jeder Arzt kennt sie, die unerschöpfliche Papierflut der Fachzeitschriften. Sie landen regelmäßig und oft sogar ohne Aufforderung im Briefkasten – und schnell mal ungelesen im Müll. Dr. Tim Knoop, Facharzt für Innere Medizin und hausärztliche Versorgung und Sportmediziner, bestätigt: „Ich beziehe noch einige Zeitschriften durch meine Zugehörigkeit zu Fachgesellschaften. Die stapele ich dann, um sie irgendwann zu lesen. Was ich dann aber doch nicht mache und sie alle paar Monate wegwerfe.“
Auch Dr. Jakob Schröder, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie, räumt ein: „Analog bekomme ich (gezwungenermaßen …) noch das Ärzteblatt. Wenn es im Briefkasten liegt und der Leitartikel gut klingt, schaue ich da schon mal rein; die analogen Zeitschriften, die ich durch meine Mitgliedschaften in Fachgesellschaften bekomme, lese ich ehrlicherweise nur bedarfsweise oder zu speziellen Themen.“
Tierarzt Patrick Messner fasst zusammen: „Ich finde es eher ärgerlich, dass ich als Tierarzt regelmäßig den ‚Grünen Heinrich‘ (= Deutsches Tierärzteblatt) ausgedruckt in meinem Briefkasten vorfinde. Dieses dicke und papierverschwendende Heft landet bei mir direkt in der Papiertonne. Da meine Frau ebenfalls Tierärztin ist und wir dieselbe Anschrift haben, bekommen wir das Exemplar natürlich in doppelter Form zugestellt.“ Nachhaltigkeit geht anders, sei es in Sachen Umwelt oder Wissenstransfer.
Doch das Problem ist offenbar selbstlimitierend, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Die Mediennutzung deutscher Ärzte scheint sich zunehmend in den digitalen Raum zu verlagern.
Credit: ARI 2025
Wir als DocCheck News haben bei einigen unserer Experten nachgefragt – auch sie bestätigen dieses Bild. Kleiner Bias, den wir hier einräumen müssen: Natürlich sind Ärzte, die mit der Redaktion zusammenarbeiten, von sich aus schon sehr online-affin. Auch ist die Gruppe der Befragten recht klein. Für einen Einblick mit größerem Scope klickt euch in die aktuelle ARI-Studie.
Wie schauts also aus im Praxisalltag? „Für den schnellen Informationsbedarf während der Sprechstunde nutze ich in erster Linie digitale und niedrigschwellige Quellen wie Google, ChatGPT, Amboss, DocCheck und gelegentlich auch Wikipedia“, verrät Knoop. „Klassische, nicht-digitale Fachmedien wie Fachmagazine oder Bücher nutze ich dagegen kaum noch – das letzte Mal habe ich vor etwa fünf Jahren in ein gedrucktes Fachbuch geschaut.“ Allerdings bewahre man sich beim sporadischen Blick ins Gedruckte auch davor, unkritisch jeden kurzfristigen Trend zu übernehmen.
„Die analogen Medien schätze ich vor allem dafür, dass da manchmal Themen drin sind, die ich gar nicht so auf dem Schirm hatte und wo ich mich dann in Ruhe mal zu belesen kann oder gut gemachte Hintergrundstorys“, meint Dr. Sandra Masannek, Fachärztin für Allgemeinmedizin. Dr. Moritz Tellmann, Anästhesist, Notfallmediziner und Facharzt für Allgemeinmedizin, fährt eine hybride Strategie: „Bücher lese ich so gut wie gar nicht mehr, aber einige Print-Magazine bekomme ich noch gedruckt, zum Beispiel den Notarzt. Einen Artikel in Papierform lese ich vielleicht alle zwei Wochen mal, im Rahmen einer größeren Recherche.“
Trotzdem haben digitale Medien bei den von uns befragten Ärzten eindeutig die Nase vorn: Die meisten geben an, dass sich ihre Lesegewohnheit etwa 90 zu 10 Prozent zugunsten digitaler Angebote verteile. Wie steht es da in Sachen Verlässlichkeit der Quellen? „Glaubwürdigkeit hängt für mich nicht von der Art des Mediums ab, sondern von der Quelle selbst – ein Werbeblättchen ist ein Werbeblättchen, egal ob digital oder analog. Und ob ich die neuen offiziellen Leitlinienempfehlungen jetzt analog oder digital beziehe, ändert am Inhalt nichts“, so Masannek. Gäbe es eine Information aber zunächst nur in digitaler Form, würde sie erstmal abwarten und weitere Quellen heranziehen, bevor sie auf dieser Basis entscheidet.
Denn der große Vorteil der digitalen Medien – unmittelbarer Austausch und Geschwindigkeit – sei gleichzeitig auch eines ihrer Mankos. „Manchmal ändert sich ja die Deutung eines Events gerade in der ersten Zeit sehr schnell und da ist es manchmal besser, erst einmal abzuwarten. Und da sind die Printmedien etwas im Vorteil, weil sie ja nicht ganz so schnell sind und deswegen oft etwas mehr mit Hintergrundwissen punkten als mit der allerbrandneuesten Nachricht.“
Auch Tellmann stimmt hier zu: „Social Media nutze ich als Informationsquelle gar nicht, das fällt raus – es ist nicht auf die Schnelle überprüfbar und oft nicht valide, da müsste ich mehr Zeit investieren, um die Infos wirklich zu validieren. Instagram und Co. haben für mich keinen inhaltlichen Wert, das ist mehr ein Motivator, Cases aufzubereiten, aber Fachinfos von dort würde ich niemals trauen.“ Und wie sieht es mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz aus? Hier ist der Konsens klar: Wohldosiert und mit Know-how eingesetzt, können Tools wie ChatGPT im Ärztealltag hilfreich sein.
Schröder dazu: „Die Qualität der Antwort hängt hier erheblich daran, wie gezielt und differenziert man fragt. Dieses Sprichwort ‚KI macht Schlaue schlauer und Dumme dümmer‘ kann ich nachvollziehen. Hier ist es für mich essenziell, explizit nach Quellen zu fragen, die nachvollziehbar und renommiert sind und die ich auch gezielt überprüfen kann – manchmal erfindet ChatGPT auch ganz dreist Leitlinien und Empfehlungen. Dennoch: Geschwindigkeit und Ausmaß der Informationsverarbeitung und -zusammentragung sind einfach unerreicht.“
Was aber auf keinen Fall zu kurz kommen darf, ist der persönliche, fachliche Austausch – da sind sich alle befragten Ärzte einig. „Der Austausch mit echten Erfahrungen muss eine Quelle bleiben, also echte Fortbildungen mit Referenten, die Erfahrungswerte formulieren; das liefert kein Buch und keine Fachzeitschrift. Stichwort emotionale Bildung und Informationsbeschaffung: Je weiter man in der medizinischen Karriere kommt, desto wichtiger wird das. Einfach Fachwissen in Erfahrung transformiert, und eine persönliche Sicht der Dinge einfließen lassen. Faktische Recherchen kriegt jeder schnell und effektiv hin, aber Erfahrung braucht den menschlichen Austausch. Das wird keine KI ersetzen“, so Tellmann.
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