Mit bewegenden Geschichten und klaren Forderungen trifft der Musiktherapie-Kongress den richtigen Ton. Im Grunde wollen alle Teilnehmer dasselbe: Anerkennung, Abgrenzung – und Geld.
Ein Rettungssanitäter wird zu einem Unfallort gerufen. Dort stellt er mit Entsetzen fest, dass eines der Unfallopfer seine Lebenspartnerin ist, die dann an ihren Verletzungen stirbt. Der Schock wirft ihn komplett aus der Bahn, er verliert die Arbeit und wird süchtig. Sein Trauma geht so tief, dass auch Gesprächstherapien scheitern: „Mit fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie es mir geht.“ Von diesem Fall erzählt Mona Dittrich in der Online-Pressekonferenz zum 13. Europäischen Musiktherapie-Kongresses Ende Juli in Hamburg.
Dittrich ist Musiktherapeutin am Klinikum in Sigmaringen, Abteilung Akutpsychiatrie. Sie ist überzeugt, dass Musiktherapie dem traumatisierten Mann seine Sprache zurückgeben könnte. Sie würden gemeinsam „eine Klangwelt kreieren“ und so eine Basis für andere Therapien legen, in denen er sein Trauma aufarbeiten könnte. Doch es bleibt beim „könnte“. Musiktherapie ist keine Kassenleistung, weshalb er sie selbst bezahlen müsste. Und da er inzwischen mittellos ist, kann er das nicht.
Das sei „skandalös“, sagt auf der Pressekonferenz Till Brönner, Professor für Trompete an der Musikhochschule in Dresden. Musiktherapie, für die er sich seit 30 Jahren engagiert, müsse ein Leuchtturmprojekt werden. Denn „Musik kann mich retten“, wie er selbst in einer schweren Lebenskrise erfahren habe. Sein Credo: „Musik ist die sanfteste und stärkste Sprache, um die Schwächsten und Stillsten zu erreichen.“
Die Zeit für eine Anerkennung der Musiktherapie sei überreif, so die einhellige Meinung auf dem virtuellen Podium. Schließlich wachse die Forschungsliteratur exponentiell, sagt Sabine Koch, Professorin für Empirische Forschung in den Künstlerischen Therapien an der Alanus Hochschule Alfter. Und mit der Fülle der Studien wächst auch die Evidenz, dass Musik therapeutisch wirksam ist. Als Beleg führt Koch eine aktuelle Übersichtsarbeit im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an, die zahllose positive Studienergebnisse enthalte.
Ein Gamechanger ist die WHO-Studie trotzdem nicht. Sie wertet tausende Therapiestudien für Musik, Tanz, Theater, bildende Kunst, Schreiben und gemischte Künste aus und kommt zu dem Schluss, dass alle Interventionen positive Effekte bei Krebs, Herzkreislaufkrankheiten, chronischen Atemwegserkrankungen, Diabetes sowie neurologischen und psychischen Krankheiten haben. Die Effekte fallen lediglich mal mehr, mal weniger deutlich aus.
Bei all den positiven Effekten gibt es nur ganz wenige Ausreißer ins Negative, also bei denen sich der Zustand der Patienten eher verschlechtert. Der deutlichste Ausreißer: die kognitiven Outcomes der Musiktherapie bei psychischen Problemen. In der Summe aber ändert das nichts am positiven Gesamtbild. Also eigentlich nichts Neues, denn Studien und Reviews speziell zur Musiktherapie deuten schon seit vielen Jahren an, dass Patienten von ebendieser profitieren.
All das überrascht, um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Wer Tränen der Rührung bei einer besonders ergreifenden Arie verdrückt oder sich beim musikalisch dräuenden Grauen tiefer in den Kinosessel duckt, erahnt die emotionale Wucht der Musik. Die entscheidende Frage ist aber: Legt das einen therapeutischen Effekt im engeren Sinne zwingend nahe? Damit eine Therapie als wirksam angesehen wird, muss sie spezifisch wirken. Ein Verfahren, das ganz unterschiedlich ausgeführt werden kann, das bei allen möglichen Problemen hilft, das keine Nebenwirkungen hat und bei dem es auch nicht auf die Dosis ankommt, dem haftet etwas Willkürliches, sprich Unspezifisches an. Musiktherapie aber geht in diese Richtung.
Auf der Pressekonferenz wird zwar mehrfach betont, wie wichtig eine fundierte, qualitätsgesicherte Ausbildung ist, damit die Therapeuten wissen, was sie tun. Jedoch wird nicht wirklich deutlich, worin dieses Wissen und die besondere Qualität dieser Ausbildung besteht. Ebenso bleibt unklar, welchen Schaden ein nicht-qualifizierter Therapeut anrichten mag. Tatsächlich zeigen sich in der WHO-Studie die gleichen positiven Effekte, ob nun ausgebildete Musiktherapeuten mit den Patienten nach allen Regeln der Kunst interagieren oder ob die Patienten ohne Musiktherapeuten, aber mit therapeutischem Anspruch Musik hören oder selbst musizieren. Sabine Koch weist zumindest darauf hin, dass sie mit ihrer psychologischen Expertise emotionale Ausbrüche abfangen könne, die die Therapie womöglich freisetzt.
Fakt ist jedenfalls, dass sich jeder Zupfgeigenhansel nach Lust und Laune Musiktherapeut nennen und eine Praxis eröffnen darf. Denn die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, so Beatrix Evers-Grewe, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Künstlerische Therapien in Berlin. Diese Willkür ist den organisierten Musiktherapeuten naturgemäß ein Dorn im Auge. So betont Lutz Neugebauer, Professor und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, dass sie sich entschieden gegen generell kulturfördernde Maßnahmen – Stichwort Teilhabe und Inklusion – abgrenzen. Gemeint ist damit: Sie therapieren, die anderen machen bloß Musik.
Dieser Claim steht und fällt mit der wissenschaftlichen Evidenz. Und die ist, da kann man noch so für die eigene Sache trommeln, begrenzt. So räumt Neugebauer ein, dass hochwertige Studien, wie man sie von Medikamenten kennt, methodisch kaum machbar sind. Eine Randomisierung ist zwar möglich, eine Verblindung hingegen nicht. Die Erwartung kann also nie ausgeschaltet werden, und die schlägt bei eher subjektiven Endpunkten wie Schmerz und Befinden besonders zu Buche. Zudem beklagt Neugebauer die „desolate Finanzierungslage“, die hochwertigen Studien im Wege stünde – den explodierenden Studienergebnissen, die Koch festgestellt hat, zum Trotz.
Wie heikel die Gratwanderung zwischen dem Musizieren aus bloßer Freude versus dem Musizieren aus therapeutischer Absicht ist, zeigt der Aspekt der Ästhetik. Für Sabine Koch ist das ästhetische Outcome „etwas ganz Wichtiges“. Wer wollte dem widersprechen? Sicher kann Musik ein wunderbarer, bereichernder Genuss sein. So berechtigt also die Forderung nach dem „Schönheitserleben“ ist, so wenig hat das mit harter Medizin zu tun. Denn wenn alles, was schön ist und einem deshalb gut tut, auf Kassenkosten gehen soll, dann gute Nacht.
Gegen den Ärztemangel
Apropos Kosten: Sabine Koch zitiert Studien, laut denen Musiktherapie am Ende Kosten sparen könne, weshalb sich damit sogar dem Ärztemangel entgegenwirken ließe. Folglich erwarten die Experten Rückendeckung von der Politik, eines der zentralen Anliegen des Kongresses. Das ist verständlich, aber noch so ein heikler Punkt. Denn der Gesetzgeber hat den Rahmen abgesteckt, wie das Gesundheitssystem funktionieren soll und als Statthalter über die Frage der Kostenerstattung den G-BA eingesetzt. Aus den konkreten Bewertungen von Verfahren hat er sich gefälligst herauszuhalten. Und das aus gutem Grund, siehe die verheerende Einflussnahme des impfkritischen Gesundheitsministers in den USA.
„Brücken bauen“, das Motto des Kongresses, sei ein „Alleinstellungsmerkmal“ der Musiktherapie, sagt Mona Dittrich. Dem würden Vertreter der anderen Kunsttherapiesparten natürlich vehement widersprechen, denn auch ihnen stellt der WHO-Bericht ja ein gutes Wirksamkeitszeugnis aus.
Bildquelle: Arda E. Genç, Unsplash