Medizinalcannabis kann die Lebensqualität von Patient:innen mit u. a. neurologisch- oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen verbessern. Obwohl medizinisches Cannabis in Deutschland seit 2017 verordnet werden kann und seit April 2024 nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, sehen sich viele Patient:innen weiterhin mit Ablehnung, Vorurteilen und bürokratischen Hürden konfrontiert. Eine qualitative Studie beleuchtet nun die persönlichen Stigmatisierungserfahrungen von Betroffenen in Deutschland und geht dabei auf die öffentliche Wahrnehmung von Medizinalcannabis ein.[1]
Medizinisches Cannabis kann als alternative Therapieoption u. a. bei den folgenden Indikationen eingesetzt werden:
Trotz der Fortschritte in den letzten Jahren hinsichtlich der Verordnungsmodalitäten sowie der öffentlichen Akzeptanz von Medizinalcannabis, sind Patient:innen häufig noch mit Vorurteilen konfrontiert. Sie erleben diese im privaten Umfeld, im Berufsleben, aber auch beim Kontakt mit Ärzt:innen. Insbesondere Menschen mit psychischen Erkrankungen berichten von Diskriminierung aufgrund ihrer Therapie mit Medizinalcannabis.[8],[9]
Welche Auswirkung hat die Stigmatisierung von Medizinalcannabis auf die Patient:innen?
Die Autor:innen Velimir Borojevic und Felicitas Söhner untersuchten anhand einer qualitativen Studie, welche Erfahrungen Patient:innen mit medizinischem Cannabis in ihrem sozialen Umfeld und mit medizinischem Fachpersonal in Deutschland machen. Die Studie mit dem Titel „Detecting and understanding potential stigma among medical cannabis users in Germany“ wurde im April 2025 veröffentlicht.[1]
Studiendesign:[1]
Semistrukturierte Interviews[i] wurden mit 15 Personen (5 Frauen und 10 Männer) aus verschiedenen Regionen und unterschiedlichen Berufen in Deutschland durchgeführt. Das Durchschnittsalter lag bei 39 Jahren (im Bereich = Minimum 22 Jahre, Maximum 58 Jahre; SD=9.199). Es wurden Fragen zu den persönlichen Erfahrungen mit der Anwendung von Medizinalcannabis gestellt. Die Datenerhebung erfolgte gemäß den „consolidated criteria for reporting qualitative research“-(COREQ-)Richtlinien[10] und die Interviews wurden anhand einer systematischen qualitativen Inhaltsanalyse mit der Software MAXQDA ausgewertet.
Patient:innenstimmen[1],[ii]
Die Studienteilnehmer:innen sehen als zentrale Hindernisse für die allgemeine Akzeptanz von Medizinalcannabis die teils negative Mediendarstellungen und den mangelnden öffentlichen Wissensstand. Ein Studienteilnehmer führt aus:
„Man sieht es immer wieder in den Medienberichten, auch wenn es um medizinisches Cannabis geht, dass es einen super negativen Unterton gibt. Man sollte kritisch sein, aber das sollte man bei jedem Medikament.“
Fehlendes Wissen zu Medizinalcannabis in der Gesellschaft ist für die Studienteilnehmer:innen eine der Hauptkomponenten für die negative soziale Wahrnehmung, daher sollte die Öffentlichkeit weiter aufgeklärt werden. Ein Polizist betont:
„Es sollte öffentliches Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Medizinalcannabis-Patienten auch normale Menschen sind, die Hobbys und die eine Familie haben. Sie führen ein normales Leben und haben nicht von morgens bis abends mit Cannabis zu tun.“
Eine Krebspatientin beschreibt, wie sie alltägliche Aktivitäten mithilfe der Medizinalcannabis-Therapie wieder aufnehmen kann:
„Ich bin jetzt überzeugt vom Thema Medizinalcannabis. Ich hätte das nie gedacht. Ich kann wieder aktiv sein, arbeiten und mit Freunden ausgehen. Es gibt mir meine Lebensqualität zurück!“
Ein Studienteilnehmer berichtet von seinen Erfahrungen mit medizinischem Fachpersonal:
„Ich war im letzten Jahr mit einem Magengeschwür im Krankenhaus. Als ich sagte, dass ich Medizinalcannabis-Patient bin, wollten sie mich nicht mehr richtig untersuchen.“
Hoher Bedarf an öffentlicher Aufklärung zu Medizinalcannabis
Die Studienergebnisse zeigen, dass Patient:innen eine bessere Lebensqualität durch die Einnahme von Medizinalcannabis haben, aber gleichzeitig auch auf gesellschaftliche Probleme stoßen. Die Stigmatisierung ist dabei trotz der Legalisierung ein zentrales Thema.
Die Autor:innen betonen die hohe Relevanz der weiteren Aufklärung zur Therapie mit Medizinalcannabis sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei medizinischem Fachpersonal. Dabei ist eine klare Differenzierung zwischen dem medizinischen Einsatz und dem Freizeitkonsum sehr wichtig, damit die Therapie mit Medizinalcannabis normalisiert und als rationale Medizin anerkannt wird.[1]
Ausblick: Wandel in der Wahrnehmung von Medizinalcannabis
Ein allmählicher Wandel in der Wahrnehmung von Medizinalcannabis ist abzusehen. Die Zahl wissenschaftlicher Studien, die den medizinischen Nutzen von Medizinalcannabis belegen, wächst kontinuierlich. Insbesondere die Gesetzesänderungen im April 2024[11] haben im medizinischen Bereich zu einer breiteren Akzeptanz geführt. Darüber hinaus trägt eine zunehmend differenzierte Berichterstattung dazu bei, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen und die Entstigmatisierung weiter voranzutreiben.
Aktuelle Informationen zur therapeutischen Anwendung von Medizinalcannabis finden Sie unter dem folgenden Link: https://www.420pharma.de/fachbereich/arzt
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Referenzen
[1] Borojevic V, et al. Detecting and understanding potential stigma among medical cannabis users in Germany. BMC Public Health. 2025 Mar 5;25(1):874. doi: 10.1186/s12889-025-22084-w.
[2] Koppel BS, et al. Systematic review: efficacy and safety of medical marijuana in selected neurologic disorders: report of the Guideline Development Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurol. 2014;82(17):1556-63.
[3] Bilbao A, et al. Medical cannabinoids: a pharmacology-based systematic review and meta-analysis for all relevant medical indications. BMC Med. 2022 Aug 19;20(1):259. doi:10.1186/s12916-022-02459-1.
[4] Ebadi SR, et al. The effect of cannabidiol on seizure features and quality of life in drug-resistant frontal lobe epilepsy patients: a triple-blind controlled trial. Front Neurol. 2023 Jul 3;14:1143783. doi: 10.3389/fneur.2023.1143783.
[5] Aviram J, et al. Short-Term Medical Cannabis Treatment Regimens Produced Beneficial Effects among Palliative Cancer Patients. Pharmaceuticals (Basel). 2020 Nov 30;13(12):435. doi:10.3390/ph13120435.
[6] Gastmeier K, et al. Cannabinoids reduce opioid use in older patients with pain : Retrospective three-year analysis of data from a general practice. Schmerz. 2022;10.1007/s00482-022-00642-0. doi:10:1007/s00482-022-00642-0.
[7] de Carvalho JF, et al. Cannabis therapy in rheumatological diseases: A systematic review. North Clin Istanb. 2024 Jul 22;11(4):361-366. doi: 10.14744/nci.2023.43669.
[8] Wanke M, et al. Culture matters! Changes in the global landscape of cannabis. Drugs 2022;29:1-6.
[9] Hathaway AD. Cannabis users’ informal rules for managing stigma and risk. Deviant Behav. 2004;25(6):559-77.
[10] https://onlinelibrary.wiley.com/pb-assets/assets/17416612/COREQ_Checklist-1556513515737.pdf (Zuletzt aufgerufen am 14.07.2025)
[11] https://www.kbv.de/praxis/verordnungen/arzneimittel/cannabis (Zuletzt aufgerufen am 14.07.2025)
[i] Interviewleitfaden, der flexibel an die Interviewsituation angepasst werden kann.
[ii] Leicht modifiziert zur besseren Lesbarkeit.