Neue Studie zeigt: Pneumonie-Risiko hängt von der Dosis und dem Rezeptorbindungsprofil ab
Antipsychotika stellen eine wichtige Therapiesäule bei der Behandlung der Schizophrenie dar.[1] Zu den häufig übersehenen Nebenwirkungen der antipsychotischen Therapie gehören u. a. Lungenentzündungen (Pneumonien): In Beobachtungsstudien konnte gezeigt werden, dass die Behandlung mit Antipsychotika mit einem erhöhten Risiko für Pneumonien assoziiert ist.[2],[3] Genauere Informationen über den Zusammenhang zwischen Pneumonien und Antipsychotika lagen jedoch bis vor kurzem nicht vor. Ergebnisse einer aktuellen Kohortenstudie von Luykx et al. zu diesem Thema haben jedoch ein wenig Licht ins Dunkle gebracht: Im Fokus steht die Beobachtung, dass sich das Pneumonie-Risiko bei einer Antipsychotika-Monotherapie und Antipsychotika mit hoher anticholinerger Belastung mit steigender Dosis erhöht.[4]
In der Studie von Luykx et al. wurden Daten von 61.889 PatientInnen (≥ 16 Jahre) mit Schizophrenie oder schizoaffektiver Störung aus finnischen Registern (von 1972 bis 2014) ausgewertet, um das mit bestimmten Antipsychotika assoziierte Risiko von Pneumonien abzuschätzen, und den Einfluss der Dosierung sowie der Rezeptorbindungseigenschaften der Medikamente sowie die Einnahme mehrerer Antipsychotika (Polymedikation) zu untersuchen.4 Primärer Endpunkt war die Hospitalisierung aufgrund von Pneumonie. Das Follow-up der Studie dauerte von 1996 bis 2017.4
Im Verlauf der 22 Jahre hatten 8.917 PatientInnen (14,4 %) einen oder mehr Krankenhausaufenthalte wegen Lungenentzündung und 1.137 (12,8 %) von ihnen starben innerhalb von 30 Tagen nach der Aufnahme.
Pneumonie-Risiko: Auf die Dosis kommt es an…
Entgegen allen Erwartungen war die Einnahme von Antipsychotika im Vergleich zu keiner Einnahme von Antipsychotika insgesamt nicht mit einem erhöhten Pneumonie-Risiko verbunden
(Adjusted hazard ratio [AHR]: 1,12 [95 %-Konfidenzintervall [KI]: 0,99-1,26]).4 Jedoch erhöhte sich das Risiko für Lungenentzündungen bei hohen Dosen von Antipsychotika um ca. 20 % (AHR: 1,20 [95 %-KI: 1,06-1,37]; p = 0,005). Ebenfalls war eine hochdosierte Antipsychotika-Monotherapie verglichen mit keiner Einnahme mit einer Pneumonie assoziiert: Hier konnte ein um 36 % gesteigertes Risiko für das Auftreten von Pneumonien ermittelt werden (AHR: 1,36 [95 %-KI: 1,18-1,56]; p < 0,001).4
… und auf die anticholinerge Last!
Die AutorInnen der Studie nahmen zudem an, dass einige atypische Antipsychotika, die zusätzlich zur Dopaminblockade u. a. auch an muskarinergen Rezeptoren antagonistisch wirken, auch zu einem höheren Pneumonie-Risiko beitragen können: So erhöhte die Hochdosis-Therapie mit Quetiapin das Risiko um 78 %, die hoch- oder mitteldosierte Therapie mit Clozapin um 43 bis 44 % sowie hochdosiertes Olanzapin um 29 %.4 Dies hängt wahrscheinlich mit der anticholinergen Last zusammen, so die AutorInnen. Die Inhibition des muskarinergen Acetylcholin-Rezeptors kann nämlich mit zentralnervösen und peripheren Nebenwirkungen verbunden sein, die die Entstehung einer Pneumonie begünstigen können: Dazu gehören z. B. eine reduzierte Mucussekretion und mangelnde Speichelproduktion, die zu einer Abschwächung der natürlichen Infektionsabwehr gegenüber aerogenen Pathogenen führen können. Weitere Pneumonie-begünstigende Effekte von anticholinergen Antipsychotika sind die Hemmung der mukoziliären Clearance sowie die Reduktion des Drucks des unteren ösophagalen Sphinkters.4
Die vorliegenden Ergebnisse zur Beziehung zwischen Antipsychotika und Pneumonien müssen jedoch kritisch betrachtet werden: Die AutorInnen räumen nämlich als Schwäche ein, dass andere mögliche Risikofaktoren für die Entstehung einer Pneumonie wie z. B. Rauchen und andere Lebensstilfaktoren nicht in der Auswertung berücksichtigt wurden.4 Zudem wurden nur eine kleine Auswahl atypischer Antipsychotika in der Studie untersucht (Clozapin, Olanzapin, Quetiapin und Risperidon). Unabhängig davon sollten jedoch grundsätzlich bei der Verordnung von Antipsychotika Nebenwirkungen stärker berücksichtigt werden.
Auswahl eines Antipsychotikums: Nebenwirkungsprofil ist ein ausschlaggebender Faktor
Da alle Antipsychotika eine vergleichbare Wirksamkeit sowie ähnlich hohe Ansprechraten bei Ersterkrankungen aufweisen, soll die Auswahl des Antipsychotikums primär an den Nebenwirkungen orientiert erfolgen.1 Abgesehen von der direkten Belastung der PatientInnen durch mögliche Nebenwirkungen, können diese auch dazu führen, dass die antipsychotische Therapie nur unregelmäßig eingenommen oder im schlimmsten Fall abgesetzt wird: Eine unzureichende Adhärenz kann jedoch gravierende Folgen haben, darunter ein erhöhtes Risiko für Rückfälle[5].
Vor diesem Hintergrund kommt der Auswahl des Antipsychotikums eine bedeutende Rolle zu. Unter den Antipsychotika mit einem günstigen Nebenwirkungsprofil gehört u. a. das Atypikum Aripiprazol-Depot.1,[6] (Lesen Sie hier mehr zum Nebenwirkungsprofil von Aripiprazol). Es ist als 1-Monatsdepot (Abilify Maintena® 400 mg[7]) und seit dem Frühjahr auch als 2-Monatsdepot (Abilify Maintena® 960 mg[8]) verfügbar.
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Fazit
Es ist schon länger bekannt, dass Antipsychotika mit einem höheren Pneumonie-Risiko einhergehen können. Aktuelle Daten einer finnischen Kohortenstudie zeigen, dass dieses Risiko mit der Dosis und dem Gebrauch von atypischen Antipsychotika ansteigt. Vor diesem Hintergrund sollte das Pneumonie-Risiko unter einer antipsychotischen Therapie stärker berücksichtigt werden. Grundsätzlich ist es von Vorteil, wenn für die Therapie ein Antipsychotikum mit einem für die PatientInnen möglichst günstigen Nebenwirkungsprofil wie z. B. Aripiprazol-Depot7,8 eingesetzt wird.
Referenzen
[1] Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) (Hrsg.), S3-Leitlinie Schizophrenie 2019, AWMF-Register Nr. 038–009.
[2] Kuo CJ et al. Schizophr Bull 2013;39:648-657.
[3] Gau JT et al. BMC Geriatr 2010;10:45.
[4] Luykx JL et al. JAMA Psychiatry 2024:e241441.
[5] Robinson D et al. Arch Gen Psychiatry 1999;56:241-247.
[6] Leucht S et al. Lancet 2013;382:951-962.
[7] Fachinformation Abilify Maintena® 400 mg, aktueller Stand.
[8] Fachinformation Abilify Maintena® 960 mg, aktueller Stand.
DE-ASMT-0236 DE-AM2-2400267 V.1.0.